Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 61: Sophia packt

Was an dem Mittwoch in der Wohnung am Englischen Garten geschah, habe ich aus zwei Quellen erfahren.

Die eine war Margot, die mir am Donnerstagabend einen einzigen Satz schrieb: „Sie ist heute gegangen. Berlin.“ Die andere war eine Bekannte von Margot, eine Frau Dr. Eichner, die im selben Haus eine Wohnung im dritten Stock besaß und die nichts unterließ, um an einem Mittwochnachmittag im Hausflur zu sein, wenn unter ihr eine junge Frau Koffer trug.

Ich gebe es so wieder, wie es mir berichtet wurde. Eine Szene in einer Wohnung, in der ich nie war, zwischen zwei Menschen, von denen ich einen seit zwei Jahren nicht gesehen hatte und die andere nie.

Es ist vielleicht die einzige Szene in dieser Geschichte, die ich erzähle, ohne dabei gewesen zu sein.

Sophia begann um halb zehn am Vormittag.

Sie hatte in den Tagen davor schon angefangen, die Schubladen zu sortieren. Margot hatte recht behalten: Frauen wie Sophia packten leise. Sie hatte ihre Sachen nicht in Kisten gepackt, sondern in zwei große Reisekoffer und einen Kleidersack. Sie hatte ein Drittel ihrer Kleidung weggegeben, in eine Spende eines Frauenhauses in der Theresienstraße, das sie über eine Bekannte kannte.

Sie hatte kein Möbelstück mitgenommen.

Die Wohnung am Englischen Garten war Marks Wohnung. Es war seine Zweitwohnung. Die Möbel waren vor Sophias Zeit ausgesucht worden, wahrscheinlich von einer Innenarchitektin, die Mark vor sieben Jahren beauftragt hatte. Sophia hatte in dieser Wohnung nichts gekauft, was über das Notwendige hinausging. Eine Bettwäsche. Zwei Vasen. Eine kleine Lampe für den Schreibtisch. Sie nahm die Lampe nicht mit. Sie schenkte sie einer Nachbarin, der Frau Dr. Eichner, die mir später erzählte, sie habe sich gewundert, dass ihr eine Lampe geschenkt wurde, ohne dass sie sie verlangt hatte.

Sie schaute nicht aus den Fenstern, während sie packte. Sie schaute auf die Sachen, nicht auf den Garten.

Sie machte keine Fotos.

Sie weinte nicht.

Sie war achtundzwanzig.

Mark kam um halb zwölf.

Er hatte in der Nacht im Hotel geschlafen. Er war am Morgen ins Hotel gefahren, hatte geduscht, hatte sich umgezogen, war gegen elf in die Maximilianstraße gefahren, hatte zwei Telefonate geführt, hatte sich einen Wagen gerufen, war zur Wohnung gefahren.

Die Wohnung war nicht abgeschlossen. Sophia hatte sie nicht abgeschlossen. Sie wusste, dass er kommen würde. Sie wollte, dass er hereinkam, ohne klopfen zu müssen.

Er trat ein.

Er sah zuerst den Korridor. Im Korridor stand der erste der beiden Koffer. Er sah aus dem Korridor in das Wohnzimmer. Im Wohnzimmer stand der zweite Koffer. Er sah in das Schlafzimmer. Im Schlafzimmer stand der Kleidersack auf dem Bett, halb zugezogen.

Sophia stand an der Kommode. Sie hatte eine kleine Schmuckschatulle in der Hand. Sie sortierte. Was sie behielt, legte sie in die Schatulle. Was sie zurückließ, legte sie auf einen kleinen Holzteller, den sie auf der Kommode bereitgestellt hatte.

Sie sah auf, als er eintrat.

„Mark.“

„Sophia.“

Sie stellte die Schatulle ab.

Sie ging an ihm vorbei in den Korridor. Sie kam mit einem Glas Wasser zurück. Sie reichte es ihm nicht. Sie stellte es auf die Kommode, neben den Holzteller. Sie wußte vermutlich, dass er nichts trinken würde, aber sie tat es trotzdem, weil ihre Hände etwas tun mussten.

Mark sagte zuerst nichts.

Er ging um den Koffer im Wohnzimmer herum. Er setzte sich auf das Sofa. Er sah eine Sekunde lang zum Fenster. Dann sah er zu Sophia.

„Wann fährt der Zug.“

„Halb fünf.“

„Berlin?“

„Berlin.“

„Schwester?“

„Schwester.“

„Charlottenburg?“

„Charlottenburg.“

„Hast du eine Wohnung.“

„Eine Untermiete für drei Monate. Dann sehen wir.“

„Du hast keinen Job.“

„Ich habe ein paar Anfragen. Sie sind nicht entschieden.“

„Sophia.“

„Ja, Mark.“

„Bleib.“

Sie sah ihn an.

Sie sah ihn nicht hart an, nicht sentimental, nicht überheblich. Sie sah ihn an, wie eine Frau einen Mann ansieht, der sie etwas fragt, das er nicht fragen sollte und für das er die Antwort schon kennt.

