Kapitel 75: Die Hauptversammlung
Der Saal war voll.
Nicht überfüllt — voll im Sinn einer Versammlung, die wusste, dass nichts fehlen durfte. Etwa fünfunddreißig Menschen, vielleicht vierzig. Aufsichtsrat, Geschäftsführung, die wichtigsten Aktionäre, ein Notar mit grauem Bart in der zweiten Reihe, zwei Vertreter der Hausbank, Schmidt am Rand, mit den Händen auf der Mappe vor sich. Heinrich Altmann saß weiter hinten. Er nickte mir zu, einmal, kurz.
Ich ging zur ersten Reihe.
Jan war schon da. Er stand auf, als ich kam. Er sagte nichts. Er drückte mir kurz den Unterarm, und das war mehr Begrüßung, als wir beide in vielen Jahren gewechselt hatten.
Ich setzte mich.
Margot setzte sich neben mich, auf den anderen Platz. Weber blieb am Tisch des Vorstandes stehen, neben Dr. Vogt, dem Aufsichtsratsvorsitzenden, der eine schmale Brille trug und dessen Hände immer ein bisschen länger an den Akten lagen, als nötig wäre.
Ich sah nicht in die dritte Reihe.
Ich wusste, dass Mark dort saß. Ich brauchte ihn nicht zu sehen.
—
Vogt eröffnete um Punkt elf.
Er sprach kurz. Er begrüßte die Anwesenden. Er führte den Anlass an. Er nannte das Datum, die Tagesordnung, die rechtliche Grundlage. Er las nichts ab. Er hatte den Text im Kopf, und er sprach ihn so aus, wie man eine Treppe hinunterging, die man kannte.
Dann übergab er an Weber.
Weber trat einen Schritt vor.
Er öffnete die Mappe.
Er sah einmal kurz zu mir. Nicht lange. Eine Bestätigung, nicht eine Frage. Dann begann er zu lesen.
—
„Aus persönlichen und strategischen Gründen“, begann er, „legt Herr Mark Hartmann mit sofortiger Wirkung das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Hartmann Gruppe nieder.“
Es war der Satz, den ich in der Mappe gelesen hatte.
Es war derselbe Satz.
Im Saal war es, als würde jemand kurz die Luft anhalten, ohne dass es ein Geräusch gab. Niemand drehte sich um. Niemand sah in die dritte Reihe. Alle sahen Weber an, weil Weber sprach, und in Räumen wie diesem sah man auf den, der sprach.
Weber las weiter.
„Die Anteile an der Gesellschaft werden mit Wirkung von heute neu strukturiert. Sechzig Prozent gehen auf Frau Emilia Richter über. Vierzig Prozent verbleiben bei Herrn Hartmann.“
Eine Bewegung in der zweiten Reihe. Der Notar legte einen Zettel zur Seite. Er hatte das schon erwartet.
„Die Geschäftsführung wird mit sofortiger Wirkung neu besetzt. Frau Richter übernimmt den Vorsitz des Aufsichtsrates. Die operative Geschäftsführung wird durch Herrn Markus Schmidt als Sprecher der Geschäftsleitung wahrgenommen, in Vertretung der noch zu bestellenden zweiten Geschäftsführung.“
Schmidt saß ruhig.
Er hatte die Hände immer noch auf der Mappe. Seine Schultern standen ein bisschen gerader, als sie vor zehn Minuten gestanden hatten.
„Die heutige außerordentliche Hauptversammlung wird um die Bestellung des Aufsichtsrates und der operativen Geschäftsführung gebeten.“
Weber legte das Blatt nicht zur Seite. Er ließ es vor sich liegen.
„Im Namen des scheidenden Vorstandes danken wir für viele Jahre der Zusammenarbeit.“
Dieser letzte Satz war kein Triumph. Es war eine Höflichkeit. Wir hatten sie hineingeschrieben, weil sie hineingehörte. Wir hatten sie nicht weggelassen.
—
Vogt nahm auf.
Er stellte den Antrag formal. Er rief zur Abstimmung. Er nannte die Modalitäten.
Ich hob die Hand. Margot hob die Hand. Heinrich Altmann hob die Hand. Schmidt hob die Hand. Reihen hinter mir hoben Hände. Ich zählte nicht.
„Einstimmig“, sagte Vogt nach einem Augenblick.
Dann bat er die andere Seite, die Hand zu heben. Es war eine reine Form. Niemand hob die Hand.
„Der Antrag ist angenommen. Frau Richter, Sie sind hiermit als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Hartmann Gruppe bestätigt.“
Ich nickte.
Ich stand nicht auf.
Ich sagte nichts.
Es war nicht der Moment für eine Rede. Es war der Moment für eine Bestätigung. Eine Rede hätte Gewicht weggenommen, das in der Stille besser lag.
—
Der Notar trat vor.
