Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 60: Marks Anruf

Mark rief am Montagabend an.

Es war der dritte Anruf an diesem Tag. Die ersten zwei hatte ich ignoriert. Der erste war um halb elf gewesen, der zweite um halb vier. Beide ohne Nachricht. Beim dritten Mal, kurz nach acht, nahm ich ab.

Ich tat das nicht aus einem Beschluss. Ich saß in der Bibliothek im Erdgeschoss, hatte ein Buch auf dem Schoß, das Telefon klingelte, und ich entschied in dem Moment, in dem ich den Stoff der Lampe ansah, dass es heute Abend egal war.

„Hallo.“

„Emilia.“

Er sagte den Namen, als hätte er ihn lange nicht gesagt. Vielleicht hatte er ihn lange nicht gesagt.

„Mark.“

„Du nimmst ab.“

„Ja.“

„Ich rufe seit drei Tagen an.“

„Ich weiß.“

„Du hast nie abgenommen.“

„Nein.“

Es entstand eine kurze Pause. Ich hörte ihn atmen. Ich kannte das Atmen. Es war das Atmen, das er hatte, wenn er einen Satz im Kopf hatte und überlegte, ob er ihn jetzt aussprach oder einen anderen.

„Wo bist du.“

Eine merkwürdige Frage, dachte ich, von einem Mann, der mein Telefon anrief und nicht mein Klingelschild.

„Zu Hause.“

„Im Haus.“

„Im Haus, Mark.“

„Du bist die ganze Zeit im Haus gewesen.“

„Ich bin seit der Klinik im Haus, ja.“

„Ich war einmal vorbei. Du warst nicht da.“

„Ich war im Krankenhaus. Es war ein Untersuchungstermin.“

„Das wusste ich nicht.“

„Du hattest auch nicht gefragt.“

Wieder eine Pause. Diesmal länger.

„Emilia, ich möchte mit dir reden.“

„Wir reden gerade.“

„Ich meine richtig.“

„Was bedeutet richtig.“

„Persönlich. Nicht am Telefon.“

Ich stellte das Buch zur Seite. Ich legte es nicht zu, ich ließ es offen, mit der Vorderseite nach unten. Ich tat das, was er nicht ausstehen konnte, dass man Bücher mit der Vorderseite nach unten ablegt.

„Mark, ich werde dir antworten. Ich werde es einmal sagen, dann hörst du auf zu fragen.“

„Bitte.“

„Wir haben in den letzten zwölf Jahren oft persönlich geredet. Du hast geredet, ich habe zugehört. Es hat uns nicht weitergebracht. Ich glaube nicht, dass es uns jetzt weiterbringen wird.“

„Emilia.“

„Was du mir sagen willst, kannst du Dr. Weber sagen. Er wird mir das Wesentliche weitergeben.“

„Ich möchte nicht mit Dr. Weber reden.“

„Ich verstehe. Aber das ist die Form, in der ich es jetzt mache.“

„Wir sind verheiratet.“

„Bis zum 15.“

„Du hast unterschrieben.“

„Ja.“

„Du hast es gestern zurückgeschickt.“

„Letzte Woche.“

„Letzte Woche.“

„Mark, ich habe es unterschrieben, weil du es mir vor einem Jahr in der Klinik gegeben hast. Es war dein Wunsch. Ich habe es nur eingehalten.“

„Es ist auch dein Wunsch.“

„Ja. Mittlerweile.“

Er atmete jetzt anders. Ein kürzeres, scharferes Atmen.

„Emilia, du musst etwas verstehen. Die Lage in der Firma ist nicht gut.“

„Das weiß ich.“

„Du weißt es?“

„Mark, ich sitze seit drei Wochen in den Sitzungen.“

„Inoffiziell.“

„Ja.“

„Aber du sitzt drin.“

„Ja.“

„Du hast Heinrich Altmann engagiert.“

„Heinrich Altmann hat sich mir angeboten.“

„Du hast es angenommen.“

„Das habe ich.“

„Schmidt ist auf deiner Seite.“

„Schmidt ist auf der Seite der Firma.“

„Das ist dasselbe.“

„Vielleicht.“

„Es ist.“

Er sagte das hart. Es klang, als hätte er es nicht zum ersten Mal an diesem Tag gesagt.

