Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 98: Neuer Alltag

Im Oktober nahm das Haus eine Gangart an.

Ich stand um halb sieben auf. Ich machte das Fenster im Schlafzimmer nicht ganz zu, ich öffnete es weiter. Ich zog mich an, in einer Reihenfolge, die sich in den letzten Wochen festgesetzt hatte, ohne dass ich sie geplant hätte: zuerst die Strümpfe, dann das Kleid, dann der Pullover, dann das Halstuch. Ich hatte mir das Halstuch angewöhnt, weil der Oktober kühler war als der September und weil mein Hals an manchen Vormittagen empfindlich war.

Ich ging die Treppe hinunter.

Frau Brandl war schon in der Küche. Sie hatte den Tee aufgesetzt und das erste Brötchen aufgeschnitten. Sie hatte den Rundfunk auf leise. Sie hatte den Tisch im Frühstückszimmer gedeckt, nicht in der Küche, weil das Frühstückszimmer im Oktober wärmer war als die Küche.

Wir grüßten uns.

Wir sprachen wenig.

Frau Brandl hatte sich angewöhnt, mir das zweite Brötchen zu bringen, wenn ich das erste gegessen hatte, ohne dass ich danach fragte.

Ich frühstückte zwanzig Minuten.

Ich las die Süddeutsche. Ich las den Lokalteil zuerst, dann den Wirtschaftsteil, dann den Feuilleton-Teil. Den politischen Teil las ich seit einigen Wochen nicht mehr beim Frühstück. Er war kein guter Begleiter zu Tee.

Um sieben Uhr ging ich in den Garten.

Es war ein kurzer Spaziergang, etwa zwanzig Minuten, immer dieselbe Strecke: durch das Gartentor, am Geländer der Isar entlang nach Norden, bis zur kleinen Brücke, dann zurück. Ich war in den ersten Wochen nach Jans Abreise einen anderen Weg gegangen, an der Mauer der Villen vorbei, durch die Stille der Häuser, die im Morgenlicht alle dasselbe Gesicht zeigten. Aber an diesen Vormittagen hatte ich angefangen, zur Isar zu gehen, weil das Wasser eine bessere Begleitung war als die Häuser.

An der Isar war fast immer dieselbe Frau.

Sie war achtzig oder älter, sie ging mit zwei Stöcken, sie trug einen dunklen Mantel. Sie kam aus der Richtung des Friedensengels und ging nach Süden, ich kam aus der Richtung der Villa und ging nach Norden. Wir trafen uns ungefähr in der Höhe der kleinen Brücke. Wir grüßten uns mit einem Nicken. Wir hatten in vier Wochen nie ein Wort gewechselt.

An manchen Vormittagen war sie nicht da. An diesen Vormittagen ging ich mit einer leichten Aufmerksamkeit, weil ich darauf gefasst war, dass sie irgendwo hinter dem nächsten Baum sitzen könnte, und mir vorgenommen hatte, in diesem Fall zu fragen, ob ich helfen könne. Sie saß nie hinter einem Baum. Sie kam am nächsten Tag, oder am übernächsten, und wir nickten uns wieder zu.

Es war eine Form von Gesellschaft, die ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätte.

Es war eine Form, die mir gefiel.

Um Viertel nach sieben kam ich zurück.

Frau Brandl hatte den Tisch abgeräumt. Sie hatte die Tasse für meinen zweiten Tee neu eingedeckt. Ich trank den zweiten Tee am Schreibtisch im Arbeitszimmer, während ich die Mappen für den Tag durchsah. Frau Brandl war zurückhaltend, was meinen Schreibtisch betraf. Sie kam nur dann ins Arbeitszimmer, wenn ich sie ausdrücklich rief. Sie hatte sich diese Zurückhaltung in den letzten Wochen angeeignet, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Sie hatte gemerkt, dass das Arbeitszimmer ein anderer Raum geworden war, seit Jan gegangen war.

Um halb neun fuhr Anne mich in die Maximilianstraße.

Sie hatte sich angewöhnt, mich morgens abzuholen, weil sie selbst auf dem Weg in die Stadt an Bogenhausen vorbeikam. Wir sprachen im Auto über den Tag. Sie las mir die Termine vor, ich machte mir kurze Notizen. Wir fuhren immer denselben Weg, durch den Englischen Garten, am Haus der Kunst vorbei, an der Theatinerkirche vorbei, bis in die Maximilianstraße.

Im Büro arbeitete ich bis halb zwölf.

