Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 17: Mark in der Firma

Anne rief am Donnerstag an.

Anne war die Sekretärin meines Mannes. Sie war es seit sechs Jahren. Sie war eine ruhige, sehr kompetente Frau Anfang vierzig, die einen kranken Vater in Erding pflegte und die montags immer ein wenig übermüdet aussah. Ich hatte sie gemocht. Ich hatte sie am Telefon ein paar Mal getröstet, wenn Mark einen schlechten Tag gehabt hatte und sie die Konsequenzen tragen musste. Ich hatte ihr zu Weihnachten jedes Jahr einen Gutschein für ein Hotel am Chiemsee geschickt, immer von Mark, aber immer von mir bezahlt und ausgesucht.

Die Nummer zeigte „Hartmann Gruppe, Zentrale“. Ich wusste, dass es Anne war. Niemand sonst in der Firma rief mich an, wenn er rief, dann über diese Nummer.

Ich nahm beim vierten Klingeln ab.

„Emilia Hartmann.“

„Frau Hartmann, entschuldigen Sie die Störung.“

„Ja, Anne?“

„Es geht um den Vertrag mit Berkhoff & Söhne.“

Berkhoff & Söhne. Das war ein Hotelprojekt in Berlin, an dem die Hartmann Gruppe seit zwei Jahren arbeitete. Mein Mann hatte es mir nie im Detail erklärt. Ich hatte ihm den Rahmenvertrag geschrieben. Das war vor neun Monaten. Ich hatte ihm gesagt, er solle die dritte Anlage nicht aus der Hand geben. Ich hatte ihm dreimal gesagt, er solle sie nicht aus der Hand geben. Er hatte mich immer angesehen, als würde er nicht ganz zuhören.

„Ja.“

„Herr Hartmann hätte eine Frage an Sie.“

„Anne.“

„Ja.“

„Herr Hartmann hat eine Frage an mich?“

„Ja. Er hat mich gebeten, sie Ihnen zu stellen.“

Ich hörte in ihrer Stimme, dass ihr das unangenehm war. Ich wusste, dass sie wusste, dass Mark mich nicht selbst anrief, weil er den Anruf nicht verantworten wollte. Ich wusste, dass Anne hier in einer Lage war, in der sie nichts gewinnen konnte.

„Anne. Einen Augenblick.“

„Ja.“

Ich setzte mich. Ich legte die Hand an die Stirn, weil ich einen Moment überlegen musste. Weber hatte gesagt: keine Antworten. Keine Hilfestellung. Keine Empfehlung. Nichts, was Mark als Weiterarbeit verstehen könnte. Gar nichts.

Ich hatte in den letzten zwölf Jahren nicht viel anderes getan als Mark Antworten geben.

Ich atmete einmal aus.

„Anne.“

„Ja, Frau Hartmann.“

„Bitte richten Sie Herrn Hartmann aus: Ich beantworte keine Fragen zur Firma mehr.“

Es wurde still in der Leitung. Ich hörte, wie sie einen Stift in die Hand nahm. Ich hörte, wie sie ihn wieder weglegte.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich richte es aus.“

„Danke, Anne.“

Sie zögerte.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?“

„Ja.“

„Geht es Ihnen besser?“

„Es geht.“

„Das freut mich.“

„Danke, Anne.“

„Darf ich noch etwas sagen?“

„Ja.“

„Ich weiß, dass ich das nicht sollte.“

„Anne.“

„Ich wollte nur sagen — Sie waren immer sehr freundlich zu mir.“

„Das waren Sie zu mir auch.“

„Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

„Ihnen auch, Anne.“

„Danke, Frau Hartmann.“

Sie legte auf.

Ich blieb einen Moment sitzen, den Hörer in der Hand. Ich legte ihn auf. Ich sah auf den Block, auf dem ich früher Notizen für Mark gemacht hätte, wenn Anne angerufen hätte. Der Block war leer. Der Stift lag daneben. Ich ließ sie liegen.

Jan kam aus dem kleinen Arbeitszimmer. Er hatte den Anruf nicht gehört, aber er wusste aus dem Geräusch meiner Stimme, dass etwas gewesen war.

„Was war das?“

„Anne. Marks Sekretärin.“

„Und?“

„Mark hatte eine Frage.“

„Welche?“

„Berkhoff & Söhne. Hotelprojekt Berlin.“

Jan lehnte sich in den Türrahmen.

„Du hast nicht geantwortet.“

„Nein.“

„Bravo.“

„Bitte.“

„Entschuldige.“

„Es ist nicht bravo. Es ist nur, was Weber gesagt hat.“

„Ich weiß.“

„Es war nicht leicht.“

„Das glaube ich dir.“

Er kam näher, stützte sich mit einer Hand auf die Rückenlehne des Sessels.

