Kapitel 32: Die Bank ruft an
Der Anruf kam am Dienstagvormittag, kurz nach zehn.
Ich saß am Esstisch, die Sonne fiel schräg durch die Fenster, und ich trank den zweiten Kaffee des Morgens. Frau Brandl hatte Brot gebacken. Der Geruch hing noch in der Küche. Es war ein ruhiger Tag, die Art Tag, an der nichts passiert, wenn man sich nicht zu sehr auf sie verlässt.
Das Handy vibrierte auf dem Holz.
Weber.
„Frau Richter“, sagte er. Er benutzte diesen Namen jetzt ausschließlich. Ich hatte mich daran gewöhnt, ohne darüber zu reden. „Haben Sie einen Moment?“
„Ich habe den ganzen Vormittag.“
„Gut. Dann möchte ich Ihnen etwas erzählen, bevor Sie es von jemand anderem hören.“
Ich stellte die Tasse ab.
„Die Hausbank der Hartmann Gruppe hat sich bei mir gemeldet.“
Ich wartete. Weber fing nie mit der Sache an, bevor er sich den Satz zurechtgelegt hatte.
„Es ist Ihnen bekannt, dass Ihr Mann in der Vergangenheit mit einer Generalvollmacht gearbeitet hat, die Sie ihm 2015 ausgestellt haben.“
„Ja.“
„Sie haben diese Vollmacht am vierzehnten September letzten Jahres widerrufen. Notariell, in meiner Kanzlei. Ich habe den Widerruf an die betroffenen Institute geschickt.“
„Ich erinnere mich.“
Ich erinnerte mich genau. Es war ein Nachmittag gewesen, an dem ich zum ersten Mal gewusst hatte, dass ich krank war. Noch vor der Diagnose. Noch vor der Klinik. Nur dieses leise, stetige Ziehen in der Seite, das ich nicht mehr mit Müdigkeit erklären konnte.
Ich hatte Weber angerufen und gesagt: „Ich möchte ein paar Dinge ordnen.“
Er hatte nicht gefragt, warum. Er hatte einen Termin eingetragen, und am nächsten Tag hatte ich unterschrieben.
Nicht aus Rache.
Aus Vorsicht. So wie man eine Tür abschließt, bevor man ins Krankenhaus geht.
„Die Bank hat den Widerruf also seit September“, sagte ich.
„Ja. Sie hat ihn formal quittiert. Sie hat ihn abgelegt. Und sie hat ihn, so wie es aussieht, vergessen.“
Ich hörte, wie Weber Blätter bewegte.
„Ihr Mann hat am letzten Freitag einen neuen Vertrag unterzeichnet. Einen Rahmenkredit, zwölf Millionen Euro, zweckgebunden für ein Projekt in Leipzig. Er hat unter der alten Vollmacht gezeichnet.“
„Das kann er nicht.“
„Nein. Das konnte er nicht. Aber er hat es getan.“
Weber sprach ruhig, so wie er immer sprach. Kein Triumph, kein Erschrecken, nur die sachliche Form eines Anwalts, der ein Dokument beschreibt.
„Der Sachbearbeiter, der den Vertrag abgezeichnet hat, ist neu in der Abteilung. Er hat die Vollmacht aus dem Altbestand herangezogen und nicht gegengeprüft. Das ist dem Compliance-Team erst gestern aufgefallen, bei einer Routineprüfung.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ruft die Bank mich an, Frau Richter.“
Ich stand auf. Ich ging zum Fenster. Der Garten lag still. Frau Brandl hatte die ersten Narzissen in eine Schale gestellt, unten im Eingangsbereich. Es war Anfang April, und für einen Moment konnte ich nur den Garten sehen und den sanften Fleck, den die Sonne auf der Terrassenplatte machte.
„Warum ruft die Bank Sie an, Dr. Weber? Warum nicht Mark?“
„Weil Sie die Unterzeichnerin der Vollmacht waren. Weil Sie die Widerrufende waren. Und weil die Bank an einer möglichen Nachzeichnung interessiert ist.“
„Einer Nachzeichnung.“
„Sie möchte wissen, ob Sie bereit wären, den Vertrag nachträglich zu bestätigen. Es wäre der einfachste Weg für sie.“
Ich lächelte. Es war kein schönes Lächeln, aber es war ein ehrliches.
„Nein, Dr. Weber. Das wäre ich nicht.“
„Das hatte ich der Bank bereits mitgeteilt. Ich wollte nur sichergehen.“
„Sicher. Sicher.“
Ich setzte mich wieder.
„Was passiert jetzt?“
„Die Bank muss den Vertrag rückabwickeln. Das Geld ist noch nicht ausgezahlt worden — die Valutierung wäre erst nächste Woche erfolgt. Der Schaden für die Bank ist damit überschaubar. Aber.“
Weber ließ das Wort stehen, wie er es gern tat.
