Kapitel 58: Sophia und Margot
Margot erzählte es mir am Sonntagvormittag.
Sie war um elf gekommen. Sie kam ohne Anmeldung, sie hatte in den letzten Wochen aufgehört, sich anzumelden, weil Frau Brandl sie ohnehin sofort einließ. Sie trug einen grauen Wollmantel, einen tiefblauen Schal, und sie hatte die kleine Pappschachtel mit den Pralinen aus der Confiserie Rottenhöfer dabei, die sie zu jedem zweiten Besuch mitbrachte.
Wir saßen im kleinen Wohnzimmer. Frau Brandl machte Kaffee. Sie stellte zwei Tassen ab, ein Krug Sahne, die Pralinen auf einer Untertasse.
Margot stieß die Untertasse mit dem Finger ein wenig zu mir hin.
„Heute will ich keine.“
„Was ist.“
„Ich war gestern in der Vorhölzer.“
„Ach.“
Sie nahm einen Schluck Kaffee. Sie sah zum Fenster.
„Mein Kind, ich werde Ihnen jetzt etwas erzählen, das Ihnen nicht ganz gefallen wird. Aber ich werde es trotzdem erzählen, weil Sie es ohnehin von dritter Stelle hören werden, und ich möchte, dass Sie es zuerst von mir hören.“
„Margot.“
„Ja.“
„Sie haben Sophia getroffen.“
„Ja.“
„Zufällig?“
„Zufällig.“
„Wirklich zufällig.“
Sie sah mich an.
„Mein Kind, ich bin zweiundsiebzig. Wenn ich noch alles plane, was sich in München abspielt, dann bin ich zu spät dran. Ich war in der Vorhölzer, weil ich zwei Bekannte zum Frühstück getroffen habe. Sophia Brenner saß drei Tische weiter, allein, mit einem Glas Wasser und einem Salat. Ich habe sie erkannt, weil ich die Bilder kenne, die Mark vor zwei Jahren in einer Zeitung hatte abdrucken lassen. Sie hatte ihn damals begleitet bei einer Veranstaltung, sie standen nebeneinander, er hat geglaubt, dass es niemand sehen würde.“
„Was hat sie gemacht.“
„Sie hat nichts gemacht. Sie hat den Salat halb gegessen. Sie hat dreimal auf ihr Handy geschaut. Sie hat zweimal gewählt und einmal ein Gespräch geführt, das sehr kurz war.“
„Und dann.“
„Dann sind meine Bekannten gegangen, und ich bin sitzen geblieben, weil ich noch einen Espresso wollte. Ich habe einen Espresso bestellt. Ich habe an meinem Tisch gesessen und an die Decke gesehen, was ich oft tue, wenn ich in dieser Vorhölzer bin, weil die Decke dort schöner ist als die Tische.“
„Ja.“
„Sophia ist aufgestanden, um zu zahlen. Sie ist an meinem Tisch vorbeigekommen. Sie hat mich erkannt.“
„Hat sie.“
„Sie hat mich erkannt. Sie hat zweimal an mir vorbeigesehen, und beim dritten Mal blieb sie kurz stehen.“
—
Margot legte ihre Tasse ab.
„Sie sagte: ‚Frau Lenz?‘ Sie sagte das ohne große Sicherheit. Ich nickte. Sie sagte: ‚Darf ich Sie kurz stören?‘ Ich sagte: ‚Sie stören nicht.‘ Sie setzte sich nicht. Sie blieb stehen, mit der Hand am Rand der Stuhllehne.“
„Was wollte sie.“
„Das wollte ich auch wissen. Ich fragte sie nicht. Ich wartete.“
„Margot.“
„Ja.“
„Sie haben sie warten lassen.“
„Ich habe sie warten lassen. Sie war nicht bei mir eingeladen, mein Kind. Wenn man sich an den Tisch einer Frau in meinem Alter stellt, dann bringt man ein Anliegen mit. Sie hat es nach einer Weile vorgebracht.“
—
Margot trank langsam von ihrem Kaffee.
