Kapitel 87: Der Beschluss
Es war ein Donnerstag.
—
Frau Brandl brachte den Tee.
Sie stellte die Kanne auf den Tisch, neben das Frühstücksgeschirr, und legte einen Briefumschlag daneben. Der Umschlag war kleiner als ein Geschäftsbrief, größer als eine Karte. Er trug oben rechts den Stempel der Kanzlei Weber.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Doktor Weber hat heute Morgen schon angerufen, bevor Sie wach waren. Er hat gesagt, der Brief sei mit dem Boten gekommen. Ich habe ihn entgegengenommen.“
„Danke.“
„Er hat gesagt, ich solle ihn auf den Frühstückstisch legen.“
„Gut.“
Sie ging.
—
Ich saß einen Augenblick.
Ich nahm die Teekanne, goss mir ein. Der Tee war heiß. Ich legte den Deckel zurück. Ich nahm einen Schluck.
Dann nahm ich den Brief.
Ich öffnete ihn nicht hastig.
Ich öffnete ihn mit dem Brieföffner, der im Frühstückszimmer in der oberen Schublade des Sideboards lag. Er war ein silberner Brieföffner, den meine Mutter gekauft hatte, vor langer Zeit. Er war stumpf an der Spitze, weil sie ihn nie hatte schärfen lassen. Er funktionierte trotzdem.
Ich schnitt den Umschlag auf.
—
Innen lag ein Bogen.
Der Bogen war zweiseitig bedruckt. Auf der ersten Seite stand das Wappen des Amtsgerichts München. Auf der zweiten Seite standen die Unterschriften der Richterin und der Geschäftsstelle. Dazwischen standen drei Absätze.
Der erste Absatz nannte die Namen.
Der zweite Absatz nannte das Datum der Eheschließung.
Der dritte Absatz nannte die Folge.
Es war ein kurzer Text. Er hatte keinen rechtlichen Apparat, keine Rechtsmittelbelehrung, keine erläuternden Anmerkungen. Diese Dinge hatte Weber im ursprünglichen Beschluss bereits abgehandelt, im Verfahren vor sechs Wochen, in dem ich nicht persönlich erschienen war.
Dies hier war nur die Bestätigung.
Die Ehe von Mark und Emilia Hartmann war seit gestern, einem Mittwoch, rechtskräftig geschieden.
—
Ich legte den Bogen auf den Tisch.
Ich nahm einen weiteren Schluck Tee.
Im Garten unten begann der Flieder zu fallen. Ich konnte ihn nicht sehen — vom Frühstückszimmer aus sah man auf die Straße — aber ich wusste es, weil Frau Brandl es mir gestern Abend gesagt hatte.
—
Frau Brandl kam wieder herein.
Sie hatte ein Tablett mit einer Schale Joghurt. Sie stellte die Schale neben den Bogen.
Sie sah die Schale nicht an.
Sie sah den Bogen nicht an.
Sie sah mich nicht an.
Sie ging zum Sideboard, nahm den Brieföffner, der noch auf dem Tisch lag, legte ihn zurück in die Schublade, schloss die Schublade.
Sie sagte nichts.
Sie ging.
—
Ich aß den Joghurt.
Ich faltete den Bogen einmal in der Mitte. Ich legte ihn zurück in den Umschlag. Ich legte den Umschlag neben die Schale.
Ich trank den Tee aus.
—
Um halb neun war ich am Wagen.
Der Fahrer wartete in der Auffahrt. Es war Herr Steiner, der seit zwei Wochen für mich fuhr — ein älterer Herr aus Altperlach, den Anne mir vermittelt hatte. Er öffnete die Tür, ohne zu sprechen. Er hatte verstanden, dass ich morgens nicht gerne sprach.
Ich stieg ein.