„Mark, das tue ich nicht.“

„Warum nicht.“

„Du weißt warum.“

„Sag es mir trotzdem.“

Sie überlegte einen Moment. Ich denke, sie hatte überlegt, ob sie es ihm sagen würde, und hatte sich für nein entschieden, und änderte ihre Meinung in der Sekunde, in der sie ihn auf dem Sofa sitzen sah.

„Mark, ich gehe nicht, weil du in Schwierigkeiten bist.“

„Nein?“

„Nein. Ich gehe, weil ich gemerkt habe, dass ich in eine Welt geraten bin, die nicht zu mir passt, und in der ich nicht der Mensch sein möchte, der ich werden würde, wenn ich bliebe.“

„Das ist Sätze, Sophia.“

„Das sind keine Sätze, Mark. Das ist mein Leben.“

„Du hast diese Sätze von jemandem.“

„Ich habe sie von mir selbst.“

„Du hast sie nicht selbst.“

„Mark, das ist genau die Art, wie du gerade redest, weshalb ich gehe.“

Sie ging an die Kommode zurück. Sie nahm die Schatulle. Sie ließ sie nicht zuklappen, sondern hielt sie offen, wog sie kurz in der Hand.

„Ich bin nicht klüger geworden in den letzten zwei Jahren, Mark.“

„Du klingst klüger.“

„Ich klinge nicht klüger. Ich klinge, weil ich aufgehört habe, dir zuzustimmen.“

Mark stand auf.

Er ging einen Schritt auf sie zu. Er blieb stehen. Er ging einen Schritt zurück.

„Sophia.“

„Ja.“

„Hast du mit jemandem geredet.“

„Ja.“

„Mit wem.“

„Mit Frau Lenz.“

„Margot Lenz?“

„Ja.“

„Du hast mit Margot Lenz geredet.“

„Ja.“

„Sie ist eine Bekannte von Emilia.“

„Ich weiß.“

„Du hast mit der Bekannten meiner Frau geredet.“

„Ich habe mit einer Frau geredet, die siebzig Jahre alt ist und in München mehr weiß, als ich verstehe. Sie ist auch eine Bekannte deiner Frau. Das ist ein Detail.“

„Was hat sie dir gesagt.“

„Sie hat gesagt, ich sei nicht dumm. Das hat genügt.“

Mark sah sie an.

Mark hatte einen Moment, in dem er, ich glaube, alles verstand. Margots Satz, Sophias Koffer, Schmidts Zweistunden-Sitzung, Frau Lehmanns Empfangstresen, Annes Tasse Tee. Alles in einer Sekunde. Es war die einzige Sekunde an diesem Mittwoch, in der er, glaube ich, nicht handelte, sondern sah.

Dann versuchte er noch einmal.

„Sophia, du wirst es bereuen.“

„Vielleicht.“

„Du bist achtundzwanzig. Du hast keinen Beruf. Du hast keine Wohnung. Du hast keine Sicherheit.“

„Ich habe nichts davon. Das stimmt.“

„Hier hast du das alles.“

„Mark, hier habe ich davon nichts. Hier habe ich eine Wohnung, die nicht meine ist. Einen Mann, der nicht meiner ist. Und die letzten zwei Jahre meines Lebens, von denen ich nicht weiß, ob sie meine waren.“

„Sophia.“

„Ja.“

„Du bist hart heute.“

„Ich bin nicht hart, Mark. Ich bin fertig. Das ist nicht dasselbe.“

Sie trug den ersten Koffer in den Korridor. Sie trug den zweiten Koffer in den Korridor. Sie trug den Kleidersack in den Korridor.

Sie ging an Mark vorbei, der jetzt am Fenster stand und auf den Englischen Garten sah.

„Mark.“

„Ja.“

„Die Schlüssel.“

Sie legte zwei Schlüssel auf die Kommode. Den Wohnungsschlüssel und den Schlüssel für den Briefkasten.

„Den Schlüssel für den Keller habe ich nie gehabt.“

„Den habe ich.“

„Gut.“

Sie nahm ihre Tasche. Sie zog ihren Mantel an. Sie sah sich nicht im Flurspiegel an, was sie sonst immer tat, bevor sie hinausging.

„Mark.“

„Sophia.“

„Es tut mir leid.“

„Was tut dir leid.“

„Vieles.“

„Sophia.“

Er sah zum Fenster.

Sie stand im Korridor mit zwei Koffern und einem Kleidersack.

Er drehte sich nicht um.

Sie wartete einen Moment, ob er sich umdrehen würde.

Er drehte sich nicht um.

Sie ging.

Frau Dr. Eichner sah sie auf der Treppe.

Sie sagte: „Frau Brenner, brauchen Sie Hilfe?“

Sophia sagte: „Nein, danke.“

Frau Dr. Eichner sagte: „Es sind drei Stockwerke.“

Sophia sagte: „Es ist Aufzug.“

Frau Dr. Eichner sagte: „Soll ich Ihnen jemanden rufen.“

Sophia sagte: „Es ist ein Wagen unten.“

Frau Dr. Eichner sagte: „Frau Brenner.“

Sophia blieb stehen.