„Sie sagte: ‚Frau Lenz, ich weiß, dass Sie eine Bekannte von Frau Hartmann sind.'“
„So hat sie es gesagt.“
„Sie hat ‚Frau Hartmann‘ gesagt. Ich habe nicht korrigiert. Ich wollte hören, was sie sagen wollte, nicht, wie sie es benannte.“
„Was hat sie gesagt.“
„Sie sagte, sie wisse nicht, ob sie weiterhin in der Wohnung am Englischen Garten bleiben solle. Sie sagte, Mark habe sich verändert. Sie sagte, sie wolle keine schlechte Person sein. Sie sagte, sie wisse, dass sie nicht in eine Position geraten wolle, in der man später schlecht über sie spreche.“
„Sie hat sich Ihnen anvertraut.“
„Sie hat sich nicht anvertraut. Sie hat sondiert. Es ist ein Unterschied.“
„Was haben Sie gesagt.“
„Ich sagte: ‚Setzen Sie sich, Frau Brenner.‘ Sie setzte sich. Ich winkte den Kellner. Ich bestellte ihr einen Tee. Sie hatte vorher nur Wasser gehabt. Ich dachte, ein Tee passt besser zu einem solchen Gespräch.“
—
Frau Brandl kam mit der Kanne. Sie schenkte nach. Sie ging hinaus.
Margot drückte ihr Handgelenk leicht, als wolle sie sich an die Reihenfolge erinnern, in der sie die Sätze sagen wollte.
„Sophia sagte einige Dinge. Sie sagte, sie habe nicht gewusst, dass Mark verheiratet sei, als die Sache begann. Sie sagte, sie habe es später erfahren und nichts geändert. Sie sagte, sie habe nicht gewusst, wie krank Sie waren, mein Kind. Sie sagte, sie habe lange nicht gewusst, dass die Firma ursprünglich Ihrer Familie gehört habe.“
„Hat Mark ihr nichts erzählt.“
„Mark hat ihr eine Geschichte erzählt. Mark erzählt allen Frauen eine Geschichte. In Marks Geschichte ist Mark immer derjenige, der etwas mit eigenen Händen aufgebaut hat. Es ist eine Geschichte, in der Sie gar nicht vorkommen, mein Kind. Sie waren eine Frau, die ihn von seiner Karriere abhielt. Eine Frau, die ihn nicht verstand. Eine Frau, die wegen einer Krankheit mit Schicksal kämpfte, das er unmöglich tragen konnte.“
„So hat er es erzählt.“
„So erzählt er es vermutlich noch.“
„Was haben Sie ihr darauf geantwortet.“
„Ich habe ihr nichts widerlegt. Es bringt nichts, einer solchen Frau Geschichten zu widerlegen, die sie sich zwei Jahre lang selbst geglaubt hat. Ich habe etwas anderes gesagt.“
—
Margot stellte die Tasse ab.
„Ich sagte: ‚Frau Brenner, Sie sind sehr jung.'“
„Mhm.“
„Sie nickte. Sie sagte, sie sei achtundzwanzig. Ich sagte: ‚Das ist jung. Das ist nicht zu jung, um klug zu sein. Das ist nur jung genug, um manche Dinge nicht oft genug gesehen zu haben.‘ Sie sagte nichts. Sie hörte zu. Ich sagte: ‚Frau Brenner, Sie sind nicht dumm. Das genügt.'“
Ich sah Margot an.
