Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 28: Heinrich Altmann

Der Anruf kam am Mittwoch, kurz vor elf.

Ich war im Englischen Garten gewesen. Seit drei Wochen ging ich dort zweimal in der Woche spazieren. Nicht die große Runde, die ich als junge Frau gelaufen war, sondern eine kleinere, am Kleinhesseloher See vorbei, dann zurück über die Brücke, die man im Winter wegen der Eisplatten sperrte. Ich war langsamer als früher, aber ich war nicht mehr außer Atem. Das war ein Fortschritt, den ich nicht erwähnte, weil ich wusste, dass er wieder verschwinden würde, wenn ich zu viel über ihn nachdachte.

Ich war kaum zurück, da klingelte das Haustelefon.

Frau Brandl rief aus der Küche:

„Für Sie.“

„Name?“

„Herr Altmann.“

Ich blieb einen Moment im Flur stehen. Dann nahm ich den Hörer vom Apparat im Wohnzimmer.

„Hartmann. Emilia.“

„Richter“, sagte eine tiefe, trockene Stimme. „Sie dürfen sich nennen, wie Sie wollen. Ich sage Richter. So wie Ihr Vater, wenn er sich selber meinte.“

„Herr Altmann.“

„Heinrich genügt.“

„Heinrich.“

„Frau Richter. Ich wollte Sie nicht überfallen. Ich hatte überlegt, zu schreiben. Dann habe ich gedacht, dass Briefe in meinem Alter nicht mehr unterwegs sein sollen, wenn ich sicher sein will, dass sie ankommen.“

Ich lachte halb. Seine Stimme war vom ersten Satz an angenehm. Sie war eine Stimme, die keine Zeit verschwenden wollte, ohne dass sie gehetzt klang.

„Heinrich, was kann ich für Sie tun?“

„Nichts. Das ist schon das Seltene an diesem Anruf. Ich möchte Ihnen etwas sagen, nicht etwas nehmen. Ich habe eine Frage, aber nicht an Sie. Ich habe sie an mich, und ich möchte, dass Sie die Antwort kennen.“

Das war der erste Satz, der mich auf den Stuhl setzte, der neben dem Telefon stand. Ich setzte mich.

„Ich höre.“

„Ihr Mann“, sagte er. „Mark Hartmann. Er hat mich vor zehn Tagen angerufen. Das hatte er seit ungefähr sechs Jahren nicht mehr getan. Damals hatten wir eine Sache, bei der ich ihm nicht geholfen habe. Es war eine Kleinigkeit, die er für groß gehalten hat. Er hat mir seitdem nicht mehr geschrieben. Das war in Ordnung. Ich hatte ihm nicht geschrieben, das war auch in Ordnung. Vor zehn Tagen rief er an. Er wollte mich zum Mittagessen einladen. Er war freundlich. Er war sogar warm, auf eine Art, wie er es früher nicht war. Ich habe ihm gesagt, dass ich an diesem Dienstag keine Zeit habe. Er hat einen anderen Tag vorgeschlagen. Ich habe ihm gesagt, dass ich auch in diesem Monat keine Zeit habe. Es war eine höfliche Absage.“

„Das verstehe ich.“

„Ich sage es Ihnen nicht, um gelobt zu werden, Frau Richter. Ich sage es Ihnen, weil er mich anschließend etwas gefragt hat. Er hat mich gefragt, ob ich ihm bei einer alten Sache helfen könnte. Er hat nicht im Einzelnen gesagt, welche. Er hat gesagt: Sie kennen bestimmte Papiere aus der Zeit, als meine Firma gegründet wurde. Sie waren ein Freund von Emilias Vater. Ich suche eine Stellungnahme zu einer Unterschrift. Es wäre mir sehr wichtig.“

Ich schwieg.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich habe nicht nachgefragt, welche Unterschrift. Ich habe gesagt, dass ich keine Stellungnahmen mehr abgebe. Ich bin achtundsechzig. Mein Gedächtnis ist so gut, wie es an einem bestimmten Tag sein will. Ich habe ihm das genau so gesagt. Er war enttäuscht. Er ist höflich geblieben. Wir haben uns verabschiedet.“

„Danke, dass Sie mir das erzählen.“

„Ich erzähle es Ihnen, Frau Richter, aus zwei Gründen. Der erste: Ich möchte Sie nicht in die Situation bringen, dass Sie in ein oder zwei Jahren in einem Gerichtssaal erfahren, dass ich vor Ihrem Mann die Frage hatte, bei der wir alle hier einen kleinen Moment kurz innehalten sollten. Der zweite: Ich möchte sichergehen.“

„Sichergehen.“

„Ja.“

„Worüber?“

Er räusperte sich. Er tat das nicht, um Zeit zu gewinnen. Er tat es, weil er ein alter Mann war, der seine Stimme klar halten wollte.

„Ob Sie wissen, dass diese Unterschrift existiert.“

Ich sah zur Fensterseite. Draußen fuhr eine Frau mit einem Fahrrad am Zaun vorbei, sehr langsam, wegen des nassen Weges.