„Mark, was möchtest du sagen.“

„Ich möchte, dass wir miteinander reden, bevor wir uns gegenseitig zerstören.“

Ich machte eine Pause.

Ich wählte mein nächstes Wort sehr genau.

„Mark, ich zerstöre niemanden.“

„Das ist nicht, wie es ausschaut.“

„Das ist, wie es ist.“

„Du hast den SZ-Artikel.“

„Ich habe ihn nicht.“

„Wer dann.“

„Niemand mit einem Vornamen, hat Dr. Weber gesagt.“

„Was bedeutet das.“

„Es bedeutet, Mark, dass du Geschichten in dieser Stadt aufgebaut hast, die auf dünnem Eis standen. Wenn das Eis bricht, bricht es nicht, weil jemand es zerschlagen hat. Es bricht, weil es das Gewicht nicht trägt.“

Er schwieg.

Ich hörte hinter ihm Geräusche. Eine Heizung, glaube ich. Ein leises Brummen. Er war in der Wohnung am Englischen Garten. Ich konnte es nicht hören, ich vermutete es. Frau Brandl hatte gestern Abend erzählt, dass das Auto am Englischen Garten heute Mittag nicht mehr vor der Wohnung gestanden habe, dass aber auch in der Villa kein Auto stehe. Mark wohnte in der Wohnung am Englischen Garten, ohne dass er sich noch ein zweites Auto leisten würde.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe einen Termin verpasst.“

„Heute?“

„Heute.“

„Welchen.“

„Mit dem Aufsichtsrat. Vorbesprechung.“

„Du warst nicht da.“

„Ich war zu spät.“

„Wie zu spät.“

„Vierzig Minuten.“

„Mark.“

„Ich weiß.“

„Hat Vogt gewartet.“

„Vogt war schon weg.“

„Schmidt.“

„Schmidt war noch da. Schmidt war fertig.“

„Mit was fertig.“

„Mit dem Sitzungspunkt.“

„Mit der gesamten Vorbesprechung?“

„Ja.“

„Mark, das bedeutet, dass die Vorbesprechung ohne dich stattgefunden hat.“

„Ja.“

„Das ist nicht zu spät.“

„Was?“

„Das ist abgesagt. Du bist nicht abgemeldet, also bist du gewesen abwesend. Aber die Sitzung hat stattgefunden.“

„Es ist nicht dasselbe wie ein vollwertiger Termin.“

„Mark, eine Aufsichtsratsvorbesprechung, die ohne den Geschäftsführer stattfindet, ist eine Sitzung, die der Aufsichtsrat ohne den Geschäftsführer für ausreichend gehalten hat.“

„Ich war krank.“

„Mark.“

„Ich war krank.“

„Mark, du warst nicht krank. Du warst wahrscheinlich am Telefon, mit Andreas Korn, oder mit jemandem ähnlichem.“

Es entstand eine sehr lange Pause.

„Wer hat dir das erzählt.“

„Niemand hat mir das erzählt, Mark. Ich vermute es.“

„Du vermutest viel.“

„Ich vermute heute selten falsch.“

„Emilia.“

„Ja.“

„Bitte. Können wir reden.“

Ich nahm das Buch wieder in die Hand. Ich legte es auf meine Knie. Ich legte die Handfläche auf die offene Seite.

„Mark.“

„Ja.“

„Über meinen Anwalt.“

Ich sagte den Satz nicht laut. Ich sagte ihn ruhig. Ich sagte ihn so, wie ich an einem Mittwochmorgen einer Empfangsdame die Mantelnummer gegeben hätte.

Er schwieg.

Er schwieg lange.