„Das war alles.“
„Das war fast alles. Sie sah einen Moment auf den Tisch. Dann sah sie mich an. Dann sagte sie: ‚Wie meinen Sie das?‘ Ich sagte: ‚Ich meine es so, wie ich es gesagt habe. Sie sind nicht dumm. Sie wissen, was hier passiert. Sie wissen, dass die Wohnung, in der Sie wohnen, nicht Marks Wohnung ist. Sie wissen, dass die Firma, von der er Ihnen erzählt, nicht seine Firma ist. Sie wissen, dass die Frau, deren Name auf den Zeitungsseiten gerade wieder genannt wird, die Frau ist, der das Haus gehört, in dem wir alle stehen. Sie wissen das. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen.'“
„Margot.“
„Ich war nicht hart. Ich war freundlich. Aber ich habe es ihr deutlich gesagt.“
„Was hat sie gesagt.“
„Sie sagte: ‚Was würden Sie an meiner Stelle tun?‘ Ich sagte: ‚Frau Brenner, das tut man nicht. An die Stelle einer anderen Frau setzt sich keine Frau gerne, die etwas auf sich hält.‘ Sie nickte. Sie nahm einen Schluck Tee. Sie sagte: ‚Ich verstehe.'“
—
„Und dann.“
„Dann saßen wir noch ungefähr drei Minuten still da. Sie trank den Tee aus. Ich aß meine Schokolade, die Sie heute nicht wollen. Sie sagte schließlich: ‚Frau Lenz, danke.‘ Ich sagte: ‚Wofür.‘ Sie sagte: ‚Dass Sie nicht über mich reden, als wäre ich nicht da.‘ Ich sagte: ‚Ich rede nicht über Sie. Ich rede mit Ihnen.‘ Sie nickte. Sie stand auf. Sie ging.“
„Hat sie bezahlt.“
„Sie hat ihren Tee bezahlt. Ich habe meinen Espresso bezahlt.“
„Margot.“
„Ja.“
„Wussten Sie, dass sie kommen würde.“
„Ich habe nicht gewusst, dass sie kommen würde. Ich habe gewusst, dass sie an einem Punkt sein würde, an dem sie mit jemandem reden müsste, der nicht Mark heißt und nicht in Berlin sitzt.“
„Wie haben Sie das gewusst.“
„Mein Kind, Frauen wie Sophia Brenner sind nicht dumm. Sie sind nur jung. Sie kommen an einen Punkt, an dem sie merken, dass die Geschichte, in der sie aufgetreten sind, eine Nebenrolle ist. Wenn sie an diesem Punkt sind, suchen sie eine Frau, die ihnen das ohne Häme bestätigt. Es war kein Plan. Es war eine Wahrscheinlichkeit.“
Sie sagte das, ohne zu lächeln.
Sie sagte das, als hätte sie selbst vor sehr langer Zeit eine ähnliche Frau getroffen, die nicht häuptig zu ihr gewesen war, und sie hätte sich daran erinnert.
—
„Margot.“
„Ja.“
„Was wird sie tun.“
„Sie wird in den nächsten zehn Tagen die Wohnung verlassen. Vielleicht zwölf Tage. Sie packt nicht laut. Frauen wie sie packen leise. Sie wird nach Berlin gehen, vermutlich. Sie hat dort eine Schwester, die in Charlottenburg wohnt. Sie hat es mir nicht gesagt. Es war im Hintergrund ihrer Worte.“
„Sind Sie sich sicher.“
„Ich bin mir nicht sicher. Aber meine Vermutungen waren in solchen Fragen oft richtig. Ich habe einmal an einer Frau die genaue Woche bestimmen können, in der sie ihren Mann verlassen würde. Ich war zwei Tage daneben.“
„Margot.“
„Ja.“
„Sind Sie hart.“
„Mein Kind, ich bin nicht hart. Ich bin alt. Das wird oft verwechselt.“
—
Frau Brandl kam noch einmal mit einer frischen Kanne. Sie sah mich kurz an, sah Margot kurz an, sagte nichts, ging hinaus.
Margot sah die Kanne, schüttelte den Kopf.