„Ich weiß, dass sie existiert.“

„Dann ist alles gesagt, was ich Ihnen sagen wollte.“

„Darf ich fragen, Heinrich.“

„Bitte.“

„Kannten Sie meinen Vater an dem Tag?“

„Ich kannte ihn an jedem Tag, den er hatte. Ich habe ihn seit dem Studium gekannt. Wir waren nicht sehr eng. Sie wissen, wie er war. Ihr Vater war eng mit wenigen, auch mit wenigen, mit denen er sich nicht eng nannte. Aber wir waren eng genug, dass ich ihn manchmal in Münchner Kaffeehäusern sitzen sah, in den Wochen, von denen wir jetzt sprechen. Er sah nicht gut aus. Ich habe ihn einmal gefragt. Er hat gesagt: Heinrich, nimm mir meine Ruhe nicht. Ich sehe nicht gut aus, weil ich nicht schlafe. Ich schlafe nicht, weil ich etwas unterschrieben habe, das ich nicht hätte unterschreiben sollen. Dann hat er mir nichts mehr gesagt. Wir haben Kaffee getrunken. Wir haben über seinen Sohn in Hamburg gesprochen. Über Sie in Bonn. Ich habe nicht nachgefragt. Ich habe es ihm bis zu seinem Tod nicht vorgehalten. Ich halte es mir jetzt selbst vor.“

„Warum jetzt?“

„Weil Ihr Mann mich angerufen hat. Ich hätte sonst geschwiegen. Ihr Vater wollte, dass man schweigt. Das war seine Eigenschaft. Aber wenn jemand jetzt diese Unterschrift wieder aufblättern will, dann nicht zu Ihren Gunsten. Dann möchte ich wenigstens, dass Sie wissen, was ich weiß. Es ist nicht viel. Es ist nur ein paar Sätze im Kaffeehaus. Aber es ist etwas.“

Ich schluckte. Das tat ich selten.

„Heinrich.“

„Ja.“

„Darf ich das Herrn Dr. Weber sagen?“

„Weber.“

„Mein Anwalt. Briennerstraße.“

„Ich kenne ihn. Er war der Anwalt Ihres Vaters, bis zuletzt. Sagen Sie es ihm. Er weiß, was davon zu halten ist.“

„Würden Sie ihm gegebenenfalls auch gegenübertreten?“

„Wenn er mich fragt, ja. Aber es soll nicht ich sein, der zu ihm geht. Es soll Weber sein, der zu mir kommt, wenn er es braucht. Das ist die Reihenfolge, die Ihr Vater vorgezogen hätte.“

„Danke.“

„Bitte.“

Er schwieg einen Moment.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich habe Ihre Mutter im Winter vor ihrem Tod dreimal in Grünwald gesehen. Sie war bei Bekannten. Sie hat jedes Mal dieselbe Tasche getragen. Ich mache mir da keine großen Geschichten. Ich sage es Ihnen, weil es so banal ist, dass es in meinem Kopf geblieben ist. Eine Tasche. Aus grünem Leder. Sie war neu, in der Form, in der Dinge alt aussehen, obwohl sie neu sind. Ihre Mutter hat sie sich, glaube ich, selbst gekauft, weil sie etwas brauchte, in dem alles hineinpasste. Ich habe nie gesehen, was in der Tasche war. Ich sage es Ihnen nur. Sie entscheiden, ob es ein Detail ist, das Ihnen etwas nützt, oder eines, das einfach nur so ist.“

Ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte.

„Danke, Heinrich.“

„Wir sehen uns eines Tages. Ich komme nicht zu Empfängen. Sie verstehen das. Aber wenn Sie zur Stiftung kommen, Ihres Vaters Stiftung, dann gehe ich manchmal hin. Ich gehe selten. Aber ich gehe.“

„Ich werde kommen.“

„Sehr gut.“

Er legte auf.

Ich saß noch eine Weile am Telefon, ohne den Hörer zurückzulegen.

Dann legte ich ihn langsam zurück.

Ich ging in das Arbeitszimmer.

Ich setzte mich nicht. Ich stand an der Schublade. Ich öffnete sie. Ich nahm das Heft. Ich nahm den Kugelschreiber. Ich schrieb nicht sofort. Ich überlegte.

Dann schrieb ich drei Zeilen heute. Nicht eine. Das war ungewöhnlich.

„Altmann: Mark hat ihn gefragt.“

„Vater im Kaffeehaus. Unterschrift nicht hätte unterschreiben sollen.“

„Grüne Tasche.“

Ich legte den Kugelschreiber zurück.

Ich ließ das Heft auf dem Schreibtisch liegen, aufgeschlagen, weil ich wusste, dass ich es gleich wieder in die Hand nehmen würde.

