Am Hochzeitstag entdeckt sie den Verrat ihres Bräutigams mit ihrer besten Freundin

Kapitel 15
Anna

Drei Monate später. Ein Dienstag im Oktober.

Das neue Firmenschild an der Eingangstür trug ihren Namen. Nicht den ihres Vaters. Ihren. Anna Berger Holding GmbH. Gegründet neu, aufgebaut auf allem, was ihr Vater hinterlassen hatte. Sauberer. Stärker. Ihr.

Anna stand in der hellen Eingangshalle des neu gestalteten Gebäudes. Die große Glasfront ließ die Morgensonne herein. Unten auf der Straße begannen die ersten Mitarbeiter einzutreffen. Neue Gesichter. Ein neues Team. Menschen, die sie selbst ausgewählt hatte.

Victor Klein saß in einer Justizvollzugsanstalt außerhalb der Stadt. Sophie Lehmann war aus der Öffentlichkeit verschwunden. Lukas Hartmann verbüßte seine Strafe. Keiner von ihnen war mehr Teil ihrer Welt. Keiner von ihnen war es noch wert, Platz einzunehmen.

Marc trat durch die Eingangstür. Er trug einen schmalen, verschlossenen Umschlag. Kein Absender außen. Nur ihr Name, handgeschrieben.

„Vom Notar Brandt“, sagte Marc. „Dein Vater hat ihn hinterlegt. Mit der Anweisung, ihn erst nach Abschluss aller Verfahren zu öffnen.“

Anna nahm den Umschlag. Hielt ihn einen Moment in der Hand.

Dann öffnete sie ihn.

Eine einzelne Seite. Die Handschrift ihres Vaters. Dunkel. Fest. Vertraut.

„Liebe Anna,

wenn du das liest, hast du gewonnen. Ich habe das immer gewusst.

Es gibt etwas, das ich dir sagen möchte. Etwas, das ich nie getan habe, solange ich noch konnte.

An dem Tag, als du geboren wurdest, habe ich im Garten des alten Hauses einen Baum gepflanzt. Einen kleinen, kaum kniehoch. Ich habe mir vorgestellt, eines Tages mit dir dorthin zu gehen. Dir zu zeigen, wie weit er gewachsen ist. Zu sehen, ob er größer ist als du.

Ich habe es nie geschafft. Das Leben kam immer dazwischen. Und dann war keine Zeit mehr.

Geh hin. Schau ihn dir an.

Er ist jetzt sicher größer als du.

Und dann lach wieder, Anna. Lach einfach. Das ist das Einzige, worum ich dich bitte.

Dein Vater“

Anna las den Brief. Einmal. Dann noch einmal. Die Seite war kurz. Aber jedes Wort wog.

Sie faltete ihn sorgfältig zusammen. Steckte ihn in die innere Tasche ihrer Jacke. Direkt über dem Herzen.

Dann sah sie Marc an.

„Komm mit.“

Sie fuhren hinaus. Weg aus der Stadt. Durch Vororte. Durch Alleen mit alten Bäumen. Bis sie das Haus erreichten. Das alte Haus, das ihr Vater nie verkauft hatte.

Hinter dem Garten, am Ende des Grundstücks, stand der Baum. Groß. Breit. Die Äste weit ausgebreitet. Der Stamm so dick, dass Anna ihn nicht mit beiden Armen hätte umfassen können. Die Blätter rauschten leise im Wind.

Anna trat näher. Legte die Hand auf die raue Rinde. Blieb so stehen.

Marc wartete ein paar Schritte hinter ihr. Er sagte nichts.

Anna schaute nach oben in die Äste. Das Licht fiel durch das Laub. Warm. Flimmernd.

Dann lachte sie.

Leise. Echt. Ohne Grund und aus vollem Herzen.

Die Sonne schien warm.

Die Geschichte war zu Ende.