Mittags aß ich, drei Tage in der Woche, am Schreibtisch. An den anderen zwei Tagen ging ich entweder ins Café Luitpold oder, einmal in der Woche, mit Heinrich oder Frau Dr. Bauer in einen kleinen Italiener gegenüber.

Am Nachmittag arbeitete ich bis halb sechs.

Anne fuhr mich zurück.

Wir sprachen im Auto wenig. Anne hatte sich angewöhnt, am Abend nichts mehr zu erzählen. Es war eine Form der Schonung, die ich verstand, ohne sie ausgesprochen zu haben.

Um sechs war ich zu Hause.

Frau Brandl hatte den Tisch in der Küche gedeckt. Wir aßen meistens zusammen. Sie kochte einfach, weil sie wusste, dass ich am Abend einfach essen wollte. Sie hatte aufgehört, lange Gerichte zu machen. Sie hatte zu Mittag, an den Tagen, an denen sie für sich kochte, Lust auf Aufwand. Am Abend wollte sie für mich auch Einfaches.

Wir sprachen beim Essen ein bisschen.

Manchmal über das Wetter. Manchmal über den Heizungsmonteur, den die Heizung gerade nicht mehr brauchte. Manchmal über die Schwester in Niederbayern, die sich ein neues Telefon zugelegt hatte. Manchmal über den Karton aus dem Keller, den ich in den letzten Wochen Stück für Stück durchgesehen hatte. Frau Brandl hatte sich angewöhnt, mich zu fragen, was ich heute gefunden hatte, wenn sie wusste, dass ich am Vormittag einen Ordner geöffnet hatte.

Sie war an dem Karton mehr interessiert als ich.

Ich ließ es ihr.

Nach dem Essen las ich.

Ich hatte mir vor einigen Wochen vorgenommen, jeden Abend eine Stunde zu lesen, und ich hielt mich daran. Ich las, was ich vor zehn Jahren aufgeschoben hatte. Eine Biographie eines Engländers, der das Suezgebiet erforscht hatte. Ein Roman einer Schweizerin, von dem mir Margot vor einem Jahr abgeraten hatte. Einen Band Briefe Rilkes an seine Frau.

Ich las langsam.

Ich las nicht jeden Abend dasselbe Buch. Ich las an manchen Abenden zwei Seiten in einem, dann drei in einem anderen. Es war eine Form, die mir vor einem Jahr nicht gefallen hätte. Vor einem Jahr hatte ich Bücher zu Ende gelesen, weil ich sie zu Ende lesen wollte. Heute las ich, weil ich las.

Um halb zehn ging ich ins Bett.

An den Mittwochen kam Fabian.

Er kam immer um zehn. Er saß immer am gleichen Platz im Sitzungsraum. Er trank immer denselben Kaffee. Er stellte zwei Karten vor sich hin, manchmal drei, manchmal nur eine. Er sprach langsam. Er sah mich an, wenn er fertig war.

Wir entschieden gemeinsam.

Manchmal kam Heinrich dazu. Manchmal kamen zwei Mitarbeiter aus dem Architekturbüro mit. Manchmal saßen wir nur zu zweit.

Es waren keine langen Sitzungen. Manchmal vierzig Minuten. Manchmal eine Stunde. Wir hatten beide ein Tempo gefunden, das uns reichte.

An den Mittwochen, an denen wir nur zu zweit waren, gingen wir am Ende der Sitzung manchmal noch ein paar Schritte zur Theatinerkirche, weil mein Wagen am Hofgarten parkte und seiner ebenfalls. Wir sprachen auf diesen Schritten nicht über das Projekt. Wir sprachen über das Wetter, über die Stadt, über Hamburg, in dem er seit zwölf Jahren lebte und das ich seit vielen Jahren nicht mehr besucht hatte. Er sprach von seiner Mutter, die in Lübeck eine kleine Wohnung hatte. Ich sprach von Margot.

Wir trennten uns am Hofgarten.

Wir gaben uns die Hand.

Es war eine Routine, die ich vor einem halben Jahr nicht für möglich gehalten hätte.

Es war eine Routine, die mich nicht beunruhigte.

An einem Donnerstagabend Ende Oktober rief Margot an.

„Emilia.“

„Margot.“

„Wie geht es dir?“

„Gut, Margot. Dir?“

„Mir geht es alt.“

Sie lachte einmal kurz.

„Ich habe in den letzten Wochen den Eindruck, dass du in eine gute Stille hineingehst.“

„Ja.“

„Ich rufe nur an, um es dir zu bestätigen. Manche Dinge muss man bestätigen, sonst stellen sie sich nicht ein.“

„Danke, Margot.“

Sie schwieg einen Augenblick.

