Kapitel 19: Sophia zieht in die Villa
Frau Brandl brachte mir die Nachricht am Montagmorgen.
Sie stand in der Tür der Küche mit einer Schürze, auf der frische Mehlspuren waren. Sie hatte seit dem Morgen einen Hefezopf geknetet. Sie hatte die Hände an der Schürze abgewischt, bevor sie hereinkam, aber ein wenig Mehl saß noch an ihrem Handgelenk.
„Frau Hartmann.“
„Ja, Frau Brandl.“
„Ich habe auf dem Markt eben etwas gehört.“
„Ja.“
„Es ist wahrscheinlich nichts.“
„Sagen Sie es trotzdem.“
Sie zögerte.
„Frau Kellner aus der Maria-Theresia-Straße war am Gemüsestand. Sie hat gesagt, ihr Mann habe gestern Abend Herrn Hartmann vor der Zweitwohnung gesehen.“
„Am Englischen Garten.“
„Ja.“
„Ja.“
„Aber Herr Hartmann hat nicht alleine ausgeladen. Es war eine junge Frau bei ihm. Und sie haben Kartons getragen.“
„In die Wohnung?“
„Aus der Wohnung. Herr Kellner hat gesagt, es sah aus, als würden sie ausziehen.“
„Ausziehen.“
„Ja.“
Ich legte den Löffel zurück auf den Unterteller.
„Wohin?“
Frau Brandl hob ein wenig die Schultern. Nicht ganz. Nur so viel, wie sie es tat, wenn sie sich nicht sicher war, ob sie es aussprechen sollte.
„Frau Kellner hat vermutet, dass sie hierher ziehen.“
„Wer hat das vermutet?“
„Frau Kellner. Nicht ich.“
„Warum vermutet sie das?“
„Weil sie danach gesagt hat, Herr Hartmann sei der rechtmäßige Eigentümer der Villa, und er könne tun, was er wolle.“
Ich sah sie an.
„Das hat sie gesagt?“
„Ja, Frau Hartmann.“
„In welchem Ton?“
„In dem Ton, in dem sie solche Dinge sagt.“
„Ich verstehe.“
„Ich habe nichts geantwortet.“
„Das war richtig.“
„Ich wollte es Ihnen sagen.“
„Danke, Frau Brandl.“
Sie stand noch einen Moment. Sie kniff die Lippen zusammen, als wäre sie nicht fertig.
„Darf ich noch etwas sagen?“
„Bitte.“
„Ich stehe, wenn Sie es wünschen, mit dem Besen im Flur.“
Ich sah auf.
Frau Brandl war siebenundsechzig Jahre alt und wog fünfundvierzig Kilo, und wenn sie mit dem Besen im Flur stand, war das eine Haltung, die sie sich nicht von einem jungen Mann im Anzug und einer Frau in Absätzen nehmen lassen würde.
Ich lachte kurz. Es war ein trockenes Lachen, nicht schön, aber es war echt.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Sie müssen nicht mit dem Besen dastehen.“
„Wie Sie wünschen.“
„Sie müssen nur öffnen, wenn jemand klingelt. Und nein sagen.“
„Das kann ich.“
„Das weiß ich.“
„Gut, Frau Hartmann.“
Sie ging zurück in die Küche. Ich hörte, wie sie den Teig noch einmal durchknetete. Frau Brandl knetete Teig härter, wenn sie nervös war. Das Brot würde heute nicht gut werden. Das war ein kleiner Preis.
Ich saß noch einen Moment. Dann stand ich auf und ging ins kleine Arbeitszimmer. Jan saß am Schreibtisch. Er hatte zwei Bildschirme aufgebaut, einen mit einem CAD-Plan, einen mit einer Kalkulationstabelle.
„Jan.“
„Ja.“
„Ich habe eine Frage.“
„Bitte.“
„Die Villa. Ist sie mein alleiniges Eigentum?“
Er sah auf.
„Seit der Unterschrift letzte Woche. Ja.“
„Das war im Scheidungsvertrag.“
„Das war die einzige Position, die ich nicht lange angesehen habe. Sie war zu deinen Gunsten. Mark hat die Villa als Belastung gelesen, nicht als Wert. Er hat darauf verzichtet.“
„Das heißt, er kann hier nicht mehr einziehen.“
„Er hat kein Recht, diese Tür zu öffnen.“
„Er hat auch keinen Schlüssel.“
„Hat er keinen?“
„Nicht mehr.“
Jan sah mich an.