„Was war das für ein Projekt?“

„Ein Hotel in Berlin-Mitte. Großer Auftrag. Marks zweitgrößter dieses Jahr.“

„Und die Frage?“

„Ich weiß es nicht. Anne hat sie nicht gestellt. Ich habe Nein gesagt, bevor sie sie stellen konnte.“

„Du kannst es dir denken.“

„Ja.“

„Welche?“

„Die dritte Anlage des Rahmenvertrags. Ich habe Mark vor neun Monaten dreimal gesagt, er solle sie nicht aus der Hand geben. Er hat sie aus der Hand gegeben. Jetzt braucht er sie zurück.“

„Und er kann sie nicht zurückbekommen.“

„Nein.“

„Wer hat die Anlage?“

„Berkhoff & Söhne.“

„Das heißt, sie haben, was Mark nicht hat.“

„Ja.“

„Und sie lassen ihn hängen.“

„Wahrscheinlich.“

„Und er wollte, dass du ihm den Ausweg schreibst.“

„Ja.“

Jan nickte langsam.

„Gut.“

„Was gut?“

„Dass du Nein gesagt hast.“

„Ich habe nichts getan.“

„Du hast auch nichts getan.“

„Ja.“

„Das ist das Gute.“

Er lehnte sich vom Sessel ab.

„Ich arbeite weiter“, sagte er.

„Mach das.“

Er ging zurück ins kleine Arbeitszimmer. Ich hörte ihn die Tür zuziehen, dann ein leises Geräusch, als öffne er den Laptop. Jan arbeitete, wie Vater gearbeitet hatte. Vormittags und nachmittags, mit einer langen Pause dazwischen, und er ließ sich nicht stören, wenn er einmal angefangen hatte.

Ich stand auf.

Ich ging in die Küche. Ich machte mir einen Kaffee. Ich trank ihn langsam am Fenster. Draußen schien die Sonne auf die Linden, auf die nackten Äste, zwischen denen noch ein paar Tauben saßen, die sich noch nicht entschieden hatten, ob sie ins Dachgebälk zurückfliegen sollten oder nicht.

Das Telefon klingelte wieder.

Ich sah auf das Display.

Marks Nummer.

Seine private Nummer, nicht die Firmenzentrale.

Ich ließ es klingeln.

Es klingelte zehnmal, elfmal, dann ging der Anrufbeantworter an. Er sprach nicht auf. Er legte auf, als der Piepton kam.

Ich trank den Kaffee zu Ende.

Das Telefon klingelte noch einmal, eine Minute später.

Ich ließ es klingeln.

Ich räumte die Tasse in die Spülmaschine.

Das Telefon klingelte zum dritten Mal.

Ich ging in den Flur. Ich zog den Kaschmirmantel meiner Mutter an. Ich legte einen Schal um, einen alten, grauen, der auch meiner Mutter gehört hatte. Ich nahm die Handtasche. Ich trat vor die Haustür. Ich schloss sie hinter mir.

Ich ging die Auffahrt hinunter.

Ich ging nicht in die Richtung des Englischen Gartens, sondern entlang des Isarhochufers. Die Wege waren noch feucht vom Regen der letzten Tage. Hier und da sah man schon die ersten Buschwindröschen unter den Rhododendren. Eine Frau ging mir mit einem kleinen Hund entgegen. Wir grüßten uns, wie Menschen sich in Bogenhausen grüßten: kurz, höflich, ohne Interesse, sich zu unterhalten.

Ich ging eine Stunde.

In dieser Stunde ließ ich das Telefon zu Hause. Ich wusste, dass Jan es hören würde, wenn es noch einmal klingelte. Er würde nicht abnehmen. Er würde nur zur Kenntnis nehmen, dass es geklingelt hatte.

Als ich zurückkam, stand Jan im Flur.

„Dreimal“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Ich habe nicht abgenommen.“

„Das ist richtig.“

„Er hat nicht aufgesprochen.“

„Das ist auch richtig.“

Ich hängte den Mantel an die Garderobe.

„Emilia.“

„Ja.“

„Er weiß jetzt, dass du nicht mehr antwortest.“

„Ja.“

„Er wird noch einmal anrufen. Vielleicht fünfmal. Vielleicht zehnmal.“

„Dann ruft er eben.“

„Und dann?“

„Dann wird er kommen.“

Jan sah mich an.

„Bist du darauf vorbereitet?“

„Ja.“

„Sicher?“

„Ja.“

„Gut.“

Er ging zurück ins kleine Arbeitszimmer.

Ich ging in die Küche. Frau Brandl schälte Kartoffeln. Sie sah auf, als ich hereinkam.

„Es hat dreimal geklingelt.“

„Ich weiß.“

„Es war Herr Hartmann.“

„Ja.“

Sie sagte nichts weiter. Sie schälte die nächste Kartoffel. Sie hatte eine Art, die Kartoffelschalen in einer langen Spirale fallen zu lassen, die man auf einer Zeitung am Rand des Küchentisches sammeln konnte. Das hatte ich als Kind mit ihr zusammen gemacht.

Ich setzte mich ihr gegenüber. Ich nahm eine Kartoffel aus der Schüssel. Ich schälte sie. Meine Spirale war kürzer als ihre und brach in der Mitte. Sie lächelte.