Ich ging in die Küche. Ich trank ein Glas Wasser. Frau Brandl sah mich an und fragte nicht. Sie hatte heute früh eine Kanne Kaffee gemacht, die noch halb voll war. Sie goss mir einen neuen Becher ein, ohne zu fragen. Ich trank.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Soll ich mich umhören?“

„Worüber?“

„In der Nachbarschaft. Bei den alten Damen. Sie wissen manchmal Dinge, die ihre Männer nicht wissen.“

Ich sah sie an. Frau Brandl war achtundsechzig. Sie war seit dreißig Jahren im Haus. Sie hatte meine Mutter gekannt, die vom Verschließen einer Küchenschublade so viel wusste wie manche Männer vom Schließen einer Firma.

„Haben Sie je eine grüne Ledertasche meiner Mutter gesehen? Neu, aber so, dass sie alt aussah.“

Frau Brandl dachte drei Sekunden.

„Ja.“

„Wissen Sie, wo sie war?“

„Ich habe sie im Kleiderschrank Ihrer Mutter gesehen, Jahre nach ihrem Tod. Sie war leer. Ich habe sie ins Flurschränkchen gestellt, damit Mark sie nicht entsorgt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er sie bemerkt hätte, aber ich wollte sicher sein.“

„Im Flurschränkchen.“

„Ja. Sie steht noch dort. Ich habe sie vorletzten Monat zum Auslüften auf den Fensterbrett gelegt, dann zurück ins Schränkchen.“

Ich stellte die Tasse ab.

„Zeigen Sie sie mir.“

Wir gingen zusammen in den Flur.

Das Flurschränkchen war ein kleines, dunkles Möbel, das meine Großmutter einmal aus einem Haushalt gekauft hatte, der aufgelöst wurde. Niemand in der Familie hatte es je aufgeräumt. Es war immer einer der Orte gewesen, an denen Dinge lagen, die eine zweite Schublade gebraucht hätten, wenn man sich für sie interessiert hätte.

Frau Brandl öffnete die Tür.

Die Tasche lag ganz hinten. Grünes Leder, geschmeidig, matt. Sie sah auf eine Weise alt aus, die nicht durch Zeit, sondern durch gute Gerbung zustande kam.

Ich nahm sie heraus.

Ich öffnete den Verschluss.

Die Tasche war leer.

Ich tastete die Seitenfächer ab. Auch leer.

Ich öffnete das kleine Fach vorne. Darin lag ein einzelnes, zusammengefaltetes Blatt Papier. Es war dünn. Fotokopie. Es war so oft gefaltet, dass die Falten weiß geworden waren.

Ich faltete es auf.

Es war eine Kopie einer einzelnen Seite aus einem Notariatsvertrag. Die Seite mit einer Unterschrift. Die Unterschrift meines Vaters. Sie war ein wenig schmaler als gewohnt, und darunter hatte jemand mit Bleistift, sehr klein, drei Worte geschrieben.

„Nicht so lesen.“

Das war die Handschrift meiner Mutter.

Ich wusste nicht, was sie damit gemeint hatte. Ich wusste nur, dass sie es gemeint hatte.

Ich faltete das Blatt sorgfältig wieder zusammen.

Ich legte es zurück in das Fach. Ich legte die Tasche zurück in das Schränkchen, genau dorthin, wo sie gewesen war.

Frau Brandl sah mich an.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ist das etwas Wichtiges?“

„Ja.“

„Soll ich darauf achten?“

„Ja. Aber ohne Unruhe. Es bleibt, wo es ist.“

Sie nickte.

Ich rief Dr. Weber an.

Ich rief nicht aus dem Haustelefon, sondern aus dem Handy, draußen auf der Terrasse, wo die kalte Luft meinen Kopf freimachte.

„Frau Richter.“

„Dr. Weber. Wir sollten bald sprechen.“

„Morgen, elf Uhr?“

„Ja.“

„Briennerstraße.“

„Ich komme.“

Ich legte auf.

Ich ging zurück ins Haus. Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters. Ich sah die aufgeschlagene Seite im Heft an. Die drei Zeilen meiner eigenen Handschrift. Heute war der zweite Tag, an dem ich mehr als eine Zeile geschrieben hatte, seit ich das Heft begonnen hatte. Der erste war gewesen, als Clara mir den Vorschlag mit der Agentur gemacht hatte.

Mein Vater hatte oft gesagt, dass selten mehr passiere an einem Tag, als in einer Zeile aufzuschreiben sei. Er hatte Unrecht gehabt. Aber nicht oft.

Ich schloss das Heft.

Ich schloss die Schublade.

Draußen dämmerte es. Ich hörte aus der Küche, wie Frau Brandl ein Messer auf dem Brett ablegte. Das war ihre Art, mir zu zeigen, dass sie fertig war und gehen wollte. Ich stand auf und ging zu ihr.

„Danke.“

„Für die Tasche?“

„Für die Tasche. Und für das, was Sie getan haben, bevor Sie wussten, ob es wichtig war.“

Frau Brandl nickte nur. Sie ging.

Ich schloss die Haustür hinter ihr.

Die Villa war wieder still.

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