Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 45: Der Brief der Mutter

Das Papier war dünner, als ich es in Erinnerung hatte.

Meine Mutter hatte immer das gleiche Briefpapier benutzt. Hellelfenbeinfarben, mit einem leichten, kaum sichtbaren Muster im Hintergrund, das man nur sah, wenn man es schräg ins Licht hielt. Sie hatte das Papier von einem Geschäft an der Theatinerstraße bezogen, das es heute nicht mehr gab.

Ich hatte zwei Bögen davon in einer Schublade meines Schreibtisches aufgehoben, leer, unbeschrieben, seit fast zwanzig Jahren. Ich hatte sie nie benutzt. Ich hatte sie nur ab und zu in die Hand genommen und wieder zurückgelegt.

Heute hielt ich vier Bögen davon, die meine Mutter selbst beschrieben hatte, in der Hand.

Vier Bögen. Beidseitig beschrieben. Ihre Handschrift, ruhig, ein wenig nach rechts geneigt, mit den langen Schleifen, die sie in der Mädchenschule gelernt und nie abgelegt hatte.

Oben links, in einer kleineren Schrift, das Datum.

*München, 12. März.*

Kein Jahr. Sie hatte es nicht für nötig gehalten. Sie hatte gewusst, dass das Jahr aus dem Brief selbst hervorgehen würde.

*Liebe Emilia,*

*wenn Du diesen Brief liest, dann ist Margot zu dem Schluss gekommen, dass Du ihn brauchst. Margot hat einen guten Sinn dafür. Du wirst ihr nicht sagen müssen, was darin steht, und sie wird Dich nicht fragen.*

*Ich schreibe diesen Brief heute, weil ich nicht weiß, ob ich nächste Woche noch klar genug sein werde, um ihn zu schreiben. Die Ärzte sagen mir, dass ich noch Zeit habe. Ich glaube ihnen das eine, und ich glaube ihnen das andere nicht. Eine Mutter weiß manche Dinge schneller als ein Arzt.*

Ich legte den Bogen auf den Tisch.

Ich atmete einmal aus.

Ich nahm ihn wieder.

*Du bist einundzwanzig. Du studierst in München. Du bist dieses Frühjahr ein paar Mal nach Hause gekommen, mit einem Gesicht, das schon nicht mehr ganz das eines Mädchens ist. Ich habe Dich beobachtet. Ich habe gesehen, wie Du Dich änderst.*

*Ich werde Dich nicht heiraten sehen. Ich werde Deine Kinder nicht sehen, falls Du welche bekommst. Ich werde Dich nicht in einem schweren Jahr Deines Lebens beraten können. Das ist die einzige Sache an meinem Tod, die mich wirklich kränkt.*

*Aber eine Mutter weiß einiges im Voraus. Sie weiß nicht, was passieren wird. Sie weiß, was passieren kann.*

*Deshalb schreibe ich Dir heute über etwas, das vielleicht nie geschehen wird. Wenn es nie geschieht, dann hast Du diesen Brief nie gelesen, und das ist das Beste.*

*Aber wenn Du ihn liest, dann ist es geschehen.*

Ich legte die Bögen in den Schoß und sah noch einmal aus dem Fenster.

Meine Mutter hatte schon vor siebzehn Jahren gewusst, dass es einen Mann wie Mark in meinem Leben geben könnte. Sie hatte Mark nicht gekannt. Sie war gestorben, als er noch in einer anderen Stadt lebte und seinen Weg in die Münchner Kreise erst suchte. Sie hatte ihn nicht gemeint. Sie hatte den Typus gemeint.

Eine Mutter sieht im Voraus, was sie selbst gesehen hat.

Ich nahm die Bögen wieder.

*Emilia, eines Tages wirst Du einem Mann begegnen, der Dich liebt, weil Du etwas hast, das er nicht hat. Klugheit. Ruhe. Eine Familie, die hinter Dir steht. Geld, vielleicht. Eine Stellung, vielleicht.*

*Solche Männer sind nicht alle schlecht. Manche von ihnen werden Dir treu sein und Dir eine gute Ehe schenken. Aber andere werden anfangen, das, was sie an Dir geliebt haben, mit der Zeit als Schatten über sich zu empfinden. Sie werden anfangen, sich selbst zu groß und Dich zu klein zu machen, um die Bilanz auszugleichen.*

*Du wirst es lange nicht sehen. Frauen wie Du sehen es lange nicht, weil sie sich nicht für so wichtig halten, dass jemand neben ihnen klein werden müsste.*

*Aber irgendwann wirst Du es sehen.*

*An diesem Tag — und nur an diesem Tag — möchte ich, dass Du mir zuhörst.*

Ich legte den Brief in den Schoß.