„Seit wann?“
„Seit zehn Tagen. Die Zugangskarte funktioniert nicht. Ich habe den Code am zweiten Tag ändern lassen, nachdem ich nach Hause gekommen bin. Frau Brandl hat die alten Hausschlüssel eingesammelt, bevor Mark die beiden Leute zum Räumen geschickt hat.“
„Gut.“
„Frau Brandl hat vom Markt eine Nachricht mitgebracht.“
„Welche?“
„Mark und Sophia räumen die Zweitwohnung.“
„Wohin?“
„Frau Kellner vermutet hierher.“
Jan nahm die Brille ab.
„Hierher.“
„Ja.“
„Er kann nicht hierher ziehen.“
„Nein.“
„Er kann es versuchen.“
„Ja.“
„Aber nicht einziehen.“
„Nein.“
„Und wenn Frau Kellner sich irrt?“
„Dann irrt sie sich. Ich bereite mich trotzdem darauf vor, dass sie sich nicht irrt.“
„Gut.“
Er drehte sich wieder zum Bildschirm.
„Ich rufe Weber an.“
„Ja, tu das.“
Ich ging in den Salon und rief Weber von dort aus an. Frau Hoffmann stellte mich sofort durch. Weber hörte zu.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Er kann die Villa nicht betreten. Das ist eindeutig.“
„Gut.“
„Er wird es trotzdem versuchen.“
„Ja.“
„Ich stelle Ihnen heute ein Schreiben zu, das Sie bei Bedarf vorzeigen können. Notariell beglaubigte Kopie des Eigentumsnachweises. Legen Sie es in die Kommode im Flur. Dort finden Sie es am schnellsten.“
„Ja.“
„Und Frau Brandl?“
„Ist informiert. Sie öffnet, wenn jemand klingelt. Sie sagt nein.“
„Gut. Eine Bitte.“
„Bitte.“
„Wenn er kommt, öffnen Sie nicht selbst.“
„Warum nicht?“
„Weil Sie eine Ruhe haben, die man nicht riskieren soll. Frau Brandl hat eine andere Ruhe. Die ist fester.“
„Ich verstehe.“
„Und noch eine Bitte.“
„Ja?“
„Nehmen Sie die Kommode. Dort liegt der Umschlag. Kein Wort darüber hinaus. Zeigen, nicht sprechen.“
„Gut.“
„Viel Glück, Frau Richter.“
„Danke.“
Ich legte auf.
Der Kurier kam am Nachmittag. Ich legte den Umschlag in die Kommode im Flur, in die obere Schublade, zwischen einem Paar alter Handschuhe meiner Mutter und einer Dose mit Knöpfen, die Frau Brandl seit dreißig Jahren sammelte. Die Schublade hatte ein Schloss. Ich drehte den Schlüssel nicht.
Dann wartete ich.
Sie kamen nicht am Montag. Sie kamen nicht am Dienstag. Sie kamen am Mittwoch.
Ich hörte das Auto in die Auffahrt einbiegen. Es war nicht Marks Wagen. Es war ein Transporter, den er wahrscheinlich gemietet hatte, weil er nicht wusste, was er damit vorhatte. Ich hörte zwei Türen schlagen. Ich hörte Stimmen. Marks Stimme, laut, weil er sich sicher fühlte, wenn er laut war. Und eine zweite Stimme, weicher, jünger.
Sophia.
Ich stand am Fenster im ersten Stock, hinter der Gardine. Ich sah sie aus dem Transporter steigen. Sophia trug einen hellen Mantel und Schuhe, die für dieses Wetter zu gut waren. Sie sah zur Villa hoch. Einen Moment lang, meine ich, sah sie genau zu dem Fenster, hinter dem ich stand. Aber ich war sicher, dass sie mich nicht sehen konnte.
Unten klingelte es.
Ich hörte Frau Brandl aus der Küche kommen. Ich hörte sie die Tür öffnen.