„Emilia, das ist es nicht wert.“

„Was ist es nicht wert.“

„Diese Form.“

„Welche Form.“

„Diese.“

„Mark, ich verstehe die Frage nicht.“

„Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet. Wir haben uns gegenseitig vieles gegeben. Wir haben uns gegenseitig vieles genommen. Dann sind wir an einen Punkt gekommen. Du sagst jetzt: Über meinen Anwalt. Das ist nicht der Punkt, an den wir uns vor zwölf Jahren gewünscht haben.“

„Mark.“

„Ja.“

„Wir haben uns vor zwölf Jahren keinen Punkt gewünscht. Wir haben einen Anfang versprochen.“

„Und jetzt.“

„Jetzt sind wir am Ende. Es gibt zwischen Anfang und Ende nicht überall Wege, die wir gemeinsam gehen können. Diesen letzten geht jeder allein.“

Ich hörte ihn aufstehen. Ich hörte einen Stuhl quietschen, einen Schritt, etwas wie eine Tür, vielleicht zur Küche.

„Emilia, kann ich dich morgen besuchen.“

„Mark.“

„Bitte.“

„Über meinen Anwalt.“

„Du wirst diesen Satz nicht ändern.“

„Nein.“

„Du hast ihn vor einem Jahr nicht gehabt.“

„Vor einem Jahr habe ich ihn auch nicht gebraucht.“

Er sagte einige weitere Sätze. Sie waren leiser jetzt, ungeordneter. Er sprach von den Jahren, von dem Haus, von den Reisen, von einer Skitour, die wir vor sechs Jahren gemacht hatten und die er offenbar in dieser Sekunde am eindringlichsten erinnerte. Ich ließ ihn sprechen. Ich unterbrach ihn nicht.

Es war eine Art Abschied. Es war keine Reue. Mark hatte keine Reue, er hatte ein Vermissen, das verschiedene Formen annahm.

Als er aufhörte, war es Viertel nach acht.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe heute kein Abendessen.“

Es war ein merkwürdiger Satz. Er paßte nicht zu dem, was vorher gesagt worden war. Es war der ehrlichste Satz, den er an diesem Abend gesagt hatte.

„Mark.“

„Ja.“

„Bestelle dir etwas.“

„Es gibt hier kein Restaurant, das so spät noch liefert.“

„Es gibt um diese Zeit zehn Restaurants in München, die liefern.“

„Hier nicht.“

„Mark, am Englischen Garten?“

„Ich bin nicht am Englischen Garten.“

Ich hielt einen Moment inne.

„Wo bist du.“

„Ich bin in der Villa nicht. Ich bin in einem Hotel. In Schwabing.“

„Welches Hotel.“

„Es ist nicht wichtig.“

„Du wohnst in einem Hotel.“

„Seit vorgestern.“

„Sophia ist nicht mehr in der Wohnung.“

„Sophia ist seit zehn Tagen nicht mehr in der Wohnung. Aber das ist nicht der Grund.“

„Was ist der Grund.“

Er lachte kurz, ohne Humor.

„Der Grund ist, dass ich die Wohnung nicht mehr bezahlen kann.“

Das war der Moment, in dem ich verstand, in welcher Lage Mark wirklich war.

Ich verstand es nicht durch Schmidts Bilanzen, nicht durch Webers Memoranden, nicht durch Heinrichs ruhige Fragen in den Sitzungen. Ich verstand es durch einen Satz, den Mark mir am Telefon sagte, ohne ihn vorzubereiten, weil er ihn länger als nötig im Kopf gehalten hatte.

Ich sagte nichts.

Ich sagte sehr lange nichts.

Mark sagte auch nichts.

Es war eine seltsame, ruhige Sekunde zwischen uns, eine Sekunde, die niemand verlangte und die niemand füllen wollte.

Schließlich sagte ich:

„Mark.“

„Ja.“

„Es tut mir leid, dass du in einem Hotel bist.“

„Mehr nicht.“

„Mehr nicht.“

„Du wirst mir nicht helfen.“

„Nein.“

„Du hättest mir früher geholfen.“

„Ich weiß.“

„Du würdest mich jetzt einfach im Hotel sitzen lassen.“

„Ich werde dich nicht im Hotel sitzen lassen, Mark. Ich werde nichts daran ändern. Das ist ein Unterschied.“

„Was bedeutet er.“

„Er bedeutet, dass dein Hotel nicht meine Sache ist. Er bedeutet auch nicht, dass ich dich nicht im Hotel sitzen sehen will. Er bedeutet, dass ich an deiner Lage nichts verändern werde.“

„Über deinen Anwalt.“

„Über meinen Anwalt.“

Er schwieg.