Er las kurz die Eckpunkte der Anteilsneustrukturierung. Er nannte die Zahlen. Er nannte die Termine. Er nannte den morgigen Tag um sechzehn Uhr, an dem die notarielle Beurkundung in seiner Kanzlei in der Briennerstraße erfolgen würde.
Er sah mich kurz an.
„Frau Richter, Sie werden morgen um sechzehn Uhr in meiner Kanzlei erwartet.“
„Ich werde da sein.“
Er sah dann zur dritten Reihe.
„Herr Hartmann, Sie werden morgen um sechzehn Uhr ebenfalls in meiner Kanzlei erwartet.“
Eine kurze Stille.
„Ich werde da sein.“
Es war Marks Stimme.
Sie war leise. Sie war fest. Sie war ohne Selbstmitleid und ohne Trotz. Sie war die Stimme eines Mannes, der eine Bedingung akzeptiert hatte und der wusste, dass er heute nicht mehr verhandelte.
Ich sah nicht zu ihm hinüber.
Ich hörte nur seine Stimme, einen einzigen Satz. Vier Wörter. Vier Wörter, die er heute zur Versammlung sagte. Mehr würde er an diesem Tag nicht sagen.
Es war genug.
—
Vogt schloss die Versammlung.
Er sagte einige Sätze, höfliche Sätze, Sätze, die in einer Hauptversammlung am Schluss immer gesagt werden. Niemand achtete darauf. Alle achteten auf die Bewegungen im Raum, die nach dem Schließen der Versammlung beginnen würden, das Aufstehen, das Schließen der Mappen, die Schritte zur Tür, die Frage, wer mit wem hinausgehen würde, die Frage, in welche Richtung wer nicken würde.
Ich blieb sitzen.
Margot blieb neben mir sitzen. Jan blieb auf der anderen Seite sitzen.
Wir warteten, bis die hinteren Reihen sich auflösten.
Ich hörte Schritte. Ich hörte das Räuspern einiger Männer. Ich hörte, wie ein Stuhl geschoben wurde. Ich hörte ein Mantelfutter, das beim Aufnehmen knisterte.
Ich hörte einen Mann sagen, leise: „Da ist also Hermann Richters Tochter.“
Ich hörte einen anderen Mann antworten, ebenso leise: „Sie ist nicht nur seine Tochter.“
Ich sah nicht zu ihnen.
—
Schmidt kam zu unserem Tisch.
Er beugte sich kurz zu mir.
„Frau Richter.“
„Herr Schmidt.“
„Ich melde mich morgen Vormittag in Ihrem Büro.“
„Danke.“
Er nickte. Er ging weiter, zu Weber, mit dem er kurz sprach, dann zur Tür.
Heinrich Altmann kam ebenfalls zu mir. Er nahm meine Hand, die ich ihm reichte, und er hielt sie einen Augenblick länger fest, als nötig.
„Frau Richter.“
„Heinrich.“
„Ihr Vater wäre heute hier gewesen, wenn er es noch könnte.“
„Ich weiß.“
„Margot, gnädige Frau.“
Margot nickte ihm zu. Sie kannte ihn. Sie hatten beide einmal meine Eltern gekannt. Sie wechselten nichts weiter.
Heinrich ging.
—
Schließlich war der Saal fast leer.
Weber kam zu uns. Er hatte die Mappe wieder unter dem Arm.
„Soll ich einen Wagen rufen?“
„Margot hat einen Wagen“, sagte ich. „Ihrer wartet unten.“
Weber nickte.
„Morgen um sechzehn Uhr.“
„Morgen um sechzehn Uhr.“
Er sah mich einen Augenblick an.
„Sie haben es richtig gemacht, Emilia. Sie haben nicht gesprochen. Das war richtig.“
„Es war nicht meine Aufgabe zu sprechen, Klaus.“
„Eben.“
Er ging.
—
Wir standen auf.
Ich nahm meinen Mantel von der Lehne. Margot legte den ihren um die Schultern. Jan trat einen Schritt zurück, um uns vorzulassen.
Wir gingen zur Tür.
In der Tür blieb ich einen Moment stehen.
Ich drehte mich nicht um. Ich sah nicht in den Saal zurück.
Ich wusste trotzdem, dass Mark noch am Platz saß.
Ich wusste es an der Stille, die hinter mir war. Ein leerer Saal hat eine andere Stille als ein Saal, in dem ein einzelner Mann sitzt und nicht aufsteht, weil er nicht weiß, wohin.
—
Im Foyer stand Frau Lehmann.
Sie sah auf, als wir kamen. Sie nickte.
„Frau Richter.“
„Frau Lehmann.“
„Soll ich Ihnen einen Termin für morgen Vormittag in Ihrem Kalender vermerken?“
Es war das erste Mal, dass jemand „Ihrem Kalender“ zu mir sagte.
„Ja“, sagte ich. „Herr Schmidt um zehn Uhr.“
„Ich notiere es.“
„Danke, Frau Lehmann.“
Sie sah einen Augenblick an mir vorbei, in das Treppenhaus hinter mir.