„Herr Hartmann.“
„Frau Brandl. Wir bringen ein paar Sachen rein.“
„Welche Sachen?“
„Meine Sachen.“
„Herr Hartmann, Sie wohnen hier nicht mehr.“
„Frau Brandl.“
„Sie wohnen hier nicht mehr.“
Es folgte eine Stille. Ich hörte, wie Mark einen Schritt machte. Dann hörte ich Frau Brandl die Tür weiter zuziehen, nicht ganz, nur so weit, dass Mark nicht hätte hineingehen können, ohne sie wegzudrücken.
„Frau Brandl. Lassen Sie mich hinein.“
„Die Villa gehört Frau Hartmann. Die Villa gehört der Familie Richter. Sie sind nicht mehr Eigentümer.“
„Ich bin ihr Ehemann.“
„Sie waren es.“
Mark schwieg einen Moment. Dann hörte ich seinen Atem. Er stieß einmal die Luft aus, ungläubig, wie ein Mann, der nicht fassen kann, dass jemand ihm widerspricht.
„Emilia.“
Er rief meinen Namen in den Flur hinein, laut, damit ich ihn im Haus hören sollte.
Ich stand am Fenster und hörte ihn.
„Emilia. Ich weiß, dass du oben bist. Komm runter.“
Ich sagte nichts. Ich bewegte mich nicht. Ich sah nur auf den Transporter in der Auffahrt, in dem Sophia jetzt wieder eingestiegen war.
Frau Brandl sagte unten etwas, das ich nicht verstand. Ich hörte den Rascheln von Papier. Sie hatte die Kommode geöffnet. Sie hatte den Umschlag herausgeholt. Sie hielt ihn Mark hin.
Ich hörte, wie Mark den Umschlag öffnete, wie er das Papier herauszog, wie er es las. Er las es zweimal. Beim zweiten Mal hörte ich, wie er das Papier fester in die Hand nahm.
„Das ist nicht möglich.“
„Das ist möglich.“
„Das ist nicht möglich.“
„Herr Hartmann.“
„Sagen Sie Emilia, sie soll herunterkommen.“
„Frau Hartmann ist nicht verfügbar.“
„Sagen Sie ihr, ich warte.“
„Frau Hartmann ist nicht verfügbar.“
Er stand eine Weile. Ich hörte ihn atmen. Er war nicht wütend. Er war erstaunt. Mark war immer erstaunt gewesen, wenn er etwas nicht bekam, was er zu bekommen erwartete.
Schließlich machte er einen Schritt zurück. Frau Brandl schob die Tür weiter zu. Er machte einen weiteren Schritt zurück. Sie schloss die Tür.
Das Schloss klickte.
Ich hörte draußen Mark sagen, einmal, mit einer Stimme, die ich nicht mehr kannte: „Das ist nicht möglich.“
Dann hörte ich die Türen des Transporters wieder schlagen. Der Motor startete. Das Geräusch entfernte sich die Auffahrt hinunter.
Ich blieb am Fenster stehen, bis das Auto nicht mehr zu sehen war.
Unten im Flur hörte ich Frau Brandl den Umschlag zurück in die Kommode legen. Ich hörte sie die Schublade schließen.
Ich ging langsam die Treppe hinunter.
„Frau Brandl.“
„Ja, Frau Hartmann.“
„Danke.“
Sie nickte kurz.
„Das war nicht schwer.“
„Für Sie nicht.“
„Nein.“
„Ich weiß.“
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ihr Vater hätte das nicht zugelassen.“
„Ich weiß.“
Sie ging zurück in die Küche.
Ich blieb im Flur stehen. Die Kommode stand, wie sie immer gestanden hatte. Der Umschlag lag in der Schublade, wie Weber es angeordnet hatte. Das Haus war still.
Es war noch Mittwoch, halb zwei Uhr nachmittags.
Irgendwo auf einer Autobahn Richtung München fuhr ein Transporter, in dem ein Mann und eine junge Frau saßen. Sie hatten einen Plan gehabt. Der Plan war nicht aufgegangen.
Ich ging in die Küche. Frau Brandl hatte Tee gekocht.
Ich trank ihn.
—
Am späten Nachmittag rief Clara an.
„Er war da, nicht?“
„Woher weißt du das?“
„Mark ist bei einem Maklerbüro vorstellig geworden. Unserer kleinen Branche entgeht so etwas nicht. Er hat nach einem Appartement in der Innenstadt gefragt. Dringend. Sagen sie.“
„Wie dringend?“
„Diese Woche noch.“
Ich schwieg.