Ich sah auf das Fenster.

Draußen war das Licht jetzt warm, ein langes Aprillicht, das am Ende des Nachmittags beginnt, ohne dass man weiß, wann es angefangen hat. Auf der Magnolie saß ein einzelner Vogel, eine Amsel, und sah zu mir herüber, ohne sich zu bewegen.

Ich nahm den Brief wieder.

*Erstens: Du musst Dich nicht entschuldigen.*

*Frauen unserer Familie haben sich seit Generationen für Dinge entschuldigt, die nicht ihre Schuld waren. Meine Mutter hat es. Ich habe es. Ich möchte nicht, dass Du es tust. Wenn Dich ein Mann zur Last erklärt, weil er sich nicht groß genug fühlt, dann ist die Last nicht Deine. Sie ist seine.*

*Zweitens: Du musst nicht verstehen.*

*Es gibt keine Erklärung, die Dir Frieden geben wird, und Du wirst keine bekommen. Männer dieser Art geben keine Erklärungen, die wahr sind. Sie geben Erklärungen, die ihnen erlauben, sich im Spiegel weiter anzusehen. Hör nicht zu. Sieh nur, was sie tun.*

*Drittens: Du musst Dich nicht beeilen.*

*Wenn etwas zu Ende geht, dann eilt es nicht, wenn Du es nicht eilst. Sitz still. Atme. Iss. Schlafe. Triff Deine Entscheidungen am Morgen, nicht am Abend. Triff sie nüchtern, nicht im Schmerz.*

*Viertens — und das ist mein wichtigster Satz: Du bist nicht allein.*

*Margot ist da. Wenn Margot nicht mehr ist, wird jemand anderes da sein. Es gibt in jeder Generation einer Familie eine Frau, die übernimmt, was die vorherige nicht zu Ende geführt hat. In meiner Generation war das ich. In Deiner Generation bist das Du.*

*Du wirst, wenn dieser Tag kommt, keine Mutter mehr neben Dir haben. Aber Du wirst die Mutter neben Dir haben, die Du in Dir trägst. Das ist nicht dasselbe. Aber es ist nicht nichts.*

Ich blätterte um.

Mein Finger zitterte einen Augenblick. Ich ließ ihn zittern. Es gab keinen Grund, ihn nicht zittern zu lassen.

*Ich erinnere mich an einen Tag, als Du sieben warst. Du warst auf dem Weg zur Schule mit zwei Mädchen aus Deiner Klasse, und eine von ihnen hatte etwas Hässliches zu Dir gesagt. Du bist nicht heimgekommen und hast geweint. Du bist heimgekommen und hast Dir die Schuhe ausgezogen und gesagt: „Mama, ich glaube, Lisa ist eine schlechte Freundin.“*

*Ich habe mich daran erinnert, weil Du in dieser Stunde nicht schwächer warst als sonst, sondern klarer.*

*Manche Mädchen werden in der Klage groß. Du wurdest in der Beobachtung groß.*

*Diese Eigenschaft ist Dir nicht geschenkt worden, weil Du brav warst. Sie ist Dir geschenkt worden, weil Du eine Mutter hattest, die Dich beobachtet hat. Du hast es bei mir gesehen. Du hast es übernommen. Es ist heute Dein Werkzeug. Lege es nicht weg, weil ein Mann es klein macht. Männer machen oft Dinge klein, die ihnen unheimlich sind. Klein gemachte Werkzeuge sind nicht weniger scharf.*

*Ich möchte, dass Du Dich an dieses Mädchen erinnerst, wenn der Tag kommt. Sie ist nicht weg. Sie ist nur älter geworden.*

*Eine letzte Sache, Emilia.*

*Wenn ein Mann Dich an einem solchen Tag verlässt, dann verlässt er Dich nicht, weil Du zu wenig bist. Er verlässt Dich, weil er sich selbst zu wenig findet und es bei Dir nicht aushält. Das hat nichts mit Dir zu tun. Es ist unhöflich, ihm an dieser Stelle einen Vorwurf zu machen — er kann nicht anders. Aber es ist ein Fehler, ihn deshalb zu trösten.*

*Du musst niemanden trösten, der Dich verlässt.*

*Das, Emilia, ist ein Satz, den meine Mutter mir nie gesagt hat. Ich glaube, sie hat ihn nicht gewusst. Ich gebe ihn Dir weiter, weil ich ihn auf einem langen Weg gelernt habe, von dem Dein Vater nichts weiß und nichts wissen muss.*

*Ich liebe Dich. Ich werde Dich immer geliebt haben.*

*Mama.*

Ich legte die Bögen sehr behutsam zurück auf den Tisch.

