Kapitel 8
Marcs Geheimnis
Anna rief Marc nicht wegen Victor Klein an.
Sie rief ihn an, weil sein Name in den Berichten über Sophie Lehmann auftauchte. Dreimal. In Fußnoten. In Randbemerkungen. Fast versteckt. Fast.
„Ich brauche dich. Eine Stunde.“ Keine weitere Erklärung.
Sie trafen sich in einem Café am Fluss. Draußen war es kalt und bedeckt. Drinnen roch es nach Kaffee und feuchtem Stein. Das Café war halb leer. Gut so.
Anna legte die Berichte auf den Tisch. Aufgeschlagen bei der Seite, auf der sein Name stand.
„Du warst mehr als ein Bekannter von Sophie Lehmann.“
Marc sah auf die Seite. Dann auf Anna. Keine Überraschung. Keine Ausweichbewegung. Nur Stille.
„Ja“, sagte er schließlich.
„Wie lange?“
„Knapp zwei Jahre. Vor fast einem Jahrzehnt.“
Anna wartete. Sie sagte nichts. Sie fragte nicht. Sie wartete nur.
Marc nahm seinen Kaffeebecher. Hielt ihn mit beiden Händen, ohne zu trinken.
„Mein Vater hatte ein Logistikunternehmen. Dreißig Jahre aufgebaut. Hundert Mitarbeiter. Er war stolz darauf. Ich lernte Sophie über gemeinsame Bekannte kennen. Sie war klug. Charmant. Interessiert an allem, was ich erzählte.“ Eine kurze Pause. „Ich dachte, ich kannte sie.“
Er stellte den Becher ab.
„Dann kündigten alle Großkunden meines Vaters gleichzeitig. Über Nacht. Kein Grund. Keine Vorwarnung. Das Unternehmen überlebte es nicht. Mein Vater verlor alles. Er starb zwei Jahre später.“ Marcs Stimme blieb gleichmäßig. Jedes Wort kontrolliert. „Ich fand heraus, dass Sophie die Kündigungen initiiert hatte. Über Verbindungen zu Victor Klein.“
Anna atmete nicht.
„Warum?“
Marc sah sie an.
„Als Test. Um zu sehen, wie schnell ein gesundes Unternehmen zerstört werden kann. Ob die Methode funktioniert.“ Er wartete einen Moment. „Mein Vater war ein Test.“
Die Kälte in diesem Satz war nicht laut. Sie war ruhig. Präzise. Viel schlimmer als Wut.
Anna sah auf die Berichte. Dann auf Marc.
„Warum hast du mir das nicht von Anfang an gesagt?“
„Weil ich wissen wollte, ob du bereit bist. Wer nur wütend ist, macht Fehler. Wer plant, gewinnt.“ Er hielt ihrem Blick stand. „Du planst.“
Anna erwiderte nichts. Dann nickte sie einmal, kurz.
„Victor Klein.“
Marc lehnte sich vor. Leise, aber klar. „Er ist seit dreißig Jahren tätig. Kauft Unternehmen, indem er sie erst zerstört. Sophie ist eine von mehreren, die für ihn operieren. Dein Vater war sein größtes Ziel. Das einzige, das ihm wirklich widerstanden hat.“
„Und jetzt kommt er nach mir.“
„Er wird kommen. Bald. Um dich einzuschüchtern. Hör gut hin, was er nicht sagt.“
Draußen glitt ein Boot auf dem Fluss vorbei. Lautlos. Fast unwirklich.
Anna trank ihren Kaffee. Er war kalt geworden. Sie trank ihn trotzdem.
Manche Dinge trinkt man, auch wenn sie kalt sind.