Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 24: Claras Idee

Am Sonntag kam Clara zum Abendessen.

Es war nichts Besonderes. Sie kam sonntags manchmal seit Wochen. Sie sagte, es sei besser, wenn eine Freundin vorbeikomme, als wenn man sich samstags anrief und sagte, man müsse sich mal treffen. Sie hatte recht. Sonntagabende in einer großen Villa sind länger als Sonntagabende in einer Wohnung.

Frau Brandl hatte zwei Salate gemacht und ein kaltes Huhn, weil sie wusste, dass Clara Huhn mochte, seit sie als Studentinnen zusammen in einem kleinen Restaurant in der Türkenstraße gesessen hatten, das es nicht mehr gab.

Wir aßen im kleineren Zimmer neben der Küche, nicht im großen Esszimmer. Das große Esszimmer war für andere Abende gebaut.

„Ich habe nachgedacht“, sagte Clara.

„Das ist selten.“

„Sei still.“

Sie lachte, während sie es sagte.

Dann wurde sie ernster.

„Emilia. Ich habe einen Vorschlag. Hör ihn dir an. Dann sagst du nein. Aber hör ihn dir erst an.“

„Ich höre.“

Sie stellte ihr Glas ab.

„Ich brauche jemanden in der Agentur. Nicht für Werbung. Nicht für Instagram. Nicht für das, was meine jungen Kolleginnen besser können als ich. Ich brauche jemanden für die Strategie. Jemanden, der Zahlen liest, bevor sie in eine Präsentation kommen. Jemanden, der einen Kunden ansehen kann und in einer halben Stunde weiß, wo er lügt. Ich meine nicht ein Bewerbungsgespräch voller Fragen. Ich meine richtige Arbeit. Zwei Tage die Woche. Dein Büro, wenn du willst. Dein Gehalt, das du selbst festlegst. Kein Titel, wenn du keinen willst. Alles andere auch.“

Ich sagte eine ganze Weile nichts.

Clara wartete. Sie hatte gelernt, zu warten. Wer mit mir wartet, bekommt eine bessere Antwort.

„Warum?“, sagte ich schließlich.

„Weil ich seit fünfzehn Jahren sehe, wie du Mark trägst, ohne dass er es merkt. Weil du dann bezahlt bekommst, was du wert bist. Weil du nicht allein in diesem Haus sitzen sollst, bis dich die Möbel kennen.“

„Die Möbel kennen mich schon seit meiner Kindheit.“

„Du weißt, was ich meine.“

Ich schob den Salat auf meinem Teller hin und her. Ich aß ein Blatt.

„Clara.“

„Ja.“

„Danke.“

„Das war kein Ja.“

„Das war auch kein Nein.“

„Ich merke.“

Sie sah mich an. Sie hatte die gleichen grauen Augen wie früher, aber heute wirkten sie dunkler, weil der Tisch zu wenig Licht hatte.

„Was hält dich ab?“

„Ich bin noch nicht so weit.“

„Das sagst du jetzt seit drei Monaten.“

„Es stimmt trotzdem.“

„Was wäre so weit?“

Ich überlegte ehrlich.

Ich überlegte, weil ich Clara keine Floskel geben wollte. Ich hatte in den letzten Monaten oft bemerkt, dass ich einen Satz sagen wollte, den ich früher gesagt hätte, und dass er nicht mehr stimmte. Ich hatte mir angewöhnt, solche Sätze nicht zu Ende zu sprechen.

„Clara“, sagte ich. „Ich bin gerade dabei, etwas aufzuhören. Das dauert. Wenn ich jetzt etwas Neues beginne, ist das, wie wenn man einen Mantel anzieht, bevor der alte ausgezogen ist. Das sieht dumm aus und ist unbequem.“

„Du zitierst deinen Vater.“

„Möglich.“

„Er hat das einmal über einen Geschäftspartner gesagt, der sich sofort in einer neuen Firma eingekauft hat, nachdem er seine alte verloren hatte.“

„Dann hat er es sich ausgesucht.“

„Vermutlich. Du zitierst ihn sowieso oft.“

„Ich weiß.“

„Es ist nicht schlimm. Es ist nur auffällig.“

Sie trank.

„Und was willst du tun, wenn du aufgehört hast?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Das wird langweilig.“

„Nein. Das wird langsam. Das ist etwas anderes.“

Clara nickte. Sie hatte gelernt, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen, ohne dauernd den Tisch zu überqueren. Ich mochte sie dafür.

