Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 72: Die Bedingungen

Die zweite Verhandlungsrunde fand drei Tage später statt.

Wieder in der Briennerstraße, wieder im Konferenzzimmer am Ende des Korridors, wieder bei Frau Dr. Stelzer, die uns Wasser brachte und die Tür hinter sich leise schloss.

Diesmal saß ich im Raum.

Weber hatte mich am Vorabend gefragt, ob ich anwesend sein wolle. Ich hatte nicht sofort geantwortet. Ich hatte am Fenster gestanden, im Arbeitszimmer meines Vaters, und auf den Garten hinausgesehen, in dem der Flieder inzwischen zu blühen begonnen hatte.

„Ja“, hatte ich dann gesagt. „Ich werde da sein.“

„Sie müssen nicht, Emilia.“

„Ich weiß. Aber ich werde.“

Weber hatte genickt, als ob er die Antwort erwartet habe.

Ich kam zehn Minuten vor dem Termin.

Frau Dr. Stelzer brachte mir Tee, ohne zu fragen. Sie wusste inzwischen, dass ich Tee nahm, keinen Kaffee. Sie wusste auch, welche Sorte. Sie wusste vieles, was ich ihr nie gesagt hatte. So waren die Sekretärinnen meines Vaters auch gewesen.

Ich saß auf der rechten Seite des langen Tisches, mit dem Rücken zum Fenster. Weber hatte mir den Platz zugewiesen, ohne darüber zu sprechen. Es war der Platz, an dem das Licht hinter mir lag und auf das Gesicht des Gegenübers fiel.

Ich legte die Hände auf den Tisch. Ich wartete.

Mark kam pünktlich.

Er trug einen anderen Anzug als beim ersten Mal. Dunkler. Schlechter geschnitten. Vielleicht nicht sein eigener. Vielleicht hatte er aufgehört, sich Anzüge anpassen zu lassen.

Sein Anwalt, Herr Vogel, kam zwei Schritte hinter ihm. Der ältere Herr war müder als beim letzten Mal. Er hatte seine Mappe nicht aufgeklappt, als er sich setzte.

Mark sah mich an.

Es war ein kurzer Blick. Er suchte etwas in meinem Gesicht. Ich weiß nicht, was er suchte. Ich weiß nur, dass er es nicht fand.

Er nickte mir zu. Knapp.

Ich nickte zurück. Ebenso knapp.

Weber begann.

„Meine Herren, Frau Hartmann.“

Er sagte „Frau Hartmann“, weil dies der Name war, der noch im Handelsregister stand. Er würde es heute zum letzten Mal so sagen.

„Wir haben uns vorgestern auf den Rahmen geeinigt. Ich werde die Konditionen jetzt im Einzelnen vortragen.“

Vogel hob die Hand, einen halben Zentimeter, und ließ sie wieder sinken. Er hatte aufgegeben, bevor er begonnen hatte. Das war keine Schwäche. Das war Realismus.

Weber zog ein Blatt aus seiner Mappe. Er las nicht ab. Er hatte den Inhalt im Kopf. Das Blatt diente nur dazu, dass die andere Seite sehen konnte, dass es geschrieben war.

„Erstens. Die Anteile an der Hartmann Gruppe werden neu strukturiert. Sechzig Prozent gehen an Frau Richter. Vierzig Prozent verbleiben bei Herrn Hartmann.“

Mark zuckte nicht. Er hatte die Zahl gewusst. Sein Anwalt hatte sie ihm vor zwei Tagen mitgeteilt.

„Zweitens. Die Geschäftsführung wird mit sofortiger Wirkung neu besetzt. Herr Hartmann legt sein Amt als Vorstandsvorsitzender nieder. Die Bekanntmachung erfolgt in der außerordentlichen Hauptversammlung am kommenden Donnerstag.“

Vogel sah einmal kurz auf den Tisch.