Auf dem Weg zur Maximilianstraße las ich die Süddeutsche Zeitung. Ich las den Wirtschaftsteil. Ich las den Münchner Teil. Ich las das Feuilleton, in dem ein Artikel stand über eine Ausstellung im Lenbachhaus, die ich besuchen wollte und nun seit drei Wochen aufschob.
Ich las nicht den Lokalteil.
Im Lokalteil hätte unter Umständen ein Ein-Zeiler über eine geschiedene Ehe gestanden, und ich hatte heute keine Lust, einen Ein-Zeiler zu lesen.
—
Anne nahm mir am Empfang den Mantel ab.
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Heute Morgen um zehn die Sitzung mit Markus Schmidt zur Berliner Geschäftsentwicklung. Um zwölf das Mittagessen mit Heinrich Altmann im Schumann’s. Um halb drei die Telefonkonferenz mit Frau Dr. Bauer. Um fünf das Treffen mit Doktor Vogt im Aufsichtsrat.“
„Verstanden.“
„Sonst noch etwas.“
Sie sah mich einen Augenblick an. Sie wusste vermutlich nicht von dem Bogen — Weber hatte den Brief direkt an die Villa geschickt, nicht an die Maximilianstraße — aber sie wusste von dem Termin, der vor sechs Wochen im Kalender gestanden hatte, ohne Beschriftung, an einem Mittwoch um neun Uhr fünfundvierzig.
Sie wartete.
Ich sagte nichts.
„Verstanden“, sagte sie.
Ich ging in mein Büro.
—
Um zehn kam Markus Schmidt.
Wir besprachen die Berliner Geschäftsentwicklung anderthalb Stunden lang. Er hatte drei Vorlagen vorbereitet. Eine davon — die zur Mietspanne in den Bezirken Mitte und Friedrichshain — war erkennbar überarbeitet, vermutlich aufgrund von Möllers Frage in der Sitzung vor zwei Wochen, die er an mich gerichtet hatte und die ich Markus Schmidt weitergegeben hatte. Markus Schmidt hatte die Frage ernst genommen. Die neue Vorlage war gründlicher als die alte.
Ich machte vier Anmerkungen.
Er nahm sie auf.
Wir schlossen.
—
Um zwölf war ich im Schumann’s.
Heinrich saß bereits an einem Tisch im hinteren Teil des Raumes. Er trank Wasser. Er hatte eine Speisekarte vor sich, die er nicht las.
„Emilia.“
„Heinrich.“
„Sie sind heute Morgen ruhig.“
„Bin ich das.“
„Sie sind heute Morgen sehr ruhig.“
Ich setzte mich.
„Gibt es einen Grund.“
„Es gibt einen Grund.“
„Möchten Sie ihn nennen.“
„Nein.“
Er nickte einmal.
Er bestellte für uns beide. Er bestellte die Linsensuppe, und ich widersprach nicht. Er sprach während des Essens über das Maxvorstadt-Projekt. Er sprach über Möllers Vorschlag, den Brunnen zu streichen, dem er nun nach längerem Nachdenken zustimmte. Er sprach über die Linde an der Theresienstraße, die er sich gestern angesehen hatte. Er sprach nicht über mich.
Das war seine Art zu fragen.
Ich antwortete, indem ich zuhörte.
—
Am Ende des Essens, als der Kaffee kam, sagte er:
„Ihr Vater hatte einen Spruch.“
„Welchen.“
„An einem schweren Tag soll man dasselbe tun wie an einem leichten.“
„Ich kenne den Spruch.“
„Er hat ihn von seiner Mutter gehabt.“
„Ich weiß.“
„Ich erwähne ihn.“
„Ich verstehe.“
Wir tranken den Kaffee.
—
Um halb drei die Telefonkonferenz.
Frau Dr. Bauer aus Berlin. Es ging um zwei Vertragsklauseln, die ein Notar in Berlin angemerkt hatte. Wir sprachen vierzig Minuten. Frau Dr. Bauer war effizient. Sie kam zum Punkt, ohne zu deuten. Sie verabschiedete sich, ohne zu plaudern.