„Aber?“
„Aber das Compliance-Team wird nun alle Transaktionen der letzten zwölf Monate durchgehen, an denen Ihr Mann unter dieser Vollmacht beteiligt war. Das ist Pflicht.“
„Wie viele Transaktionen sind das?“
„Zwischen September und heute dreizehn. Drei davon größeren Umfangs.“
„Drei“, sagte ich.
„Drei.“
Ich sagte nichts für eine Weile. Ich hörte Weber atmen, ruhig, geduldig. Er war siebenundsechzig, und er hatte gelernt, nicht in Gespräche hineinzusprechen, in denen die andere Seite dachte.
„Dr. Weber“, sagte ich schließlich. „Das war kein Zufall, oder? Dass er eine abgelaufene Vollmacht benutzt hat.“
„Nein. Ich glaube, das war nicht einmal Absicht. Ich glaube, er hat sich nicht erinnert, dass sie abgelaufen ist.“
„Er hat sich nicht erinnert.“
„Sie müssen verstehen, Frau Richter. Solche Vollmachten sind in einem Unternehmen wie der Hartmann Gruppe Werkzeug. Sie liegen im Safe, sie werden abgerufen, sie werden zurückgelegt. Niemand liest sie neu, wenn er sie schon kennt. Er hat wahrscheinlich seit zwei Jahren keine Seite davon gelesen. Er hat nur unterschrieben, und der Sachbearbeiter hat abgenickt, weil der Sachbearbeiter sich auf den Safe verlassen hat, und der Safe ist nicht aktualisiert worden.“
„Es gab keinen Hinweis für ihn, dass sie widerrufen ist.“
„Ich habe ihm den Widerruf damals schriftlich zugestellt. An die Firmenadresse und an die Privatadresse. Er hat die Empfangsbestätigung unterschrieben, Frau Richter. Ich habe die Kopie.“
„Er hat sie unterschrieben.“
„Ja. An einem Morgen im September. Sie lagen zu dem Zeitpunkt, wenn ich mich recht erinnere, in der ersten Chemotherapie.“
Ich dachte zurück. Ich sah das Datum vor mir, aber ich sah die Woche nicht. Ich hatte in jener Woche vor allem geschlafen.
„Er hat die Unterschrift vielleicht gegeben, ohne zu lesen“, sagte ich.
„Das ist wahrscheinlich.“
„Das sieht ihm ähnlich.“
„Das ist nicht mein Urteil zu fällen, Frau Richter.“
Wir schwiegen.
„Dr. Weber“, sagte ich dann. „Ich möchte nichts dagegen tun.“
„Das müssen Sie auch nicht. Sie haben Ihren Teil vor sieben Monaten getan. Der Rest ergibt sich.“
„Der Rest ergibt sich.“
„Ja. Die Bank wird ihn einbestellen. Sie wird neue Sicherheiten verlangen. Sie wird die Linie für die laufenden Projekte einfrieren, bis sie sicher ist, dass alles stimmt. Ihr Mann wird eine unangenehme Woche haben. Vielleicht zwei.“
„Und ich?“
„Sie trinken Ihren Kaffee.“
Ich lächelte wieder. Diesmal ein wenig länger.
„Dr. Weber.“
„Ja?“
„Ich möchte, dass Sie mir eines versprechen.“
„Wenn ich kann.“
„Wenn Mark versucht, mich anzurufen. Wenn er durchdreht. Wenn er irgendjemanden auf mich ansetzt. Dann sind Sie mein Gesprächspartner. Nicht ich.“
„Das versteht sich, Frau Richter.“
„Ich möchte nicht mit ihm sprechen. Nicht über das.“
„Das ist Ihr Recht.“
Ich legte auf.
Ich saß noch eine Weile am Tisch. Der Kaffee war kalt geworden. Die Narzissen in der Schale im Eingangsbereich standen so, wie Frau Brandl sie gestellt hatte, und der schmale Streifen Sonnenlicht auf der Terrassenplatte war weitergerückt, ein paar Zentimeter nach links, ohne Aufregung.
Ich dachte an den vierzehnten September. An den Weg zur Kanzlei. An Webers Sekretärin, die mir einen Kamillentee gebracht hatte, weil ich nichts anderes hatte halten können. An die Unterschrift, die wie die Unterschrift einer anderen Frau aussah, dünner, unsicherer.
Ich hatte damals gedacht: Ich ordne nur auf.
Jetzt saß ich hier, und der September hatte eine Tür zugemacht, von der ich gedacht hatte, ich hätte sie nur angelehnt.
Frau Brandl kam mit einem Korb aus der Küche.
„Soll ich frischen machen?“
„Ja, bitte“, sagte ich. „Frischen.“
Sie nickte. Sie sah mich kurz an, mit diesem ruhigen Blick, den sie manchmal hatte, wenn sie wusste, dass ich einen Anruf gehabt hatte, den sie nicht kannte.
Sie fragte nicht.
Das war der Teil, den ich an ihr schätzte.
Ich blieb am Tisch sitzen, und draußen im Garten begann ein Specht zu klopfen, irgendwo im alten Kastanienbaum, den mein Vater noch gepflanzt hatte. Ein sauberer, regelmäßiger Ton. Holz gegen Holz. Geduldig.
Ich lauschte.
Es war, ich gebe es zu, kein schlechter Tag.
—
Am späten Nachmittag ging ich in das Arbeitszimmer meines Vaters. Ich öffnete die schwere Eichentür. Der Raum war, wie er immer war, kühl, ordentlich, von einem dünnen, klaren Geruch erfüllt, den ich nicht benennen konnte und der wahrscheinlich der Geruch unbewegter Bücher war.
Ich setzte mich an seinen Schreibtisch.
Ich öffnete nicht die große Schublade mit den Akten. Ich öffnete nur die kleine Schublade rechts. Dort lag ein Notizbuch, das er in den letzten drei Jahren seines Lebens geführt hatte. Ich hatte es erst vor Monaten gefunden, und ich hatte nur wenige Seiten gelesen.
Ich blätterte bis zum Herbst 2004. Ich las langsam.
Mein Vater hatte in kurzen Sätzen geschrieben. Über Wetter, über den Garten, über die Geschäfte. Ich fand den Eintrag vom zweiundzwanzigsten Oktober 2004:
*„M. war heute hier. Er will Änderungen an der Gesellschafterstruktur. Habe ihm gesagt, dass das mit E. besprochen werden muss. Er sagt, E. sei nicht die Sache. Er irrt sich.“*
Ich legte das Buch zurück. Ich schloss die Schublade.
Ich blieb noch eine Weile am Schreibtisch sitzen. Die Hände flach vor mir. Draußen vor dem Fenster zog eine Amsel einen Wurm aus dem Rasen. Sie nahm sich Zeit dafür. Sie zog, ließ los, zog wieder. Der Wurm war länger, als die Amsel offenbar erwartet hatte. Am Ende gab die Amsel auf und flog davon, den halben Wurm im Schnabel.
Ich lächelte kurz.
Es war ein ruhiger, guter Nachmittag. Trotz allem. Vielleicht gerade deswegen.
—
Als Frau Brandl mir den Kaffee brachte — sie hatte „frischen“ wörtlich genommen und eine ganze Kanne gemacht —, stellte sie sich einen Moment an die Tür des Frühstückszimmers.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Der Anruf war kein guter Anruf.“
„Er war kein schlechter Anruf, Frau Brandl. Er war nur einer, den ich nicht selbst machen musste.“
Sie nickte einmal, langsam. Sie verstand. Sie hatte fünfunddreißig Jahre in diesem Haus gearbeitet, und sie hatte in all diesen Jahren gelernt, wann eine Herrin einen Anruf erwartete und wann sie ihn nur entgegennahm.
Sie ging wieder in die Küche.
Der Kaffee war heiß und schwarz, und ich trank ihn, und ich sah dem Specht zu, der wieder zurückgekehrt war.
Draußen auf der Straße fuhr ein Wagen vorbei, aber er fuhr weiter.
Es war niemand, auf den ich gewartet hätte.
—
Ich saß noch lange mit der zweiten Tasse.
Ich versuchte, mir die Szene vorzustellen, die sich gerade in der Bank abspielte. Den neuen Sachbearbeiter, der mit rotem Gesicht ins Büro seines Vorgesetzten ging. Den Vorgesetzten, der die Vollmacht in die Hand nahm und das Datum las. Die Sekretärin, die die Akte zurückbrachte und die Empfangsbestätigung suchte, die mein Vater — nein, die mein Anwalt im September an die Firmenadresse geschickt hatte. Das leise Entsetzen, das sich in einem Banksaal verbreitet, wenn jemand merkt, dass man einen Kredit über zwölf Millionen Euro auf Grundlage eines Dokuments vergeben hat, das formal nicht gilt.
Ich kannte diese Art Entsetzen. Es war kein dramatisches Entsetzen. Es war das stille, interne Entsetzen von Menschen, die ihre eigenen Prozesse nicht mehr vertraten konnten, wenn sie nachgefragt würden.
Ich hatte in meinen Jahren als Beraterin mehrere solche Situationen erlebt. Sie waren immer gleich abgelaufen. Die erste Reaktion war immer, den Vertrag zu retten. Die zweite Reaktion, sich rechtlich abzusichern. Die dritte, die Verantwortlichkeit zu verteilen, in Scheiben so dünn, dass niemand einzeln schuldig werden konnte.
Mark wusste davon wahrscheinlich noch nichts.
Aber er würde es bald wissen. Und er würde es nicht gut verarbeiten.
Ich stand auf. Ich brachte die Tasse in die Küche. Ich stellte sie neben das Spülbecken, ohne sie zu spülen. Frau Brandl würde das später tun.
Ich ging in den Garten.
Der Specht war noch da. Er hatte sich von der Kastanie aus in den Ahorn verzogen und klopfte dort jetzt weiter. Ich sah ihm zu, bis meine Füße kalt wurden.
Dann ging ich zurück ins Haus.