„Drittens. Herr Hartmann verpflichtet sich, in den nächsten zwei Jahren keinerlei Geschäfte unter dem Namen Hartmann oder unter Verwendung von Geschäftskontakten der Hartmann Gruppe zu eröffnen. Eine Wettbewerbsklausel im üblichen Rahmen.“

„Viertens. Die private Vermögenstrennung erfolgt entsprechend dem Ehevertrag. Die Villa in Bogenhausen verbleibt im Eigentum von Frau Richter, da sie aus dem Familienvermögen Richter stammt. Die Wohnung am Englischen Garten wird verkauft, der Erlös fließt anteilig.“

Marks Hand lag auf dem Tisch. Sie bewegte sich nicht, aber sie war so still, wie nur eine Hand sein kann, die sich zwingt.

„Fünftens. Der Wagen, der Geschäftsanteil an der Werbeagentur in Berlin und das Konto bei der Privatbank Merck Finck verbleiben bei Herrn Hartmann.“

Weber hob den Blick.

„Das ist mehr, als die strikte rechtliche Lage erfordert.“

Er sagte es ohne Betonung. Er sagte es so, wie man eine Tatsache feststellt.

Mark verstand es. Vogel verstand es.

Es war kein Zugeständnis aus Großmut. Es war ein Zugeständnis aus Klarheit: Wir wollten ihn nicht zerstören. Wir wollten ihn nur aus dem Weg.

Ich sagte nichts.

Ich saß da. Ich hatte die Hände immer noch auf dem Tisch. Der Tee dampfte vor mir. Ich hatte ihn nicht getrunken. Ich würde ihn nicht trinken, bis das Gespräch beendet war.

Vogel räusperte sich.

„Herr Doktor Weber“, sagte er.

Seine Stimme war leise. Sie hatte den Tonfall eines Mannes, der seit vierzig Jahren in solchen Räumen sitzt und der nicht zum ersten Mal einen Mandanten an einer Stelle vertritt, an der dieser Mandant nichts mehr gewinnen kann.

„Wir akzeptieren den Rahmen. Mein Mandant bittet um zwei Modifikationen.“

Weber nickte.

„Bitte.“

„Erstens. Die öffentliche Erklärung in der Hauptversammlung soll nicht von einem Vertreter der Gegenseite vorgetragen werden. Mein Mandant würde sie selbst verlesen.“

Weber sah mich an. Nur eine Sekunde. Ich schüttelte den Kopf, einmal, kaum merklich.

„Das werden wir nicht zugestehen können“, sagte Weber. „Die Erklärung wird von mir vorgetragen. Herr Hartmann kann anwesend sein. Er wird nicht sprechen.“

Mark öffnete den Mund. Vogel legte ihm die Hand auf den Unterarm.

Mark schloss den Mund wieder.

Vogel nickte langsam.

„Verstanden. Die zweite Bitte.“

„Bitte.“

„Mein Mandant würde es schätzen, wenn die Begründung in der Erklärung nicht im Detail auf bestimmte Vorgänge des letzten Geschäftsjahres eingeht. Eine Formulierung wie ‚aus persönlichen und strategischen Gründen‘ wäre uns recht.“

Weber schwieg einen Moment.

„Das werden wir prüfen“, sagte er dann. „Ich werde Ihnen den Wortlaut bis morgen Abend zukommen lassen. Wenn Sie mit der Formulierung leben können, akzeptieren wir.“

„Ich danke Ihnen.“

Mark hatte während des ganzen Gesprächs nicht ein Wort gesagt.

Er sah jetzt zum ersten Mal auf. Er sah Weber an. Dann sah er mich an.

„Emilia.“

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er meinen Vornamen aussprach. Er klang anders aus seinem Mund. Er klang nicht intim. Er klang fremd. Ein Name, den er einmal benutzt hatte, ohne darüber nachzudenken.

„Ja“, sagte ich.