„Ja.“

„Alles Gute.“

Sophia sah sie kurz an.

„Danke.“

Sie nahm den Aufzug. Drei Stockwerke. Im Wagen unten — einem schwarzen Mercedes, den sie über die App bestellt hatte — half ihr der Fahrer mit den Koffern. Sie stieg ein. Der Wagen fuhr.

Frau Dr. Eichner stand noch eine Weile auf dem Treppenabsatz. Sie hörte einige Stockwerke höher das Geräusch einer Tür, die sich nicht öffnete und nicht schloss, sondern nur leise klickte. Sie ging in ihre Wohnung. Sie rief Margot an.

In der Wohnung im zweiten Stock blieb Mark stehen.

Er stand am Fenster, vermutlich noch einige Zeit, mit Blick auf den Englischen Garten und die kleine Brücke darüber. Frau Dr. Eichner ist sich sicher, dass er nichts kaputt gemacht hat. Sie hörte kein Glas, keine Tür, kein Schreien. Sie hörte nichts.

Vielleicht hat er sich auf das Sofa gesetzt.

Vielleicht ist er ans Fenster geblieben.

Vielleicht hat er die Schatulle in die Hand genommen und auf den Holzteller gesehen, auf dem die paar Schmuckstücke lagen, die Sophia zurückgelassen hatte. Eine Kette, ein Ring, ein Armband, eine Brosche. Es waren die Geschenke, die sie von ihm bekommen hatte.

Sie hatte sie alle zurückgelassen.

Was sie behalten hatte, war ein einziges Stück: ein Anhänger an einer dünnen Kette, den ihre Mutter ihr zur Konfirmation geschenkt hatte. Den hatte sie in die Schatulle gelegt und zugeklappt und in die Tasche gesteckt.

Margot rief mich am Donnerstagmorgen an.

„Mein Kind.“

„Margot.“

„Sie ist gestern Nachmittag gefahren.“

„Ich weiß.“

„Wer hat es Ihnen gesagt.“

„Frau Brandl. Sie hat es heute Morgen vom Pförtner.“

„Schon?“

„Pförtner reden untereinander.“

„Mein Kind.“

„Ja.“

„Sind Sie zufrieden.“

Ich überlegte. Ich überlegte ehrlich. Es war eine Frage, auf die Margot eine ehrliche Antwort verdiente.

„Margot, ich bin nicht zufrieden. Ich bin auch nicht traurig. Ich glaube, ich fühle, was ich fühle, wenn etwas zu Ende geht, das nicht mein Anfang war. Es ist eine Art von ruhig.“

„Das ist eine gute Antwort.“

„Margot.“

„Ja.“

„Mark ist allein in der Wohnung.“

„Er ist allein in der Wohnung.“

„Er bleibt vermutlich nicht lange.“

„Nein.“

Frau Brandl klopfte am Vormittag an die Tür meines Zimmers.

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„Es ist jemand am Tor.“

„Wer.“

„Mark.“

Ich legte das Buch zur Seite.

„Hat er geklingelt.“

„Er hat geklingelt. Er klingelt seit vier Minuten.“

„Hat er etwas gesagt.“

„Er hat gesagt, er möchte fünf Minuten.“

Ich sah Frau Brandl an. Sie sah mich an.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sagen Sie ihm, ich sei nicht zu sprechen.“

„Soll ich ihm sagen, warum.“

„Sagen Sie ihm: über meinen Anwalt.“

Sie nickte.

Sie ging hinaus.

Ich blieb am Fenster stehen.

Ich sah das Tor von hier aus nicht. Ich hörte nur, dass nach einer Minute die Klingel verstummte. Dann hörte ich Frau Brandls Schritte im Flur. Dann hörte ich, wie unten eine Tür ging und wieder ins Schloss fiel.

Frau Brandl kam zurück.

„Frau Emilia.“

„Ja.“

„Er ist gegangen.“

„Hat er etwas gesagt.“

„Er hat einen Brief abgegeben.“

Sie hielt einen weißen Umschlag in der Hand. Mein Name auf dem Umschlag, in Marks Handschrift.

„Soll ich ihn aufschlitzen.“

„Nein, Frau Brandl. Sie schicken ihn an Dr. Weber.“

Sie nickte.

„Heute noch?“

„Heute noch.“

Sie ging hinaus.

Ich blieb am Fenster stehen, mit Blick auf den Garten, mit dem Foto meiner Eltern in der oberen Schublade meines Schreibtisches, mit zwei Tagen Abstand zu Sophia in Berlin und einem Tag Abstand zu Marks Anruf.

Auf der Maximilianstraße, fünf Kilometer von hier, war Schmidt gerade in einer Sitzung. Im Frühstückszimmer von Frau Brandl ging es auf zwölf zu. In Marks Wohnung am Englischen Garten klingelte ein Telefon, das niemand abnahm.

Drei Tage später fand die nächste Aufsichtsratssitzung statt.

Ich saß zum ersten Mal mit eigener Stimme am Tisch.

Nächste Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert