
Kapitel 2: Die erste Nacht
Nach dem Anruf mit Clara legte ich das Handy auf den Nachttisch und löschte das Licht.
Die Nacht begann nicht, wenn es draußen dunkel wurde. Sie begann, wenn die Stationsschwester zum letzten Mal die Tür schloss und ich wusste, dass sie nicht mehr wiederkommen würde, es sei denn, etwas läutete. In einem Klinikum gibt es keine Stille. Es gibt nur Geräusche, die man irgendwann nicht mehr hört, bis sie einen wieder finden.
Der Lüfter über dem Bett summte. Irgendwo hinten auf dem Gang klirrte ein Tablett. Eine Tür ging auf und wieder zu. Zwei Pflegerinnen sprachen leise auf Rumänisch. Ich verstand kein Wort, aber der Rhythmus ihrer Sätze war vertraut. Sie lachten kurz, ohne dass man hätte sagen können, worüber.
Ich lag mit offenen Augen.
Der Umschlag lag noch auf dem Nachttisch. Ich hatte ihn nicht zurück in den Koffer gelegt, den Mark mir vor drei Wochen hingestellt hatte, als wären Schlafanzug und Zahnbürste eine Pflicht, die er erledigen musste, damit niemand schlecht über ihn sprach. Ich hatte den Koffer selbst gepackt, am Morgen vor dem Einzug ins Klinikum. Mark hatte nebenan telefoniert. Ich hatte ihn gehört, durch die geschlossene Tür, wie er zu jemandem sagte, er werde heute früher kommen als geplant.
Das war Sophia gewesen.
Ich wusste es damals schon. Ich hatte nur nicht mehr die Kraft gehabt, es zu nennen.
—
Es gibt einen Moment, den man sich nicht aussuchen kann.
Der Moment, in dem einem klar wird, dass der Mensch neben einem ein anderer ist, als man glaubte. Er kommt nicht mit einem Knall. Er kommt mit einer Rechnung.
Bei mir war es ein Donnerstagabend gewesen, siebzehn Monate zuvor. Wir hatten Gäste gehabt. Nach dem Essen holte Mark seinen Mantel aus der Garderobe. Ein Zettel fiel zu Boden. Ich hob ihn auf, bevor er es sah.
Es war eine Hotelrechnung aus Rottach-Egern. Ein Frühstück für zwei. Nicht die Summe machte den Unterschied. Es war der Vorname, der auf der Rechnung stand. „Zimmer auf den Namen Brenner.“ Nicht Hartmann.
Ich hatte den Zettel zurück in seine Manteltasche gesteckt.
Ich hatte mich nicht verraten. Nicht an diesem Abend. Nicht in den Wochen danach.
Ich stand am nächsten Morgen in der Küche und kochte Kaffee. Mark kam herunter, rasiert, im grauen Anzug. Er küsste mich auf die Schläfe, das tat er jeden Morgen, und manchmal frage ich mich, ob er mich überhaupt noch roch, wenn er mich küsste, oder ob es nur eine Bewegung war, die sein Körper gelernt hatte.
„Der Kaffee ist zu stark“, sagte er.
„Ich mache einen neuen.“
„Nein, ist schon gut.“
So ging es damals.
Ich hatte keinen Plan. Ich hatte keine Strategie. Ich hatte nur einen Verdacht, und der war wie ein kleiner Riss in einer Wand, die ich zwölf Jahre lang für tragend gehalten hatte.
Drei Wochen später öffnete ich zum ersten Mal sein Büro im Obergeschoss, wenn er nicht da war. Nicht, um zu suchen. Um zu sehen, ob ich mich traute. Ich traute mich. Ich ging wieder hinaus. Ich schloss die Tür leise hinter mir.
Vier Wochen später saß ich am Schreibtisch meines Vaters und las die alten Verträge der Hartmann Gruppe, die mein Vater mir vor seinem Tod in einer Mappe gegeben hatte. „Heb das auf, Emilia“, hatte er gesagt. „Man weiß nie, wann man es braucht.“ Damals hatte ich gedacht, er meine es bildlich.
—
Jetzt, in diesem Klinikzimmer, siebzehn Monate später, wusste ich, dass er es nicht bildlich gemeint hatte.
Ich drehte mich vorsichtig auf die Seite. Der Schlauch am Handrücken spannte. Ich lockerte ihn, ohne hinzusehen.
Unter dem Kissen spürte ich den Stick. Ich drückte die Hand kurz dagegen. Er war kühl. Er hatte den ganzen Tag dort gelegen, während Mark im Zimmer stand und mir erzählte, er sei realistisch.
Realistisch.
Das Wort gefiel mir nicht. Mark benutzte es, seit er vor Jahren ein Buch von einem amerikanischen Trainer gelesen hatte. Er hatte danach Monate lang von „Klarheit“ und „Realismus“ gesprochen, als habe er eine Sprache gelernt, die man sonst nur im Flughafen sprach.
Ich zog die Hand wieder hervor.
—
Auf dem Gang wurde eine Glocke gedrückt. Zwei Zimmer weiter. Schritte eilten vorbei. Eine Stimme sagte: „Ich bin gleich bei Ihnen.“ Es war keine junge Stimme. Es war die Stimme einer Frau, die seit dreißig Jahren weiß, dass man niemandem „Beruhigen Sie sich“ sagt, der an einem Tropf hängt.
