Kapitel 107: Die letzte Schublade
Ein paar Tage nach Frau Brandls Abschied trat ich in das Arbeitszimmer meines Vaters.
Ich tat es nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich war seit der Übernahme der Firma häufig in dem Zimmer gewesen, hatte am Schreibtisch gearbeitet, hatte Akten durchgesehen, hatte den Karton ausgepackt, den Frau Brandl im Wäscheschrank gefunden hatte. Aber ich hatte den Schreibtisch immer benutzt, ohne ihn zu durchsuchen. Ich hatte mich an die Schreibfläche gesetzt, ich hatte ein Schubfach geöffnet, in dem die Akten lagen, ich hatte gearbeitet.
Andere Schubfächer hatte ich gemieden.
Es war keine Absicht gewesen, sondern eine Gewohnheit. Mein Vater hatte zu Lebzeiten in seinem Schreibtisch verschiedene Ordnungen gehabt — manche, die er erklärt hatte, manche, die er nicht erklärt hatte — und ich hatte als Tochter gelernt, die Schubfächer zu respektieren, in denen seine Ordnung war.
Jetzt war seine Ordnung seit elf Jahren die Ordnung eines Toten.
—
Ich begann an dem Vormittag mit der oberen rechten Schublade.
Ich hatte mir vorgenommen, an jenem Tag den Schreibtisch ganz durchzugehen — nicht aus einem akuten Anlass, sondern weil der Mai sich dem Ende zuneigte und ich es nicht in den Sommer hinüberschieben wollte. Frau Brandl war fort. Ihre Nachfolgerin, eine Frau Reisinger aus Pasing, war seit Montag im Haus und tat sich mit dem Stuck und der Heizung noch schwer. Ich hatte das Gefühl, dass das Haus jetzt eine Bewegung von mir brauchte, eine, die sich nicht auf Kalender und Akten beschränkte.
Die obere rechte Schublade war ordentlich.
Briefumschläge, kuvertiert. Ein Stempel. Eine Visitenkarte des Notars meines Vaters, der seit acht Jahren tot war. Eine Lupe — keine wie die, die Frau Brandl gefunden hatte, sondern eine kleinere, mit einem Plastikgriff. Ein Federkasten, in dem ein einziger Füllfederhalter lag, dem die Tinte seit Jahren ausgegangen war.
Ich räumte diese Dinge nicht aus.
Ich sah sie an, ich legte sie zurück, ich schloss die Schublade.
Ich machte mit der linken oberen weiter.
—
Drei Stunden lang ging ich so durch den Schreibtisch.
Frau Reisinger brachte um elf einen Tee, den ich auf dem Tablett stehen ließ, und der bei meiner zweiten Erinnerung an ihn schon kalt war. Sie hatte nicht gefragt, was ich tat. Sie hatte nur die Tür offen stehen lassen, wie ich sie gebeten hatte.
Die Schubladen waren weniger voll, als ich erwartet hatte.
Mein Vater war ein ordentlicher Mann gewesen, aber er war kein sentimentaler Sammler. Er hatte das Wichtige aufgehoben und das Unwichtige weggeworfen, und er hatte sich darin fast nie geirrt.
Was übrig war, war die Sorte von Material, die einem Mann, der in seinem Leben viele Verträge geschrieben hatte, irgendwann das Gefühl gibt, es sei Teil der Architektur des eigenen Hauses geworden — eine Mischung aus Vereinsmitgliedschaften, alten Steuerunterlagen, Briefen von Kollegen, Kalendern aus den achtziger Jahren.
Ich legte das meiste zur Seite.
Die Akten kamen in einen Karton, der in den Keller gehen würde.
Die Briefe kamen in einen kleineren Karton, den ich ins Wohnzimmer bringen würde, um sie an einem ruhigen Abend durchzusehen.
Den Federkasten, die Lupe und einige Kleinigkeiten ließ ich liegen, weil sie an ihrer Stelle blieben.
—
Am frühen Nachmittag kam ich zu der untersten Schublade auf der linken Seite.
Es war die einzige, die ich noch nicht geöffnet hatte. Sie war auch die einzige, von der ich wusste, dass sie klemmte. Mein Vater hatte vor dreißig Jahren einmal gesagt, sie sei zu tief gebaut und an einer Stelle vom Holz verzogen worden. Er hatte vorgehabt, einen Tischler kommen zu lassen. Es war nicht dazu gekommen.
Ich zog vorsichtig.
Sie ging zwei Zentimeter heraus, dann blieb sie stehen.
Ich zog stärker.
Sie ging nicht weiter.
Ich versuchte es noch einmal, mit einer leichten Hebebewegung. Mein Vater hatte mir einmal gezeigt, wie man eine Schublade bekommt, die sich nicht öffnet. Man hebt sie an, man lässt sie kurz nach unten, dann zieht man.
Sie ging immer noch nicht.