Nach dem Essen saßen wir auf der Terrassentreppe. Die Nacht war mild für März. Frau Brandl hatte gesagt, ich solle eine Decke nehmen, aber ich hatte gesagt, ich brauche keine, und dann hatte ich eine genommen, bevor Frau Brandl mich hören konnte.

Wir sahen in den Garten.

„Emilia.“

„Hm.“

„Ich möchte dir etwas anderes vorschlagen.“

„Noch eins?“

„Ein kleineres. Keine feste Arbeit. Kein Büro. Nichts Offizielles. Nur: Wenn wir einen Kunden haben, der dich interessiert, darf ich dich fragen. Ein Gespräch. Eine Stunde. Du bekommst das bezahlt, was ein Anwalt dafür nimmt, und du sagst nein, wann immer du willst.“

„Also eine Beratung.“

„Wenn du willst, können wir es so nennen. Ich nenne es Kaffeetrinken mit Meinung.“

Ich lachte.

Es war wieder ein kleines Lachen, aber es war ein Lachen.

„Darüber denke ich nach.“

„Nachdenken erlaubt.“

„Wann brauchst du eine Antwort?“

„Wenn du sie hast. Nicht vorher.“

Sie schwieg eine Weile. Sie streckte die Beine aus. Sie sah auf den Kies der Auffahrt.

„Es ist übrigens nicht Mitleid.“

„Ich weiß.“

„Ich sage es nur, weil ich dich kenne. Du denkst gern, dass Menschen dich schonen.“

„Du schonst mich nie.“

„Genau. Deshalb sage ich es.“

Kurz bevor sie ging, sagte sie noch etwas im Flur.

„Dein Vater hat mich einmal gefragt, was ich beruflich machen will, als ich zwanzig war. Er hatte mich bei euch zu Abend eingeladen. Ich sagte: Ich weiß nicht. Er sagte: Such dir einen Beruf, in dem du alleine entscheiden kannst, wann du nein sagst.“

„Und?“

„Ich habe eine Agentur gegründet. Mit dreißig. Ich habe viermal nein gesagt, seit ich sie habe. Jedes Mal hat sich gelohnt.“

Sie zog ihren Mantel an.

„Emilia.“

„Ja.“

„Du hast gerade zum ersten Mal seit Langem nein gesagt, als du Mark gesagt hast, du beantwortest keine Fragen zur Firma mehr. Wenn du jetzt noch einmal nein sagst, zu meinem Vorschlag, ist das nicht schlimm. Es ist das Gegenteil von schlimm. Es heißt nur, dass du dich noch nicht festlegen willst. Das ist dein gutes Recht.“

„Clara.“

„Ja.“

„Wenn ich ja sage, später, weiß ich dann noch, warum?“

„Ja.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil du immer weißt, warum du etwas tust. Das ist dein Fehler und deine Stärke.“

Sie küsste mich kurz auf die Wange.

Ich schloss die Tür hinter ihr.

Ich ging nicht gleich hinauf.

Ich ging stattdessen ins Arbeitszimmer, ohne Licht zu machen. Von der Auffahrt drang die Straßenlaterne hinein, und das genügte. Ich setzte mich in den kleinen Lesesessel.

Ich dachte an Claras Vorschlag. Zwei Vorschläge, im Grunde.

Der erste war großzügig und zu schnell. Er verlangte, dass ich jetzt etwas war, was ich einmal gewesen war. Der zweite war klüger. Er verlangte nichts. Er öffnete nur eine Tür, ohne mich hineinzuschieben.

Das Verlockende war nicht die Arbeit. Das Verlockende war, dass jemand mich gefragt hatte. In den letzten zwölf Jahren hatte ich sehr oft gearbeitet, ohne dass jemand mich zuerst fragte, ob ich wollte. Ich hatte das lange mit Ehe verwechselt.

Ich dachte an meinen Vater.

Ich hatte als Mädchen manchmal im Büro auf ihn gewartet. Wenn er eine Besprechung länger brauchte, ließ er mich zu seiner Sekretärin ins Vorzimmer. Ich hatte auf einem Stuhl gesessen, der zu hoch war, und Füße, die nicht auf den Boden kamen. Die Sekretärin hatte mir einmal ein Buch gebracht, dick, mit einem festen Einband. Es war ein Handbuch für Projektkalkulation gewesen. Sie hatte es ausgewählt, weil es das einzige war, das herumlag. Ich hatte nicht viel verstanden. Aber ich hatte begriffen, dass Zahlen nicht einfach Wahrheiten waren, sondern Fragen, die man gut oder schlecht stellen konnte.

Auf dem Heimweg hatte mein Vater gefragt: „Hast du dich gelangweilt?“

„Ein bisschen.“

„Was hast du gemacht?“

„Ich habe in einem Buch gelesen.“

Er hatte gelacht.