Sie sah etwas, was ich nicht sah.
Dann sah sie wieder mich an.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie.
Sie sagte es leise. Sie sagte es nicht herzlich. Sie sagte es so, wie man eine sachliche Höflichkeit ausspricht, die einem in einem bestimmten Moment angemessen erscheint.
Ich nickte ihr zu.
Ich sagte nichts.
—
Wir traten auf die Maximilianstraße.
Margots Wagen wartete. Der ältere Fahrer öffnete uns die Türen. Margot stieg zuerst ein, dann ich, dann Jan auf den Vordersitz.
Wir fuhren.
Margot sah mich nicht an. Sie sah auf die Straße. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet.
Nach einer Weile sagte sie:
„Es ist also vorbei.“
„Ja.“
„Wie fühlt es sich an?“
Ich überlegte.
„Wie ein Vormittag.“
Margot sah mich an.
Dann lächelte sie. Es war ein kleines, kaum sichtbares Lächeln.
„Ihre Mutter“, sagte sie, „hätte das genauso gesagt.“
—
Zu Hause sagte Frau Brandl nichts.
Sie nahm meinen Mantel. Sie nahm Jans Mantel. Sie nahm Margots Mantel. Sie hängte sie auf. Sie ging in die Küche.
Margot blieb noch zum Mittagessen. Jan blieb auch. Wir aßen wenig. Wir sprachen wenig. Es war keine Stille der Beklemmung. Es war eine Stille von Menschen, die wussten, dass nichts Größeres mehr gesagt werden musste.
Nach dem Essen ging Margot.
Jan blieb.
Er ging mit mir in den Garten. Wir gingen die Wege, die wir als Kinder gegangen waren. Wir sprachen nicht über den Vormittag. Wir sprachen über den Flieder. Wir sprachen über das Dach, das wir würden ausbessern lassen müssen, bis zum Spätsommer.
Am Abend fuhr Jan zum Bahnhof.
Ich blieb allein.
—
Im Arbeitszimmer setzte ich mich an den Schreibtisch.
Ich öffnete eine Schublade. Darin lag ein Umschlag.
Es war ein Umschlag, in dem ich den Brief meiner Mutter aufbewahrt hatte, den Margot mir vor einigen Wochen gegeben hatte. Ich hatte den Brief inzwischen zweimal gelesen. Ich hatte ihn nicht weggelegt, aber auch nicht in der Hand getragen.
Heute legte ich den Umschlag auf den Schreibtisch.
Ich öffnete ihn nicht.
Ich sah ihn nur eine Weile an.
Dann legte ich ihn zurück in die Schublade.
Ich machte das Licht aus.
In der Diele blieb ich einen Augenblick stehen.
Auf dem kleinen Tisch lag der Zettel, den Frau Brandl heute Abend dorthin gelegt hatte. Ich nahm ihn in die Hand.
>*Frau Schmidt vom Sekretariat hat angerufen. Erste Aufsichtsratssitzung morgen, dreizehn Uhr, Maximilianstraße zwölf.*
Ich legte den Zettel zurück.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich stehen.
Ich hatte gestern an dieser Stelle einen Schritt gehört, den es nicht gab.
Heute hörte ich keinen Schritt.
Heute hörte ich nur, wie das Haus sich abkühlte.
—
Im Schlafzimmer zog ich den Anzug aus.
Ich hängte ihn auf den Bügel. Ich strich ihn mit der Hand glatt. Frau Brandl hatte mir gestern erklärt, dass man einen guten Anzug nach einem langen Tag immer einmal aufhängen lassen müsse, bevor man ihn wieder in den Schrank stelle.
Ich legte die Bluse in den Wäschekorb.
Ich legte die Kette meiner Mutter in das kleine Lederetui auf der Kommode.
Ich legte mich zu Bett.
Ich machte das Licht aus.
Im Dunkel hörte ich draußen die Stadt, sehr leise, durch die geschlossenen Fenster — ein Auto auf der Maximilianstraße, ein Hund, der einmal kurz bellte, das ferne Glockenläuten der Theatinerkirche.
Ich dachte an Mark.
Ich dachte an ihn nicht lang.
Ich dachte daran, wie er heute Vormittag in der dritten Reihe gesessen hatte. Vogel hatte mir gesagt, er habe ruhig gesessen, mit den Händen auf dem Schoß, mit dem Blick auf den Tisch des Vorstandes. Er habe nicht zu mir herübergesehen. Er habe sich nicht umgedreht, als wir gegangen seien. Er sei sitzen geblieben, bis Vogel ihn am Arm berührt habe.
Vogel hatte das nüchtern erzählt, ohne Pathos, ohne Genugtuung.
Es war auch keine Genugtuung.
Es war ein Vormittag.
Es war ein Mann, der zwölf Jahre und einen Vormittag später in einer dritten Reihe saß.
Er war zu sich selbst gekommen, an einer Stelle, an der er sich nicht hatte vorgestellt.