„Ich möchte dich kurz unter vier Augen sprechen.“

Vogel sah ihn an. Vogel öffnete den Mund, um etwas zu sagen, ließ es aber.

Weber sah mich an.

Ich überlegte.

Ich überlegte nicht, ob ich es wollte. Ich wollte es nicht. Ich überlegte, ob es einen Grund gab, es trotzdem zu tun.

Ich fand keinen Grund.

„Nein“, sagte ich.

Ich sagte es ohne Härte. Ich sagte es einfach.

Mark sah mich an.

„Bitte.“

„Mark.“

Ich sagte seinen Namen so, wie er meinen gesagt hatte. Ohne Intimität. Ohne Härte.

„Was du mir zu sagen hast, kannst du mir durch deinen Anwalt sagen lassen. Was ich dir zu sagen habe, sage ich dir durch meinen.“

Er senkte den Kopf.

Vogel räusperte sich.

„Verstanden, Frau Richter.“

Es war das erste Mal, dass jemand mich heute Frau Richter nannte. Es war Marks Anwalt. Es war fast eine Höflichkeit. Es war fast eine Entschuldigung.

Wir unterzeichneten kein Dokument an diesem Tag.

Das Protokoll, die Vereinbarung, der Wortlaut der öffentlichen Erklärung — all das würde in den nächsten zwei Tagen ausgefertigt. Wir würden es separat unterschreiben. Wir würden einander nicht mehr in einem Raum sehen müssen.

Wir standen auf.

Weber reichte Vogel die Hand. Die beiden alten Männer schüttelten sich kurz die Hand, höflich, erfahren, ohne Wärme und ohne Kälte.

Vogel kam um den Tisch herum. Er blieb vor mir stehen. Er machte eine kleine, fast altmodische Verbeugung mit dem Oberkörper.

„Frau Richter.“

„Herr Vogel.“

Er ging zur Tür.

Mark blieb noch eine Sekunde stehen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte vermutlich erwartet, dass ich aufstehen, etwas sagen, ihm die Hand geben würde.

Ich stand auf, weil ich aufstand.

Ich gab ihm nicht die Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah mich an.

Dann drehte er sich um und ging.

Die Tür fiel ins Schloss.

Weber blieb am Tisch stehen.

„Setzen Sie sich noch einen Moment, Emilia.“

Ich setzte mich.

Er goss mir Tee nach, obwohl die Tasse noch voll war.

„Wie geht es Ihnen?“

„Ruhig.“

„Wirklich ruhig?“

„Wirklich ruhig.“

Er nickte. Er setzte sich mir gegenüber, nicht auf seinen Vorsitz, sondern an die Seite, an der vorhin Vogel gesessen hatte.

„Sie haben sehr gut gemacht.“

„Ich habe nichts gemacht.“

„Sie haben nicht zu viel gemacht. Das ist in Räumen wie diesen das Schwierigste.“

Ich hob die Tasse. Der Tee war kalt. Ich trank ihn trotzdem.

„Was kommt jetzt?“

„Donnerstag in einer Woche. Die außerordentliche Hauptversammlung. Wir werden sie kurz halten. Es gibt keinen Grund, sie zu dehnen.“

„Wer wird sprechen?“

„Ich. Und der Aufsichtsratsvorsitzende. Sie müssen nicht sprechen.“

„Werde ich anwesend sein?“

„Sie werden anwesend sein. Sie werden in der ersten Reihe sitzen, neben Ihrem Bruder. Das ist alles.“

Ich nickte.

„Gut.“

Frau Dr. Stelzer kam herein.

Sie trug eine Mappe. Sie legte sie auf den Tisch neben Weber.

„Herr Doktor.“

„Danke, Frau Stelzer.“

Sie sah mich an.

„Frau Richter. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“

„Nein, danke. Ich gehe zu Fuß.“

Sie nickte. Sie ging.

Weber sah ihr nach.