„Mein Kind, ich werde noch eine Sache sagen, dann höre ich auf zu reden. Sophia Brenner ist nicht das Monster, das die Welt gerne von ihr macht. Sie ist eine junge Frau, die sich in einen Mann verliebt hat, der sich gut präsentiert. Sie hat dann zwei Jahre gewartet, ob aus dieser Liebe etwas wird. Sie hat gemerkt, dass nichts wird. Sie hat es vor allen anderen gemerkt. Sie wird auch die erste sein, die geht. Mark wird nicht verstehen, warum sie geht. Mark wird denken, sie sei undankbar.“
„Wie wissen Sie das.“
„Mein Kind, das weiß man nicht, das vermutet man. Aber Männer wie Mark verstehen nie, warum Frauen gehen. Sie verstehen nur, dass sie gegangen sind. Das genügt für die Folgen.“
—
Sie blieb noch eine halbe Stunde. Wir sprachen über andere Dinge, über ein Konzert in der Philharmonie, das Margot in der nächsten Woche besuchen wollte, über ein Buch, das sie gelesen hatte und mir empfehlen wollte, über das Wetter, das in München nicht wusste, ob es Frühjahr werden wollte.
An der Tür sagte sie:
„Mein Kind.“
„Ja.“
„Ich habe Sophia Brenner nicht zerstört, falls Sie das denken.“
„Das denke ich nicht.“
„Ich habe ihr einen Spiegel gezeigt. Was sie darin gesehen hat, war ihre Sache.“
„Margot.“
„Ja.“
„Ich danke Ihnen nicht.“
„Mein Kind, das ist gut. Sie wären sonst nicht Sie.“
Sie ging.
Frau Brandl schloss die Tür hinter ihr. Sie kam zurück ins Zimmer, räumte die Tassen weg.
„Frau Emilia.“
„Ja.“
„Sie isst nicht heute.“
„Doch.“
„Sie wird nicht hungrig sein.“
„Ich werde es trotzdem.“
Sie nickte. Sie nahm die Pralinen, die unberührt geblieben waren, mit nach unten in die Küche.
In der Wohnung am Englischen Garten saß zur gleichen Stunde eine Frau auf dem Bett und zog Listen.
—
Am Abend rief Clara an.
„Emilia.“
„Clara.“
„Ich war heute am Englischen Garten.“
„Was hast du dort gemacht.“
„Ich war joggen.“
„Du joggst nicht.“
„Ich joggte heute.“
„Aha.“
„Emilia, ich werde es dir sagen, weil ich dich kenne. Ich war joggen, weil ich sehen wollte, ob das Auto noch da steht.“
„Welches Auto.“
„Ihres.“
„Sophias?“
„Ja.“
„Steht es.“
„Es steht nicht. Es stand auch gestern nicht. Ich habe einen Pförtner gefragt, ohne den Pförtner zu fragen. Sie ist seit zehn Tagen nicht mit dem Auto in der Tiefgarage gewesen.“
„Clara.“
„Ja.“
„Du hast einen Pförtner gefragt, ohne ihn zu fragen.“
„Es gibt eine Form, in der man so etwas tun kann. Pförtner reden, wenn man sie nicht fragt.“
„Clara.“
„Ja.“
„Du übertreibst.“
„Ich übertreibe nicht. Ich kümmere mich. Das ist mein Übertreiben.“
Sie war einen Moment still.
„Emilia, sie wird gehen. Ich glaube, du wusstest das schon.“
„Margot hat es heute gesagt.“
„Margot hat es heute gesagt?“
„Ja.“
„Margot war heute bei dir.“
„Ja.“
„Margot weiß mehr als ich.“
„Margot weiß eigentlich immer mehr als wir alle.“
Clara lachte kurz. Ein trockenes, kurzes Lachen.
„Schlaf gut, Emilia.“
„Schlaf gut, Clara.“
Ich legte auf.
—
Mark wusste das noch nicht.