Ich saß lange still.

Draußen war die Amsel weitergeflogen. Das Licht war jetzt eher orange als golden. Im Garten begannen die ersten Lichter im Nachbarhaus anzugehen, kleine, gedämpfte Lichter, die auf die Hecke fielen.

Ich weinte nicht sofort.

Ich saß und atmete und sah auf das Papier.

Dann legte ich den Kopf auf den Schreibtisch, auf meinen eigenen Unterarm, und meine Wange lag auf meinem Pullover, und die Tränen kamen langsam, ohne Geräusch, und ich ließ sie kommen, weil ich seit siebzehn Jahren niemandem mehr begegnet war, der mir gesagt hatte, dass ich niemanden trösten musste, der mich verließ.

Frau Brandl klopfte einmal, nach einer langen Zeit.

„Frau Hartmann?“

Ich antwortete nicht sofort.

„Ich gehe gleich. Ich wollte nur fragen, ob Sie etwas brauchen, bevor ich gehe.“

„Nein, danke, Frau Brandl.“

„Soll ich morgen früher kommen?“

„Ja, bitte.“

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Ich hörte ihre Schritte unten, die Tür, das leise Klicken des Schlosses.

Dann war das Haus still.

Ich richtete mich auf.

Ich strich mir mit dem Handrücken über das Gesicht. Ich sah auf den Brief.

Ich faltete die Bögen zurück. Ich legte sie in den Umschlag. Ich legte den Umschlag in die zweite Schublade meines Schreibtisches, in der schon andere Dinge lagen, die mir wichtig waren — ein Foto meines Vaters auf einer Baustelle, eine Notiz, die Clara mir vor zwölf Jahren in der Bibliothek geschrieben hatte, ein Schlüssel, den ich nie gebraucht hatte.

Ich schloss die Schublade.

Ich blieb sitzen.

Ich dachte: *Ich habe niemanden zu trösten.*

Ich dachte: *Ich muss nicht erklären.*

Ich dachte: *Ich muss mich nicht beeilen.*

Ich dachte: *Ich bin nicht allein.*

Vier Sätze. Sie standen nebeneinander wie vier Steine in einer Reihe.

Ich blieb noch lange am Schreibtisch sitzen.

Ich dachte an den Tag, an dem meine Mutter beerdigt worden war. Ich war damals einundzwanzig gewesen, in einem schwarzen Kleid, das ich am Vortag in der Theresienstraße gekauft hatte, weil ich nichts Schwarzes besessen hatte, das gepasst hätte. Margot war neben mir gestanden, drei Schritte hinter meinem Vater, der während der ganzen Zeremonie kein Wort gesagt hatte. Margot hatte ihre Hand auf meinen Unterarm gelegt, einmal, an einer bestimmten Stelle der Predigt, und sie hatte sie wieder weggenommen, und ich hatte das damals als beiläufig empfunden.

Heute wusste ich, dass sie an genau dieser Stelle den Brief in ihrer Manteltasche getragen hatte.

Sie hatte ihn siebzehn Jahre getragen.

Sie hatte ihn nicht erwähnt.

Sie hatte gewartet.

Ich legte die Hand für einen Augenblick auf den Umschlag, der nun leer auf dem Tisch lag. Das rote Wachs war in zwei kleine Hälften gebrochen. Ich legte die beiden Hälften nebeneinander, ohne nachzudenken, weil meine Mutter Dinge gerne nebeneinander gelegt hatte.

Ich stand auf.

Ich ging zum Fenster. Ich öffnete es einen Spalt. Die Aprilluft war kühl, etwas feucht, mit dem leichten Geruch nach nasser Erde, den ein Garten hat, kurz bevor die Magnolie aufgeht.

In zwei Tagen würde ich in die Maximilianstraße gehen.

Ich hatte heute etwas in die Hand bekommen, das mich nicht stärker machte und nicht schwächer. Es richtete mich nur aus. Wie ein Kompass, dessen Nadel man hört, wenn sie sich beruhigt.

Ich schloss das Fenster wieder.

Ich blieb noch einen Moment stehen.

Dann nahm ich das Telefon und wählte eine Nummer, die ich seit zwei Wochen nicht mehr gewählt hatte.

Es klingelte einmal.

Es klingelte zweimal.

Ich wartete.

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