Ich legte auf.
—
Um fünf Doktor Vogt.
Wir saßen im Konferenzraum im siebten Stock, nicht in meinem Büro. Vogt hatte das so gewünscht. Er hatte mir vor einer Woche gesagt, er wolle nicht, dass mein Büro zu einem Aufsichtsratsbüro werde.
Wir besprachen die Tagesordnung der nächsten Aufsichtsratssitzung.
Vogt war zufrieden. Er sagte das nicht, aber er stellte weniger Rückfragen als vor sechs Wochen.
Am Ende, als ich aufstand, sagte er:
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Ich habe heute Morgen einen Beschluss von Doktor Weber zugestellt bekommen. Er wollte, dass ich davon Kenntnis habe. Er hat mich gebeten, das nur zu erwähnen, falls es Sie nicht stört.“
„Es stört mich nicht.“
„Gut.“
Er sah mich einen Augenblick an.
„Es ist erledigt.“
„Ja.“
„Ich frage nicht, wie es Ihnen damit geht.“
„Danke.“
„Ich nehme an, es geht Ihnen wie immer.“
„Ja.“
Er nickte einmal.
Ich ging.
—
Im Wagen zurück nach Bogenhausen lehnte ich mich zurück.
Ich sah aus dem Fenster.
München zog vorbei — die Maximilianstraße mit ihren Geschäften, der Maximilianeumshügel auf der anderen Seite der Isar, die Brücke, der Bogen am Friedensengel, dann die Prinzregentenstraße, dann die Möhlstraße, dann die Auffahrt.
Herr Steiner hielt vor der Tür.
„Frau Richter.“
„Herr Steiner.“
„Soll ich morgen um halb neun da sein?“
„Ja.“
„Verstanden.“
Er fuhr.
—
Im Haus war es ruhig.
Frau Brandl war noch da, in der Küche. Sie hatte mir das Abendessen vorbereitet — eine kleine Suppe, ein Stück Brot, einen Salat. Sie hatte nichts Besonderes gemacht. Sie hatte das Übliche gemacht.
Ich aß in der Küche.
Frau Brandl wischte den Herd ab, langsam, mit einem Tuch, das schon mehrfach gewaschen war.
„Frau Brandl.“
„Frau Richter.“
„Sie haben heute den Brief gesehen.“
„Ich habe ihn nicht gelesen.“
„Sie haben den Stempel gesehen.“
„Den Stempel habe ich gesehen.“
„Ich werde Sie nicht bitten, niemandem davon zu erzählen.“
„Das müssen Sie nicht.“
„Ich weiß.“
„Möchten Sie noch eine Tasse Tee.“
„Ja.“
Sie machte den Tee.
Sie stellte ihn vor mich hin.
Sie sagte nichts mehr.
Sie ging.
—
Ich trank den Tee.
Ich sah aus dem Küchenfenster. Im Garten war es schon dämmerig. Die Krähen, die sonst um diese Zeit über den Dächern kreisten, waren heute weiter im Norden.
Ich stand auf.
Ich ging in mein Arbeitszimmer.
Auf dem Schreibtisch lag der Brief, den ich heute Morgen mitgenommen hatte. Frau Brandl hatte ihn aus dem Frühstückszimmer hierhergebracht, ohne dass ich es ihr aufgetragen hatte. Sie hatte gewusst, dass ich ihn nicht im Frühstückszimmer haben wollte.
Ich öffnete die mittlere Schublade.
In der mittleren Schublade lagen die Briefe meiner Mutter, der Block, die zwei vergilbten Kuverts, die Karte aus Berlin, die ich noch immer nicht geöffnet hatte.
Ich legte den Brief Webers obendrauf.
Ich schloss die Schublade.
—
Ich ging hinauf.
