Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 11: Die Frage

Ich dachte die ganze Nacht über die Frage nach.

Nicht in der Art, in der man über eine Aufgabe nachdenkt, die man lösen muss. Eher in der Art, in der man eine Sache im Kopf bewegt, bis sie sich von selbst an den Platz legt, an den sie gehört.

Was wollte ich nicht mehr tun.

Ich hatte nach dem Nachmittag mit Frau Brandl einen Tee getrunken, den sie ohne Frage auf den Tisch gestellt hatte. Ich hatte eine Stunde mit einem Buch in der Hand gesessen, ohne zu lesen. Ich hatte um neun einen Brief an Jan begonnen und ihn nach drei Zeilen wieder abgebrochen, weil ich nicht wusste, was ich ihm sagen sollte. Ich hatte gegen elf Uhr das Licht gelöscht.

Ich hatte nicht gut geschlafen.

Aber anders als in den letzten Wochen war das Nichtschlafen nicht zermürbend. Es war nur das Kreisen eines Gedankens, der einen bestimmten Platz suchte.

Gegen vier Uhr morgens wusste ich, was ich Weber sagen würde.

Ich stand nicht auf. Ich schrieb es nicht nieder.

Ich wiederholte es nur in Gedanken, dreimal, bis ich sicher war, dass es bis zum Morgen stehen würde.

Dann schlief ich ein.

Ich fuhr am nächsten Morgen wieder in die Briennerstraße.

Ich fuhr etwas langsamer als am Tag zuvor. Nicht aus Zögern. Aus einer Art Respekt vor dem, was kommen würde. Manche Sätze werden einem Menschen gesagt, und manche Sätze werden einem Zimmer gesagt, und manche Sätze werden einem selbst gesagt, erst dann jemand anderem. Der Satz, den ich heute sagen würde, war zuerst für mich gewesen.

Frau Dr. Stelzer öffnete wieder.

„Frau Richter.“

„Frau Dr. Stelzer.“

Sie nickte einmal. Sie nahm mir den Mantel ab.

Diesmal führte sie mich nicht in das Empfangszimmer. Sie führte mich weiter hinten in den kleineren Raum, den Weber sein Arbeitszimmer nannte, der in Wirklichkeit eine Bibliothek war, mit Büchern an drei Wänden, einem dunklen Teppich und einem niedrigen Tisch zwischen zwei Lesesesseln.

Weber stand am Fenster, als ich eintrat.

Er drehte sich nicht sofort um.

Er ließ mir den Raum, in das Zimmer hineinzukommen.

„Guten Morgen, Frau Richter.“

„Guten Morgen, Herr Weber.“

Dann drehte er sich um.

Er hatte heute eine andere Weste an, hellgrau, und die gleiche Art schwarzes Tuch zwischen dem Kragen. Er sah, wie ich fand, etwas weniger müde aus als am Vortag. Vielleicht hatte es ihm gut getan, die Unterlagen zu lesen.

Er deutete auf einen der Sessel.

„Setzen Sie sich.“

Er setzte sich mir gegenüber.

Auf dem niedrigen Tisch zwischen uns lag die Ledertasche, geschlossen. Daneben, auf einer schmalen Mappe, ein einziges Blatt, auf dem er mit Bleistift Notizen gemacht hatte.

Er berührte die Mappe nicht.

Er sah mich an.

„Ich habe die Unterlagen gelesen“, sagte er.

„Ja.“

„Wir sprechen später darüber. Nicht jetzt.“

Ich nickte.

„Haben Sie eine Antwort auf meine Frage?“

„Ja.“

„Ich höre.“

Ich sagte es nicht sofort.

Ich hatte mir in der Nacht vorgestellt, ich würde es schnell sagen, damit es heraus wäre. Aber jetzt, als ich vor ihm saß, wollte es nicht schnell heraus. Es wollte langsam heraus, damit es die Größe hatte, die es für mich hatte.

Ich sah kurz an ihm vorbei, zum Fenster.

Draußen war der Himmel heller als gestern. Nicht sonnig. Nur heller.

Ich sah ihn wieder an.

„Ich will nichts mehr für ihn tun.“

Weber antwortete nicht gleich.

Er ließ den Satz zwischen uns liegen.

Er tat es nicht, um ihn zu prüfen. Er tat es, um ihm Raum zu geben.

Ein Satz, den man ausspricht, ist nicht derselbe wie ein Satz, den man im Kopf dreht. In dem Moment, in dem ich ihn laut gesagt hatte, hatte er einen Körper bekommen. Er stand zwischen mir und Weber wie ein drittes Wesen. Er war ruhig. Er war nicht laut. Er war nicht aggressiv. Aber er war sehr klar.

Dann sagte Weber:

„Gut. Das ist ein Anfang.“

Er stand auf.