„Sie sagt jetzt auch Frau Richter.“

„Ich habe es bemerkt.“

„Es wird nun jeder. Bis Donnerstag werden alle in München es sagen.“

„Ich weiß.“

Er sah mich kurz an.

„Es ist nicht nur ein Name.“

„Ich weiß.“

Wir saßen einen Moment still.

Dann stand ich auf.

Ich ging zu Fuß zurück Richtung Hofgarten.

Es war ein heller Tag. Ein leichter Wind kam von Westen. Die Kastanien an der Briennerstraße hatten ihre Blätter ausgebildet, in einem zarten, fast unwirklichen Grün, das in den nächsten Wochen dunkler werden würde.

Ich hatte Marks Gesicht im Kopf, den Moment, in dem er meinen Namen gesagt hatte.

Ich hatte das Wort „bitte“ im Kopf.

Ich hatte es nicht von ihm erwartet.

Ich hatte mich daran nicht gefreut. Es war keine Befriedigung. Es war eine Beobachtung. Wie ein Gärtner, der bemerkt, dass der Flieder dieses Jahr früher blüht als im letzten.

Etwas hatte sich verändert. Ich konnte den Zeitpunkt nicht benennen. Vielleicht war es zwischen der ersten und der zweiten Verhandlungsrunde gewesen. Vielleicht war es vorher gewesen, und ich hatte es nur jetzt erst gesehen.

Mark war kein Gegner mehr.

Mark war ein Mann, der Bedingungen akzeptierte, weil er keine eigenen mehr hatte.

Ich kam an der Theatinerkirche vorbei.

Vor der Kirche standen zwei Frauen mit Einkaufstaschen, sie sprachen über das Wetter und über den Karfreitagsverkehr. Eine von ihnen lachte kurz. Es war ein helles, kleines Lachen, das nicht zu mir gehörte und das mich für einen Moment lächeln ließ.

Ich ging weiter, am Hofgarten entlang, durch die Allee mit den Linden, zwischen denen das Licht in Streifen auf den Kies fiel.

Bei den Bänken am Brunnen hielt ich kurz an.

Ich setzte mich nicht.

Ich stand nur einen Moment, sah in das Wasser, das aus dem Brunnenrand floss, und ich dachte an meinen Vater, der oft an diesem Brunnen vorbeigegangen war, auf seinem Weg zur Kanzlei, in den Jahren, in denen die Kanzlei noch in der Briennerstraße lag und in denen ich, als ich klein war, ihn manchmal auf diesem Weg begleiten durfte.

Mein Vater hatte einmal an diesem Brunnen gestanden und mir gesagt: „Emilia, eine Bedingung ist nur stark, wenn man sie nicht durchsetzen muss.“

Ich hatte das damals nicht verstanden.

Ich verstand es jetzt.

Zu Hause wartete eine Nachricht auf dem Tisch in der Diele.

Frau Brandl hatte sie aufgeschrieben, in ihrer ordentlichen, leicht nach hinten geneigten Schrift.

>*Frau Hartmann hat angerufen. Margot Lenz. Sie bittet, dass Sie zurückrufen, wenn Sie Zeit haben. Heute oder morgen. Es eilt nicht.*

Ich nahm den Zettel mit ins Arbeitszimmer.

Ich legte ihn auf den Schreibtisch. Ich sah eine Weile darauf.

Dann hob ich den Hörer.

Margot ging beim zweiten Klingeln dran.

„Emilia.“

„Margot.“

„Wie war es?“

„Vorbei.“

Sie schwieg einen Moment.

„Kommen Sie morgen zum Tee?“

„Ja.“

„Vier Uhr.“

„Ich komme.“

Sie legte auf.

Ich blieb noch lange am Schreibtisch sitzen, mit dem Hörer in der Hand, der das tiefe, gleichmäßige Tonsignal eines beendeten Gesprächs von sich gab, und ich sah auf den Zettel, auf dem „es eilt nicht“ stand.

Es eilte nicht mehr.

Das war neu.

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