—
Ich ging in die Küche.
Ich holte ein einfaches Buttermesser, das ich nicht in einer Akte verwenden würde. Ich ging zurück. Ich schob das Messer vorsichtig durch den Spalt.
Es klemmte an der hinteren rechten Ecke.
Ich tastete mit der Spitze des Messers entlang. Das Holz war hart. Etwas hatte sich verkeilt. Ich konnte mit dem Messer einen kleinen Punkt finden, an dem es nachgab.
Ich drückte vorsichtig.
Etwas in der Schublade verschob sich.
Ich zog noch einmal.
Die Schublade ging auf.
—
In der Schublade lag ein einziger Gegenstand.
Ein einziger.
Es war ein Briefumschlag, weiß, ohne Adresse, ohne Datum, ohne Stempel, ohne Marke. Auf der Vorderseite stand in der Handschrift meines Vaters:
*Emilia.*
Nichts sonst.
Der Umschlag war leicht angegilbt. Er war über einen langen Zeitraum allein in dieser Schublade gelegen, ohne dass sie geöffnet worden wäre. Er hatte sich an die hintere Ecke verklemmt, und seine Kante hatte sich, vermutlich vor Jahren, in das Holz gedrückt.
Deshalb hatte die Schublade geklemmt.
—
Ich nahm den Umschlag heraus.
Ich hielt ihn einen Augenblick in der Hand, ohne ihn zu öffnen. Er war nicht schwer. Vielleicht eine Seite. Vielleicht zwei. Mehr nicht.
Ich legte ihn auf den Schreibtisch.
Ich legte das Messer daneben.
Ich blieb stehen.
Im Garten draußen begann eine Amsel zu singen. Sie sang nur drei Töne, dann hielt sie inne, dann sang sie zwei weitere. Sie war noch jung und konnte das Lied noch nicht ganz, oder sie war alt und probte, was sie früher gekonnt hatte.
Ich setzte mich.
—
Ich öffnete den Umschlag nicht sofort.
Ich saß eine ganze Weile, mit dem Umschlag vor mir auf dem Schreibtisch, und ich versuchte, mir die Frau vorzustellen, die ich gewesen war, als mein Vater diesen Umschlag beschriftet hatte. Ich wusste nicht genau, in welchem Jahr er das getan hatte. Aber ich konnte aus der Form seiner Handschrift schließen, dass es gegen Ende seines Lebens gewesen sein musste — die Schrift war ein wenig kantiger als auf den älteren Briefen, ein wenig zittriger an der Linie, ein wenig knapper in den großen Buchstaben.
Vielleicht hatte er den Brief in seinem letzten Jahr geschrieben.
Vielleicht in seinen letzten Monaten.
Vielleicht in einer Nacht, in der er gewusst hatte, dass etwas, das er nicht hatte aussprechen wollen, doch gesagt werden musste.
Ich wusste das nicht.
Ich würde es nicht in Erfahrung bringen.
Ich wusste nur, dass mein Vater in den letzten Jahren seines Lebens manches gewusst hatte, was ich erst zwölf Jahre später wissen würde.
—
Ich nahm den Umschlag in die Hand.
Ich legte ihn wieder hin.
Ich nahm ihn noch einmal.
Ich öffnete ihn nicht.
Ich legte ihn ein drittes Mal hin.
Es war nicht Furcht. Es war ein Respekt vor einem Augenblick, der einmalig war und der nicht eilig sein sollte. Ich hatte in den letzten zwei Jahren gelernt, was es bedeutete, einen Brief zu öffnen. Ich hatte den Brief meiner Mutter im Schreibtisch in der Maximilianstraße geöffnet. Ich hatte den Brief meiner Mutter aus dem Karton im Wäscheschrank geöffnet. Ich hatte gelernt, dass diese Augenblicke nicht zurückzunehmen sind. Was man liest, hat man gelesen.
Ich stand auf.
Ich ging einen kurzen Augenblick im Zimmer herum. Ich öffnete das Fenster. Die Luft kam herein, kühl, mit einem Hauch von Regen, der sich später in der Stadt entladen würde.
Ich schloss das Fenster wieder.
Ich setzte mich.
Ich nahm den Umschlag.
Ich öffnete ihn.
—
Eine Seite.
Sie war handgeschrieben. Mit derselben Tinte, die ich aus dem Brief in der Maximilianstraße kannte. Mein Vater hatte zwei Tinten verwendet — eine schwarze für Verträge, eine blau-schwarze für persönliche Briefe.
Diese Seite war in der blau-schwarzen.
Oben rechts stand kein Datum, sondern nur eine kleine Notiz, die er offenbar erst nachträglich angebracht hatte:
*Geschrieben in einer Nacht, in der ich überlegt habe, ob ich diesen Brief schreiben darf.*
Darunter, eine Zeile freier Raum.
Dann der Text.