Er ging zu seinem Schreibtisch und nahm dort einen Bleistift. Er kam zurück. Er legte den Bleistift auf das Blatt mit seinen Notizen. Er setzte sich wieder.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich möchte, dass Sie genau verstehen, was Sie gerade gesagt haben.“

„Ich glaube, ich verstehe es.“

„Dann sagen Sie es mir in Ihren eigenen Worten.“

Ich dachte einen Moment.

„Ich habe für Mark zwölf Jahre lang Dinge getan, die er selbst nicht hätte tun können. Ich habe in seinem Rücken Anrufe geführt. Ich habe Unterlagen vorbereitet, die er unterschrieben hat, als wären sie von ihm. Ich habe Fehler korrigiert, bevor er sie bemerkt hat. Ich habe Beziehungen gehalten, zu seinen Geschäftspartnern, weil er ohne mich hätte ungeschickt gewirkt. Ich habe gearbeitet, während er verwaltet hat.“

„Ja.“

„Ich werde das nicht mehr tun.“

„Ja.“

„Wenn er jemanden aus der Firma zu mir schickt, werde ich nicht antworten. Wenn er mich selbst anruft, werde ich nicht abnehmen. Wenn einer seiner Partner mich fragt, werde ich höflich sagen, dass ich nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun habe. Ich werde keine Kopie von irgendeinem Vertrag ausdrucken, die ich noch habe, wenn er sie in den nächsten Monaten brauchen wird. Ich werde nicht helfen.“

Ich hielt einen Moment inne.

„Ich werde auch nicht behindern.“

Ich sagte das letzte etwas langsamer.

„Ich werde nichts tun, Herr Weber. Weder für ihn, noch gegen ihn. Ich werde einfach nur aufhören, Teil von ihm zu sein.“

Weber schrieb etwas auf sein Blatt.

Es war ein einziges Wort, mit seinem Bleistift, und von meinem Sitz aus sah es aus wie „Selbstschutz“. Aber ich war mir nicht sicher.

Er legte den Bleistift wieder hin.

„Frau Richter“, sagte er. „Das ist nicht Rache.“

„Nein.“

„Das ist nicht Bestrafung.“

„Nein.“

„Es ist Ihr Recht.“

„Ja.“

„Und es ist vermutlich auch das Schwierigste, was Sie in den nächsten Monaten tun werden.“

Ich sah ihn an.

„Das habe ich mir gedacht.“

„Ein Mensch, der gewohnt ist, zu helfen, hört nicht leicht auf. Sie werden immer wieder eine Situation haben, in der Sie etwas tun könnten, das Ihrem Mann nutzen würde, und die erste Reaktion Ihres Körpers wird sein, es zu tun. Sie werden lernen müssen, die Hand zurückzuziehen.“

„Ich weiß.“

„Nicht einmal. Vielen Male.“

„Ich weiß.“

Er nickte.

Er sprach dann länger, über die Unterlagen.

Er zeigte mir, was er gelesen hatte. Er markierte mit dem Bleistift drei Stellen in dem Vertrag aus dem Herbst 2013, die er im Detail prüfen wollte. Er erklärte mir, dass die Unterschrift meines Vaters aus gutachterlicher Sicht möglicherweise angreifbar sei, aber dass er heute noch keine Empfehlung aussprechen würde, ob und wann wir das tun würden.

„Das ist Ihre Entscheidung“, sagte er. „Und es ist nicht dringend.“

Er erklärte mir, dass die Aktennotiz in seinem Safe lag, dass er sie morgen herausholen und ihr eine formelle Registriernummer geben würde, sodass sie im Notfall, falls es je notwendig würde, als offizielles Dokument zur Verfügung stünde.

Er erklärte mir, dass er die Scheidungspapiere von Marks Anwalt prüfen würde, dass er den Entwurf als ungünstig für mich einschätzte, dass er aber keine Gegenforderung stellen würde, solange ich es nicht ausdrücklich wünschte.

„Wir arbeiten von Ihrer Linie aus“, sagte er. „Nicht von seiner. Sie entscheiden, wann wir reagieren. Ihr Mann wird entscheiden, wann er reagiert. Wir werden sehen, wer zuerst etwas tut.“

„Mark tut gerne etwas“, sagte ich.

„Ich weiß“, sagte Weber. „Das ist Ihr Vorteil.“

Wir sprachen über zwei Stunden.

Am Ende stand ich auf.

Er stand auch auf.

Er reichte mir diesmal die Hand.

Sie war trocken und warm. Er hielt sie nicht länger, als es ein Mann hält, der einem anderen Menschen damit Respekt zeigt, ohne ihn zu vereinnahmen.

„Bis nächste Woche, Frau Richter.“

„Bis nächste Woche, Herr Weber.“

Ich ging durch den kurzen Flur.

Frau Dr. Stelzer hatte schon meinen Mantel in der Hand. Sie hielt ihn mir auf. Ich schlüpfte hinein. Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus.

„Grüßen Sie Frau Brandl von mir.“

Ich sah sie überrascht an.