„Dann bist du besser ausgebildet als meine jüngeren Kollegen.“

Ich hatte gelacht, weil ich glaubte, es sei ein Spaß. Erst viel später hatte ich gedacht, es sei keiner gewesen.

Ich dachte eine Weile an Mark.

Nicht aus Gewohnheit. Aus Kontrast.

Mark hatte nie um etwas gebeten. Er hatte vorausgesetzt. Er hatte angenommen, ich würde tun, was ich tat, weil es selbstverständlich sei. Auf dieser Annahme hatte eine ganze Firma gestanden. Ich hatte mich viele Jahre darin eingerichtet, weil die Arbeit mir gefiel. Ich hatte Lautenbach am Telefon gehört, wie er meinem Vater zugestimmt hatte. Ich hatte Zahlenspalten geordnet, um Fehler von anderen zu verhindern. Ich hatte etwas Richtiges getan, auch wenn die Bedingungen falsch waren.

Jetzt waren die Bedingungen weggefallen.

Das, was ich gut konnte, war noch da.

Clara hatte das klar gesehen. Sie hatte es nicht ausgesprochen. Sie hatte nur einen Vorschlag gemacht, der es unverlangt stehen ließ.

Ich stand auf und ging in die Küche. Ich trank ein Glas Wasser. Das Haus war still.

Ich ging hinauf.

Im Mädchenzimmer zog ich die Vorhänge nur halb zu, wie immer. Bevor ich das Licht löschte, öffnete ich das kleine Heft aus der Schublade. Ich schrieb das Datum. Ich schrieb ein Wort.

„Clara: Vorschlag.“

Dann machte ich das Licht aus.

Ich schlief nicht sofort ein.

Ich lag lange wach, aber es war ein angenehmes Wachsein. Nicht das Wachsein der ersten Wochen im Klinikum, als die Nacht etwas Feindliches gewesen war. Es war eher das Wachsein, das ich aus dem Studium kannte, wenn ich ein Buch aufgeschlagen hatte, das mich etwas anging, und wenn ich nicht sofort schlafen wollte, weil ich noch einmal darüber nachdenken wollte.

Claras zweiter Vorschlag hatte etwas Eigentümliches. Er war klein. Er war unverbindlich. Er ließ mir offen, wann ich ihn annahm, und wie oft.

Aber er war auch eine Schwelle.

Ich hatte in den letzten drei Monaten keine Schwelle überschritten. Ich hatte Schritte gemacht: aus dem Klinikum, in die Villa, in das Arbeitszimmer meines Vaters, in die Kanzlei Dr. Webers. Aber alle Schritte waren Schritte in Räume gewesen, die ich kannte. Claras Vorschlag war der erste, der mich in einen Raum schicken würde, den ich nicht kannte.

Ich überlegte, was mein Vater gesagt hätte.

Mein Vater hatte eine Antwort für solche Fälle gehabt. Er hatte sie nicht oft ausgesprochen. Er hatte sie gemacht. Wenn er vor einer Entscheidung stand, hatte er zwei Wochen gewartet. Nicht mehr, nicht weniger. Zwei Wochen. In diesen zwei Wochen hatte er gearbeitet, gegessen, geschlafen, als existiere die Entscheidung nicht. Erst am Ende der zweiten Woche hatte er sich hingesetzt und ja oder nein gesagt. Fast immer war die Antwort dann klar gewesen.

Ich beschloss, Clara in zwei Wochen eine Antwort zu geben.

Bis dahin würde ich nicht daran denken. Ich würde es nicht zum Thema machen. Ich würde nicht Pro und Contra aufschreiben. Ich würde mich einfach in zwei Wochen fragen, was meine erste, ungefilterte Antwort sei, und dann würde ich sie sagen.

Es beruhigte mich, eine Methode zu haben.

Die Methode war nicht meine. Sie war die meines Vaters. Aber das machte sie nicht weniger brauchbar. Mein Vater hatte Methoden gehabt, weil er ohne Methoden in der Welt, in der er lebte, nicht durchgekommen wäre. Er hatte sie mir beigebracht, ohne dass ich es gemerkt hatte. Jetzt kamen sie zurück, in kleinen Alltagsmomenten.

Ich drehte mich auf die Seite.

Die Straßenlaterne warf ihren schmalen Streifen durch den Vorhangspalt an die Wand. Der Streifen war gelb, fast honigfarben. Ich sah ihn an.

Nach einer Weile schlief ich.

Es war drei Uhr morgens, wie ich später am Wecker ablas. Aber das war mir in dem Moment egal.

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