—
*Emilia.*
*Wenn Du das hier liest, weißt Du, dass ich Recht hatte über Mark.*
Ich legte den Brief wieder hin.
Ich legte beide Hände flach auf den Schreibtisch.
Ich atmete einmal aus.
Ich nahm den Brief noch einmal hoch.
Ich wollte ihn weiterlesen, jetzt, sofort, ohne Pause. Aber ich wusste, dass ich an der ersten Zeile noch einen Augenblick brauchte. Mein Vater hatte mit diesem ersten Satz nicht versucht, höflich zu sein. Er war an einem Punkt gewesen, an dem ein Vater seiner Tochter so schreibt, und nicht anders.
Ich las den ersten Satz noch einmal.
*Wenn Du das hier liest, weißt Du, dass ich Recht hatte über Mark.*
Mein Vater hatte ihn nicht im Imperfekt geschrieben.
Er hatte ihn in einer Form geschrieben, die zugleich Vergangenheit und Gegenwart war — die Form eines Mannes, der sich nicht festlegen wollte, wann genau er recht gehabt hatte, weil er gewusst hatte, dass das Recht-Haben eines Vaters in solchen Dingen keine Sache des Datums ist.
—
Ich las nicht weiter an diesem Nachmittag.
Ich wollte es. Ich konnte es nicht. Es war kein Versagen, es war eine Anständigkeit gegen mich selbst. Ich wusste, dass der Brief mehr enthielt, dass mein Vater nicht einen einzigen Satz an seine Tochter hinterlassen hatte, sondern eine Seite, und dass diese Seite an einem Tag gelesen werden müsste, an dem ich hingesetzt war zum Lesen.
Heute war ein guter Tag, um sie zu finden.
Heute war kein guter Tag, um sie zu lesen.
—
Ich legte den Brief in den Umschlag zurück.
Ich legte den Umschlag in die obere Schublade des Schreibtisches, in eine Mappe aus Leder, in der sonst nichts lag.
Ich schloss die Mappe.
Ich schloss die Schublade.
Ich blieb noch eine Weile sitzen.
Frau Reisinger klopfte schließlich. Sie brachte einen frischen Tee. Sie sah, dass der alte Tee noch unangerührt auf dem Tablett stand.
„Frau Richter.“
„Frau Reisinger.“
„Soll ich den anderen mitnehmen?“
„Ja.“
„Möchten Sie noch etwas?“
„Nein. Danke.“
Sie nahm das alte Tablett. Sie ging.
Ich sah ihr nach.
—
Am Abend rief ich Jan an.
Ich rief ihn nicht an, um ihm zu sagen, was ich gefunden hatte. Ich rief ihn an, weil ich wusste, dass ich später, wenn ich es ihm sagen würde, schon einen Schritt weiter sein müsste, und dafür brauchte ich, dass er heute Abend einen Schritt weiter war als ich.
„Jan.“
„Emilia.“
„Bist du allein?“
„Ja.“
„Ich habe heute eine Schublade aufgemacht, die mein Vater einmal gemeint hat, sie sei verzogen.“
„Welche?“
„Die unterste links.“
Er war einen Augenblick still.
„Was hast du gefunden?“
„Einen Brief.“
„An wen?“
„An mich.“
Er war wieder still.
„Hast du ihn gelesen?“
„Den ersten Satz.“
„Soll ich kommen?“
Ich dachte darüber nach.
„Nicht jetzt“, sagte ich. „Aber bald.“
„Wann?“
„Im Juni. Du wolltest ohnehin kommen.“
„Ich werde.“
„Jan.“
„Ja.“
„Mehr nicht heute.“
„Mehr nicht heute.“
Wir legten auf.
—
Ich saß noch lange im Arbeitszimmer.
Auf dem Schreibtisch lag die Lederkappe, in der jetzt der Brief meines Vaters lag. Ich legte die Hand für einen Augenblick auf die Mappe. Dann nahm ich sie wieder weg.
Ich stand auf.
Ich machte das Licht aus.
In der Diele tickte die Wiener Uhr. In der Küche hörte ich Frau Reisinger, die das Geschirr wegräumte. Ihre Geräusche waren nicht die von Frau Brandl. Sie würden mir mit der Zeit vertraut werden. Heute Abend waren sie es noch nicht, und das war auch in Ordnung.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich nicht stehen.
Auf der oberen Stufe blieb ich stehen.
Ich sah zurück, in das Halbdunkel der Diele.
Mein Vater hatte einen Brief geschrieben.
Mein Vater hatte gewusst, dass ich ihn finden würde.
Mein Vater hatte das Holz seiner eigenen Schublade verzogen werden lassen, damit sie nicht zu früh aufging.
Manche Männer warten, dachte ich, gar nicht so wenig auf ihre Töchter.
Auch wenn die Töchter nichts davon wissen.
Ich ging in mein Zimmer.
Ich machte die Tür hinter mir zu.