„Emilia?“
„Ja.“
„Bist du okay?“
„Ich bin okay.“
„Nicht nur höflich okay. Wirklich okay?“
„Wirklich.“
„Gut. Dann erzähl.“
Ich erzählte es ihr. Die Fahrt des Transporters. Sophia im hellen Mantel. Frau Brandl an der Tür. Den Umschlag in der Kommode. Marks Stimme, die meinen Namen ins Haus rief. Mein Schweigen am Fenster. Das Abziehen des Transporters.
Clara hörte zu.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Ich schicke ihr Blumen.“
„Das musst du nicht.“
„Das will ich.“
„Dann tu es.“
„Und Sophia?“
„Ich weiß nicht, was sie dachte.“
„Sie dachte, Mark hätte seine Frau im Griff. Jetzt weiß sie, dass Mark seine Frau nicht im Griff hat. Das ist für Sophia mehr Information als für dich.“
„Möglich.“
„Es ist sicher.“
Clara blieb eine Weile still.
„Emilia. Eine Frage.“
„Ja.“
„Wenn er morgen noch einmal kommt, diesmal allein?“
„Dann kommt er allein.“
„Und Frau Brandl öffnet wieder?“
„Ja.“
„Und er akzeptiert es wieder?“
„Das hat er heute schon nicht.“
„Aber er ist gegangen.“
„Er ist gegangen.“
„Emilia.“
„Ja.“
„Wir sollten Weber sagen, dass wir vielleicht eine andere Form brauchen. Eine Unterlassungsverfügung.“
„Das würde laut werden.“
„Ja.“
„Also noch nicht.“
„Vielleicht übernächste Woche.“
„Vielleicht.“
Sie schwieg wieder kurz.
„Emilia.“
„Ja.“
„Iss etwas.“
„Ja.“
„Und ruh dich aus.“
„Ja.“
„Gute Nacht.“
„Es ist erst fünf.“
„Dann ruh dich aus, wenn es Abend ist.“
„Ja.“
Ich legte auf.
Ich sah aus dem Fenster. Der Himmel war hell geworden. Der Nachmittag hatte eine Pause eingelegt. Ich ging in die Küche. Frau Brandl saß am Küchentisch und las die Kulturbeilage.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Clara möchte Ihnen Blumen schicken.“
„Warum?“
„Weil Sie heute an der Tür sehr gut gewesen sind.“
Sie sah auf. Sie dachte einen Moment nach.
„Dann soll sie. Aber keine Tulpen. Tulpen halten nicht.“
„Ich werde es ihr ausrichten.“
„Nelken.“
„Nelken.“
„Oder Alpenveilchen.“
„Ich richte es aus.“
Sie nickte und las weiter.
Ich blieb eine Weile stehen. Ich sah Frau Brandl an. Sie war siebenundsechzig. Sie war die ganze Zeit eine leise Konstante in diesem Haus gewesen. Ich hatte sie vor Jahren angeboten, früher in den Ruhestand zu gehen. Sie hatte es abgelehnt. Ich war froh gewesen. Ohne Frau Brandl hätte ich dieses Haus nicht gekannt.
Ich ging hinauf, ins Arbeitszimmer meines Vaters. Die Tür stand offen. Ich hatte in den letzten Tagen begonnen, mich im Raum bewegen zu können, ohne die Regale anzusehen, als wäre ich zum ersten Mal dort. Ich ging zum Schreibtisch. Ich nahm das Foto meines Vaters aus der oberen rechten Schublade. Es war ein kleines, gerahmtes Bild, das zwei Jahre vor seinem Tod aufgenommen worden war.
Ich stellte es auf den Schreibtisch. Ich stellte es so, dass er zur Tür schaute. Er stand nicht mehr hinter dem Schreibtisch. Er stand auf dem Schreibtisch, als gäbe er sich ein Versprechen, dass er wusste, was in seinem Haus gerade geschehen war.
Ich ging hinaus.
Ich schloss die Tür leise.
Ich schloss sie noch nicht ab.
Ich ging die Treppe hinunter.
Frau Brandl hatte inzwischen den Tisch für das Abendessen gedeckt. Es gab eine kalte Platte, weil sie nicht noch einmal hatte kochen wollen. Ich hatte den ganzen Tag nicht gegessen. Ich aß jetzt.
Es war still.
Es war gut.