Im Schlafzimmer machte ich das Fenster auf.
Es war nicht warm. Der Wind kam noch immer aus Norden. Im Garten unten roch es nicht mehr nach Flieder, weil der Flieder fast ganz abgefallen war. Es roch nach feuchter Erde, nach dem Beet, das Frau Brandl heute Vormittag umgegraben hatte.
Ich legte mich hin.
Ich schloss die Augen.
Ich dachte an Heinrich, der über meinen Vater gesprochen hatte. Ich dachte an Frau Brandl, die den Brief in mein Arbeitszimmer gestellt hatte. Ich dachte an Doktor Vogt, der gefragt hatte, ohne zu fragen.
Ich dachte einen Augenblick an Mark.
Aber nur einen Augenblick.
Dann nicht mehr.
—
Es war ein Donnerstag.
—
Am Freitagvormittag rief Margot Lenz an.
Sie rief selten an. Wenn sie anrief, dann meist mit einem konkreten Anliegen, das sie in einem Satz vorbrachte.
„Emilia.“
„Margot.“
„Ich habe gehört.“
„Was.“
„Den Beschluss.“
„Wer hat es Ihnen erzählt.“
„Doktor Vogt.“
„Ah.“
„Er hat es erwähnt, weil er meinte, ich solle es wissen, falls Sie es selbst nicht sagen.“
„Ich hätte es Ihnen gesagt.“
„Wann.“
„Wenn Sie das nächste Mal angerufen hätten.“
„Das ist jetzt.“
„Dann sage ich es jetzt. Ja, der Beschluss ist da.“
„Wie geht es Ihnen damit.“
„Wie immer.“
„Das heißt.“
„Wie an einem leichten Tag.“
Margot war einen Augenblick still.
„Ihr Vater hatte einen Spruch.“
„Heinrich hat ihn mir gestern gesagt.“
„Heinrich erzählt zu viel.“
„Heinrich erzählt das Richtige.“
Sie lachte einmal kurz, was sie selten tat.
„Emilia.“
„Ja.“
„Kommen Sie nächste Woche zum Essen. Ich habe einen Schnitzelkoch eingestellt. Er ist eine Katastrophe. Ich brauche Sie als zweite Meinung.“
„Wann.“
„Mittwoch.“
„Ich werde da sein.“
„Allein.“
„Allein.“
„Gut.“
Sie legte auf.
Ich saß einen Augenblick mit dem Hörer in der Hand.
Margot hatte „allein“ zweimal gesagt.
Das eine Mal war sie selbst.
Das andere Mal war ich.
—
Ich ging hinunter in die Küche.
Frau Brandl war noch da. Sie hatte ihre Schürze schon abgenommen.
„Frau Brandl.“
„Frau Richter.“
„Frau Lenz hat angerufen. Ich werde am Mittwoch dort essen.“
„Verstanden.“
„Frau Lenz hat einen neuen Schnitzelkoch.“
„Hat sie es Ihnen gesagt.“
„Ja.“
„Sie hat ihn vor zwei Wochen eingestellt. Er ist nicht gut.“
„Sie wissen es.“
„Frau Lenz und ich tauschen Köche.“
„Tauschen.“
„Wir empfehlen einander welche. Manchmal nehmen wir die Empfehlung an. Manchmal nicht. Diesmal habe ich nicht angenommen, weil ich gewusst habe, dass er nicht gut ist.“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Sie wussten es vor Frau Lenz.“
„Ich wusste es zwei Tage vor ihr. Aber zwei Tage waren zu wenig.“
Sie sagte das, ohne zu lächeln. Sie räumte ein letztes Glas in die Spüle.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Sie sind heute Abend ruhiger, als ich es erwartet hätte.“
„Ja.“
„Es freut mich.“
„Mich auch.“
Sie sah einen Augenblick auf den Tisch.
„Schlafen Sie gut.“
„Sie auch.“
Sie ging.