„Sie kennen Frau Brandl?“

Frau Dr. Stelzer lächelte. Kaum sichtbar.

„München ist nicht groß, Frau Richter. Ich habe Ihre Mutter in der letzten Woche ihres Lebens besucht. Frau Brandl hat die Tür geöffnet.“

Ich sagte nichts. Ich konnte nicht.

Ich nickte nur.

Ich ging die Treppe hinunter.

Ich hatte keine Eile.

Auf der untersten Stufe hielt ich kurz inne. Ich stand auf dem roten, in der Mitte abgelaufenen Läufer. Die Messingtafel mit den kleinen Lilien war hier nicht zu sehen, aber ich wusste, dass sie über mir hing.

Ich ging weiter.

Ich trat aus dem Haus.

Die Briennerstraße lag in ihrem matten Novemberlicht. Ein Mann zog einen Koffer an mir vorbei. Eine Frau mit einem Baby an der Brust sprach in ein Telefon auf Französisch. Ein Auto bog langsam in die Kardinal-Döpfner-Straße ab.

Ich ging zu meinem Wagen.

Ich stieg nicht sofort ein.

Ich legte die Hand auf das Dach und sah kurz zurück zum Fenster im ersten Stock.

Weber stand dort.

Er hob die Hand nicht. Er nickte nur, halb, nur mit dem Kinn. Eine Geste, die man machen kann, ohne dass der andere sie als Geste bemerkt.

Ich nickte zurück.

Ich stieg ein.

Ich fuhr nicht sofort los.

Ich saß im Wagen und atmete einmal langsam aus. Ich spürte den Satz, den ich gesagt hatte, noch immer. Er saß nicht mehr zwischen Weber und mir. Er saß jetzt in mir. Er war klein geworden, als er in mich zurückgegangen war, aber er war härter geworden, dichter, als hätte sich etwas von meinen Außenseiten in ihn zurückgezogen und sich dort verdichtet.

„Ich will nichts mehr für ihn tun.“

Ich hatte es nicht laut gedacht. Ich hatte es gesagt, zu einem Mann, der es aufschrieb.

Das war ein Unterschied.

Ich fuhr durch die Stadt zurück.

Ich fuhr am Hofgarten vorbei, am Haus der Kunst, am Englischen Garten.

Diesmal bog ich kurz rechts ab.

Ich fuhr durch die Straße, in der Marks Zweitwohnung lag, aber ich fuhr nur einmal, langsam, ohne stehen zu bleiben. Ich sah die Fassade. Ich sah das Haus. Ich sah die Nummer.

Ich hielt nicht an.

Ich sah hin, und das war alles.

Dann fuhr ich weiter.

Ich hatte mir immer gedacht, wenn ich je an diesem Haus vorbeifahren würde, würde es etwas in mir auslösen. Es löste nichts aus. Es war nur ein Haus mit einer Nummer. Jemand wohnte darin. Es war nicht mein Mann mehr, auch wenn er dort schlief.

Mein Mann war der Mann gewesen, der vor einer Woche mit einem Umschlag ins Klinikum gekommen war. Der war jetzt weg.

Was übrig war, war ein Fremder, der Mark hieß.

Ich fuhr nach Bogenhausen.

Frau Brandl öffnete die Tür, bevor ich ganz den Kies gequert hatte.

Sie sah mich kurz an.

Sie nickte einmal, als wisse sie es schon.

„Kaffee?“

„Ja.“

„Mit Milch.“

„Ja.“

Ich ging durch die Eingangshalle. Ich legte die Tasche auf den kleinen Tisch im Flur, neben den Schlüssel zum Arbeitszimmer meines Vaters.

Ich blieb einen Moment stehen.

Das Haus war ruhig.

Nicht still.

Ich spürte, wie es atmete.

Ich ging in die Küche.

Frau Brandl hatte die Kaffeemaschine schon angestellt. Sie gab mir die Tasse.

„Der Mann“, sagte sie, „hat vor einer Stunde angerufen. Herr Hartmann.“

„Mark?“

„Ja. Er hat gefragt, ob Sie da sind.“

„Was haben Sie gesagt?“

„Ich habe gesagt, Frau Hartmann sei nicht verfügbar. Ich habe nicht gelogen. Sie waren ja nicht im Haus.“

„Hat er etwas hinterlassen?“

„Er hat gesagt, er melde sich wieder.“

Ich nickte.

Ich trank einen Schluck Kaffee.

Der Kaffee war gut. Er hatte genau die Temperatur, die mein Mund heute haben wollte.

Ich dachte an Webers Satz.

„Ein Mensch, der gewohnt ist, zu helfen, hört nicht leicht auf. Sie werden lernen müssen, die Hand zurückzuziehen. Nicht einmal. Vielen Male.“

Ich würde sie zurückziehen.

Einmal.

Und dann noch einmal.

Und dann wieder.

Bis es mir nicht mehr wie Zurückziehen vorkam, sondern nur noch wie Stehen.

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