Dann sagte er, und es war fast leise:

„Emilia, du bist anders als früher.“

„Ja.“

„Es war damals nicht so.“

„Damals war ich nicht so.“

„Wer hat dich so gemacht.“

Ich überlegte. Ich überlegte ehrlich.

„Mark, das warst du.“

Er legte auf.

Er legte nicht auf wie jemand, der zürnt. Er legte auf wie jemand, der nicht mehr wusste, was er sagen sollte. Es war das leiseste Auflegen, das ich von Mark in zwölf Jahren je gehört hatte.

Ich hielt das Telefon noch eine Sekunde am Ohr.

Dann legte auch ich auf.

Ich nahm das Buch wieder in die Hand.

Auf der Seite, die offen lag, hatte ich vorher zu lesen aufgehört. Ich las den Satz von vorn. Ich las ihn dreimal. Dann las ich weiter.

Frau Brandl trat in die Tür.

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„War das er.“

„Ja.“

„Er ist fertig.“

„Ja, Frau Brandl.“

Sie nickte.

Sie ging.

Eine halbe Stunde später kam sie zurück.

Sie hatte eine Tasse Tee in der Hand und eine kleine Schüssel mit Trauben.

„Frau Emilia.“

„Sie sollten schlafen, Frau Brandl.“

„Sie auch.“

„Ich lese.“

„Ich weiß.“

Sie stellte die Tasse und die Schüssel auf das Tischchen neben dem Fauteuil. Sie zog sich nicht zurück, sondern blieb stehen.

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe ein Gespräch heute Nachmittag mitgehört.“

„Welches.“

„Mein Sohn hat angerufen. Er arbeitet in der Sparkassen-Zentrale in der Schackstraße. Er wollte mir sagen, dass es dort sehr unruhig ist seit gestern.“

„Was bedeutet unruhig.“

„Sie haben in einem Termin festgestellt, dass die Hartmann Gruppe einen Kredit nicht bedienen kann, der nächsten Monat fällig wird.“

„Wer hat es festgestellt.“

„Markus Schmidt. Er war heute Vormittag dort.“

Ich sah sie an.

„Frau Brandl, das ist eine Information, die ich nicht haben darf.“

„Ich weiß. Ich habe sie Ihnen auch nicht offiziell gesagt.“

„Sie haben sie mir gesagt.“

„Frau Emilia, ich kenne Sie seit Sie geboren sind. Was Sie mit dem, was ich Ihnen sage, machen, ist Ihre Sache. Ich erzähle Ihnen, was in dieser Stadt passiert. Sie entscheiden, was relevant ist.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Setzen Sie sich einen Moment.“

Sie setzte sich.

Wir sprachen nicht viel. Sie erzählte mir, dass ihr Sohn seit zwei Jahren in der Sparkassen-Zentrale arbeite, dass er in einer Abteilung sei, die mit der Hartmann Gruppe zu tun habe, dass er ihr selten von seiner Arbeit erzähle, weil er sich an die Schweigepflicht halte, die für solche Banken gelte. Heute habe er nichts Konkretes gesagt. Er habe nur am Telefon gesagt: „Mama, in der Hartmann Gruppe wird es eng.“

Es waren sechs Wörter. Das Wesentliche.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Ihr Sohn arbeitet in der Schackstraße seit zwei Jahren?“

„Ja.“

„Sie haben mir das nie gesagt.“

„Sie haben nie gefragt.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Danke.“

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„Es gibt Frauen wie mich in fast allen Häusern dieser Stadt. Sie haben das selten zur Kenntnis genommen. Es ist, glaube ich, an der Zeit, dass Sie es zur Kenntnis nehmen.“

Sie stand auf. Sie ging hinaus.

Ich blieb mit dem Buch auf den Knien sitzen. Ich nahm eine Traube. Ich aß sie nicht. Ich legte sie zurück in die Schüssel.

Ich las weiter, bis Mitternacht.

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