Kapitel 9
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Dienstag. Neun Uhr morgens. Zwölfter Stock. Konferenzraum A. Hartmann Logistics.
Acht Direktoren saßen um den ovalen Tisch. Gestresste Gesichter. Aufgeschlagene Unterlagen. Geflüsterte Worte, die sofort verstummten, als Lukas Hartmann den Raum betrat.
„Wir beginnen.“ Knappe Stimme. Er öffnete seine Mappe. „Die Lage ist schwierig. Aber handhabbar. Ich schlage folgendes Vorgehen vor –“
Die Tür öffnete sich.
Kein Klopfen vorher. Keine Ankündigung. Keine Entschuldigung.
Anna Berger trat ein.
Dunkler Blazer. Klare Augen. Kein Lächeln. Hinter ihr ein Anwalt mit einer schwarzen Aktentasche, die er sofort auf den Tisch stellte.
Acht Gesichter drehten sich gleichzeitig zu ihr. Lukas sah sie. Sein Körper erstarrte. Sein Mund öffnete sich. Kein Wort kam.
Anna stellte einen Aktenordner auf den Tisch. Schob ihn zur Mitte. Setzte sich. Ohne Eile. Ohne auf eine Einladung zu warten.
„Guten Morgen.“ Ihre Stimme füllte den Raum mühelos. „Anna Berger. Ich bin seit drei Tagen die größte Einzelaktionärin dieses Unternehmens. Ich beantrage hiermit die formale Übernahme der Aufsichtsfunktion und eine unabhängige Revision aller Finanzberichte der letzten vier Jahre.“ Sie sah kurz in die Runde. „Ich schlage vor, wir beginnen.“
Stille.
Direktorin Kessler, Mitte fünfzig, graue Schläfen, langjährig und ruhig, sprach als Erste. „Frau Berger. Das ist – unüblich.“
„Ja.“ Anna sah sie an. „Das hier ist eine unübliche Situation.“
Lukas stand auf. Der Stuhl schabte über den Boden. Laut. Unkontrolliert. „Das ist mein Unternehmen. Du hast hier kein Recht –“
Anna sah ihn an. Einmal. Drei Sekunden.
Dann wandte sie sich wieder an Kessler. Als wäre kein Ton gefallen.
Annas Anwalt verteilte Dokumente. Beteiligungsnachweis. Revisionsgutachten. Handelsregisterauszug. Lückenlos. Wasserdicht. Unverrückbar.
Die Direktoren lasen. Schweigend. Seite für Seite. Es dauerte fünf Minuten.
Direktor Hoffmann legte sein Exemplar als Erster ab. Lehnte sich zurück.
Kessler beantragte eine Abstimmung.
Sieben zu zwei.
Lukas blieb stehen. Sein Gesicht war weiß. Nicht vor Wut. Vor etwas, das er noch nie gespürt hatte.
„Das ist nicht möglich“, sagte er. Fast ein Flüstern.
Niemand antwortete.
Zwei Minuten später erschienen zwei Männer vom Sicherheitsdienst. Höflich. Professionell. Sie stellten sich links und rechts von Lukas auf. Einer sagte leise, das Gebäude sei zu verlassen.
Lukas Hartmann verließ den Konferenzraum seines eigenen Unternehmens. Zwischen zwei Fremden. Durch die Tür, durch die er seit Jahren als Erster gegangen war.
Im Fahrstuhl rief er Sophie an.
Zweites Klingeln. Sie nahm ab.
„Wir sind erledigt“, sagte er. Stimme gebrochen. „Sie hat das Unternehmen übernommen. Einfach so. Sie ist rein –“
„Nicht wir.“ Sophies Stimme war kalt wie Glas. Klar wie Eis. „Du bist erledigt. Ich war nie offiziell beteiligt. Vergiss nicht, was du sagst, wenn jemand fragt.“
Dann legte sie auf.
Lukas stand in der leeren Tiefgarage. Allein. Das Summen der Neonlichter. Der Geruch nach Beton.
Oben, im zwölften Stock, setzte sich Anna Berger an den Schreibtisch, der bis gestern Lukas Hartmann gehört hatte.
Sie öffnete die erste Akte.
Fing an zu lesen.