„Emilia.“

„Ja?“

„Komm Sonntag zu mir. Mittagessen. Halb eins.“

„Ja, Margot.“

„Allein.“

„Allein.“

Sie legte auf.

Ich blieb am Schreibtisch sitzen.

Ich hatte das Telefon noch in der Hand, dann legte ich es ab. Ich saß einen Moment, ohne etwas Bestimmtes zu denken. Vor mir lag die Mappe für den Freitag, daneben das Glas Wasser, das Frau Brandl mir hereingestellt hatte. Hinter mir, im Erdgeschoss, hörte ich Frau Brandl in der Küche.

Es war eine gute Stille.

Margot hatte recht.

Im November dunkelte es früher.

Ich kam an manchen Abenden im Dunkeln nach Hause. Frau Brandl hatte sich angewöhnt, das Licht im Erdgeschoss schon brennen zu lassen, bevor ich kam, damit ich nicht in eine dunkle Diele trat. Sie hatte das nicht ausgesprochen. Sie hatte es einfach gemacht.

Ich aß abends im Esszimmer, weil das Esszimmer warm war.

Frau Brandl hatte in der ersten Novemberwoche den ersten Kamin angeschürt. Ich hatte ihr nicht widersprochen. Ich hatte den Kamin mit ihr betrachtet, eine Stunde lang, an einem Sonntagabend, an dem ich nichts anderes vorhatte. Wir hatten dabei nicht gesprochen.

In der dritten Novemberwoche schrieb mir Sophia.

Ich erkannte den Umschlag, weil sie denselben verwendete wie im Frühling. Anne legte ihn auf meinen Schreibtisch, ohne ihn zu öffnen. Sie hatte gelernt, welche Briefe sie öffnete und welche nicht.

Ich öffnete ihn nicht sofort.

Ich legte ihn in die untere Schublade.

Ich öffnete ihn am übernächsten Tag.

Am Abend rief ich Clara an.

Wir hatten lange nicht gesprochen.

„Emi.“

„Clara.“

„Wie geht es dir?“

„Gut.“

„Wie geht es dir wirklich?“

„Gut, Clara.“

Sie schwieg einen Moment.

„Du klingst anders.“

„Ich klinge ausgeschlafen.“

„Das ist es.“

Wir lachten beide einmal kurz.

Wir sprachen eine halbe Stunde, über nichts Wichtiges. Sie hatte einen neuen Auftrag, eine kleine Werbeagentur aus Berlin, die sie aufkaufen wollte. Sie hatte einen Mann kennengelernt, einen Tobias, der Werber sei und der ihr leichter falle als die meisten Männer in ihrem Alter. Sie sagte das mit einer Art Vorsicht, die ich an ihr nicht kannte. Ich freute mich für sie.

„Emi.“

„Ja?“

„Du wirst Trauzeugin.“

„Wann?“

„Wann auch immer.“

„Gerne.“

Wir lachten.

Ich legte auf.

Ich blieb am Schreibtisch sitzen, mit der Hand am Hörer.

Es war ein Abend wie viele in diesem November. Frau Brandl räumte unten in der Küche ab. Im Garten, hinter dem Fenster, hörte ich den Wind in den Kastanien. Auf dem Tisch lag eine Mappe für den Freitag.

Ich war in einer Ordnung angekommen, die ich vor einem Jahr nicht hätte beschreiben können.

Es war keine besondere Ordnung.

Es war eine Ordnung wie eine Wand, die hält. Eine Ordnung wie ein Tisch, der steht. Eine Ordnung wie ein Brot, das auf der Theke liegt.

Ich machte das Licht aus.

Im Schlafzimmer setzte ich mich auf den Rand des Bettes.

Ich saß einen Moment ohne Licht. Im Garten hörte ich den Wind in den letzten Blättern. Im Haus hörte ich nichts.

Ich dachte an eine Sache, die mir Heinrich am Vormittag gesagt hatte.

Er hatte mir mitgeteilt, dass ein Aufsichtsrat einer mittelgroßen Bank ihn am Wochenende angerufen hatte. Es war jemand, den mein Vater seit dreißig Jahren gekannt hatte. Er hatte gefragt, ob ich Interesse hätte, im Frühjahr in den Aufsichtsrat einzutreten. Heinrich hatte gesagt, er werde mich fragen.

Ich hatte ihm nicht sofort geantwortet.

Ich würde es noch eine Woche bei mir tragen.

Ich erlaubte mir, nicht sofort entscheiden zu müssen.

Es war eine Form, die ich vor einem Jahr nicht gekannt hatte.

Ich legte mich hin.

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