„Sie haben es verlernt.“

„Das ist lange her.“

„Es kommt wieder, wenn man nicht aufhört.“

„Dann höre ich nicht mehr auf.“

Wir schälten zusammen die Kartoffeln, bis die Schüssel leer war.

Das Telefon klingelte nicht mehr.

Am Abend rief Weber an.

„Frau Richter.“

„Dr. Weber.“

„Ich habe einen Hinweis bekommen.“

„Ja.“

„Ihr Mann hat heute Nachmittag um dreizehn Uhr sein Hausbank-Konto überzogen. Er hat um vierzehn Uhr die Bank angerufen, um eine kurzfristige Erhöhung der Kreditlinie zu beantragen. Die Bank hat gebeten, Unterlagen vorzulegen. Er hat die Unterlagen nicht.“

„Wie wissen Sie das?“

„Ich habe einen alten Freund in dieser Bank.“

„Dr. Weber.“

„Ich erkläre Ihnen das bei Gelegenheit. Nicht am Telefon. Aber ich sage Ihnen dieses: Ihr Mann wird in den nächsten Tagen Leute anrufen, die ihm helfen könnten. Darunter vielleicht Sie.“

„Er hat heute angerufen.“

„Dreimal?“

„Dreimal.“

„Gut. Sie haben nicht abgenommen.“

„Nein.“

„Bleibt so.“

„Ja.“

„Und die Sekretärin?“

„Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Fragen zur Firma mehr beantworte.“

„Das ist der beste Satz, den Sie heute gesprochen haben.“

„Vielleicht der beste der Woche.“

Er lachte kurz, trocken.

„Frau Richter. Wenn in den nächsten Tagen jemand anderer anruft — ein Partner, ein Kunde, ein Mitarbeiter Ihres Mannes, der Ihnen einmal geholfen hat oder dem Sie einmal geholfen haben — sagen Sie denselben Satz. Wortgleich.“

„Das mache ich.“

„Viele Leute werden versuchen, Sie freundlich umzustimmen.“

„Ich weiß.“

„Freundlich umgestimmt zu werden, ist schwerer, als nein zu sagen.“

„Ich weiß.“

„Gut. Also wie lautet der Satz?“

Ich überlegte eine Sekunde.

„Ich beantworte keine Fragen zur Firma mehr.“

„Genau.“

„Weiter nichts.“

„Weiter nichts.“

„Einverstanden.“

„Gute Nacht, Frau Richter.“

„Gute Nacht, Dr. Weber.“

Ich legte auf.

Ich ging in den Salon. Frau Brandl war oben. Jan war in Hamburg. Das Haus hatte diese Art von Stille, die an Frühlingsabenden in großen Villen entsteht, wenn die letzten Vögel im Garten verstummen und die Heizung noch einmal kurz anspringt, weil die Temperatur draußen fällt.

Ich setzte mich in den Sessel des Vaters.

Ich dachte an Anne.

Anne hatte in ihrem Tonfall am Telefon etwas gehabt, das nicht nur mit dem Anruf zu tun hatte. Es war die Stimme einer Frau, die wusste, dass das, was sie gerade tat, vielleicht das Letzte war, was sie in dieser Firma tun würde. Ich hatte sie lange genug gekannt, um diesen Ton zu hören. Es war der Ton, den man annimmt, wenn man weiß, dass das Gebäude, in dem man arbeitet, zwar noch steht, aber schon anders knarrt als früher.

Ich hoffte, dass Anne einen Plan hatte. Ich hatte ihr einen Gutschein für das Chiemsee-Hotel im letzten Dezember geschickt. Ich hatte ihr dieses Jahr keinen geschickt. Es war nicht aus Vergessen gewesen. Es war Teil von Webers Regel: nichts tun. Nichts Sichtbares. Keine Geste, die als Hinweis verstanden werden könnte.

Aber ich dachte an Anne.

Ich würde sie in einem Jahr oder in zwei Jahren anrufen. Wenn das Haus anders stand. Wenn es keine Rolle mehr spielen würde. Ich würde sie fragen, wie es ihrem Vater ging, und ob sie noch in Erding wohnte. Ich würde ihr erzählen, dass sie mir in dem Telefonat, das sie für Mark geführt hatte, ein kleines Geschenk gemacht hatte. Den Augenblick, in dem ich zum ersten Mal nein gesagt hatte, unwiderruflich.

Das musste warten.

Ich stand auf. Ich stellte den Sessel wieder gerade. Ich löschte das Licht.

Ich ging nach oben. Auf dem Flur blieb ich einen Moment stehen, vor der Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters. Die Tür war offen, wie immer in den letzten Tagen. Ich würde sie bald abschließen. Nicht heute.

Ich ging ins Mädchenzimmer.

Ich legte mich hin.

Draußen fing es an zu regnen. Der Regen war fein, kaum hörbar, aber er war da, wie ein Schleier vor dem Fenster.

Ich schlief bald ein.

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