Die Schritte entfernten sich wieder.
Ich dachte an Schwester Barbara.
„Sie sind stärker, als er denkt.“
Sie hatte es nur einmal gesagt, leise, mit der Hand auf meinem Unterarm. Sie hatte es nicht wiederholt. Sie hatte mich nicht angesehen, als hätte sie Mitleid. Sie hatte mich angesehen wie jemanden, der eine Sache zu entscheiden hat und sie auch entscheiden wird.
Ich fragte mich, wie viele Frauen diese Frau in dreißig Jahren in solchen Zimmern gesehen hatte. Wie viele Männer mit Aktenkoffern. Wie viele weiße Umschläge.
Wahrscheinlich hatte sie aufgehört zu zählen.
—
Ich schlief nicht.
Gegen halb eins stand jemand am Fenster der Station. Man konnte es an dem kurzen Schatten erkennen, der über die halb geöffnete Tür fiel. Irgendwer rauchte heimlich auf dem Balkon der Schwesternstation. Das war verboten. Ich sagte nichts. Wem hätte ich es sagen sollen, und wozu.
Ich dachte an die Villa in Bogenhausen.
Ich dachte an das Arbeitszimmer meines Vaters, das seit seinem Tod nicht mehr richtig geöffnet worden war. Frau Brandl wischte jede Woche Staub, das wusste ich, aber sie veränderte nichts. Sie rückte nicht einmal einen Füller.
Ich dachte an Marks Sachen im Ankleideraum.
Die Reihe grauer Anzüge, die alle gleich aussahen, aber alle einen anderen Schneider hatten. Seine Krawatten. Seine Hemden aus Como. Ich stellte mir vor, wie diese Sachen im Kleiderschrank hingen, während er gerade mit Sophia irgendwo schlief. Vielleicht war er auf dem Weg dorthin. Vielleicht war er schon dort.
Ich stellte fest, dass mir der Gedanke nichts mehr tat.
Es war nicht Heilung. Es war nur das Ende eines Verbrauchs.
—
Gegen zwei Uhr hörte ich zum ersten Mal, dass draußen Regen einsetzte. Zuerst als einzelne Tropfen auf das Vordach über dem Seiteneingang. Dann dichter, gleichmäßig. Der Regen hatte ein eigenes Gewicht. Er drückte die Nacht ein Stück nach unten, als lege jemand ein schweres Tuch über die Stadt.
Ich war dankbar dafür.
Im Regen klangen die Geräusche des Klinikums anders. Das Summen des Lüfters wurde kleiner. Die Schritte auf dem Gang wurden seltener. Es war, als würde jemand den Raum zur Seite rücken.
Ich dachte an meinen Vater.
Er hatte mich einmal gefragt, als ich sechzehn war: „Weißt du, warum die Alten den Regen mochten?“
„Warum?“
„Weil er ehrlich ist.“
Ich hatte gelacht damals. Heute lachte ich nicht.
—
Gegen drei Uhr stand ich vorsichtig auf.
Der Tropf schwankte, aber er hielt. Ich ging barfuß bis zum Fenster, drei Schritte, nicht mehr. Ich zog den Vorhang eine Handbreit zurück.
Draußen lag der Parkplatz des Klinikums im Regen. Die Laternen machten Kreise aus Licht. Kein Mensch. Ein einziges Taxi, das leer am Eingang stand. Der Fahrer schlief vielleicht, oder er wartete, oder er tat, was man um drei Uhr morgens eben tut, wenn man wach ist und niemand kommt.
Ich blieb eine Weile so stehen.
Ich dachte an nichts Bestimmtes.
Ich dachte nicht an Mark.
Ich dachte nicht an Sophia.
Ich dachte auch nicht an die Firma, an die Akten, an den Stick.
Ich stand einfach.
—
Als ich zurück zum Bett ging, spürte ich es.
Es war kein Weinen. Es war nur eine Feuchtigkeit am unteren Lidrand, auf dem linken Auge, die sich sammelte, ohne dass ich es wollte. Ich setzte mich auf die Bettkante. Ich legte den Kopf leicht schräg, damit die Träne fiel, wohin sie fallen wollte.
Sie fiel auf den Rücken meiner Hand.
Eine einzige Träne.
Ich wischte sie mit dem Daumen ab.
Dann nicht mehr.
Ich sagte es mir nicht. Ich entschied es nicht. Es war nur das, was geschah. Der Körper hatte eine Träne gehabt, und sie war jetzt weg, und das war alles, was mir heute Nacht zustand.
Ich legte mich zurück.
Ich zog die Decke höher.
Ich schob die Hand wieder unter das Kissen und fand den Stick. Er war warm geworden von meiner Handfläche. Ich ließ ihn dort.
Draußen regnete es weiter. Ich hörte den Regen, bis er mich endlich in einen Schlaf fallen ließ, der kein richtiger Schlaf war, sondern die Sorte Müdigkeit, die nur Kranke kennen, wenn sie endlich still sind.
Das Letzte, was ich dachte, bevor ich wegglitt, war nicht Marks Name.
Es war der Satz meines Vaters.
Niemand ist so teuer wie der Mann, der dich nicht schätzt.