Kapitel 13
Der Tag des Urteils
Der Gerichtssaal hatte zweihundert Plätze. Alle waren besetzt.
Kameras auf der Tribüne. Journalisten in der ersten Reihe. Zuschauer, die seit früh morgens gewartet hatten. Die Luft roch nach Papier und Anspannung.
Victor Klein saß auf der Anklagebank. Sein Anzug war wie immer makellos. Neben ihm sein Anwalt, einer der teuersten der Stadt. Auf der anderen Seite Sophie Lehmann, kleiner wirkend als sonst, das Gesicht ohne Make-up. Lukas Hartmann wartete auf der Zeugenbank. Er sah nicht auf.
Der Staatsanwalt verlas die Anklage. Betrug in besonders schwerem Fall. Urkundenfälschung. Verschwörung. Verdacht auf Beihilfe zur Tötung.
Victors Anwalt kämpfte sofort. Er stellte Anträge. Er zweifelte an der Beweiskette. Er schob die Schuld auf Sophie. Auf „unklare Kommunikation“. Auf „individuelle Handlungen ohne Wissen seines Mandanten.“
Victor saß dabei. Regungslos. Das Lächeln war verschwunden.
Dann wurde Sophie Lehmann in den Zeugenstand gerufen.
Sie stand auf. Ging langsam nach vorn. Setzte sich. Die Hände flach auf dem Tisch.
Sie sah Victor an. Lang. Dann sah sie Anna an.
Und sie begann zu reden.
Sie redete fast zwei Stunden. Wie Victor sie angeworben hatte. Wie die Methode funktionierte. Wie man gezielt Unternehmen destabilisierte. Wie der Plan für Anna entstanden war. Wie sie die Tabletten in das Glas von Annas Vater gegeben hatte. Wie die Unterschrift gefälscht worden war. Wie Victor ihr alles versprochen und dann schrittweise nichts gehalten hatte.
Ihre Stimme war leise. Klar. Kein Zögern. Jedes Wort saß.
Victors Hände, die zunächst ruhig auf dem Tisch gelegen hatten, verkrampften sich langsam. Sein Anwalt flüsterte ihm etwas zu. Victor antwortete nicht.
Lukas folgte im Zeugenstand. Er bestätigte Sophies Aussagen Punkt für Punkt. Seine Stimme zitterte beim ersten Satz. Beim zweiten weniger. Beim dritten gar nicht mehr.
Dann wurde Anna Berger gerufen.
Sie stand auf. Ging ruhig zum Zeugenstand. Setzte sich.
Sie sah Victor direkt an. Drei vollständige Sekunden lang. Victor erwiderte ihren Blick. Seine Augen versuchten standzuhalten.
Dann wandte Anna den Blick ab.
Nicht aus Angst. Nicht aus Schwäche. Sondern weil er ihre Aufmerksamkeit nicht länger verdiente.
Sie beantwortete alle Fragen des Staatsanwalts ruhig und präzise. Jede Antwort kurz. Wasserdicht.
Am Nachmittag verkündete der Richter: Verhandlung wird morgen mit der Urteilsverkündung abgeschlossen.
Anna verließ den Saal als Erste. Journalisten riefen ihr etwas zu. Sie sah nicht hin.
Draußen auf den Stufen des Gerichtsgebäudes stand Marc. Die Hände in den Taschen. Er wartete, wie er immer wartete.
Als Anna neben ihm ankam, sagte er nur einen Satz.
„Du hast es geschafft.“
Anna antwortete nicht. Aber sie atmete tiefer als seit Monaten.