Am Hochzeitstag entdeckt sie den Verrat ihres Bräutigams mit ihrer besten Freundin

Kapitel 10
Victor taucht auf

Er kam an einem Donnerstagmorgen. Ohne Termin. Ohne Vorankündigung.

Anna saß in ihrem neuen Büro und las einen Vertragsentwurf, als ihre Assistentin klopfte.

„Eine Person ohne Anmeldung. Er sagt, er sei ein alter Freund Ihres Vaters.“ Eine kurze Pause. „Victor Klein.“

Anna legte den Vertragsentwurf ruhig auf den Stapel links. „Schicken Sie ihn herein.“

Sie hatte Zeit gehabt, diesen Moment vorzubereiten. Drei Tage lang.

Victor Klein war Anfang sechzig. Eleganter Anzug. Silbernes Haar, das sorgfältig geschnitten war. Das Lächeln eines Mannes, dem Türen immer aufgegangen waren, bevor er klopfen musste.

Er trat ein. Ließ seinen Blick kurz durch den Raum gleiten. Ein prüfender Blick. Diskret. Fast unmerklich. Fast.

„Anna.“ Seine Stimme war warm. Väterlich. „Du siehst genauso aus wie dein Vater. Dieselben Augen. Dieselbe Haltung.“

Anna stand auf. Streckte die Hand aus. Fester Griff. Kein Lächeln.

„Herr Klein. Bitte setzen Sie sich.“

Sie schenkte ihm Wasser ein. Setzte sich zurück. Faltete die Hände auf dem Tisch. Wartete.

Victor trank. Sah sich gemächlich um. „Du hast schnell Ordnung gemacht hier. Dein Vater wäre stolz.“

„Was führt Sie her?“

Er lächelte breiter. „Ich mache mir Sorgen. Dein Vater war mir wichtig. Wir kannten uns lange.“ Eine Pause. „Und ich höre Dinge. Dass du dich in alten Akten bewegst. Alten Konten. Alten Strukturen.“ Noch eine Pause. Sorgfältig gesetzt. „Es gibt Dinge in der Vergangenheit deines Vaters, Anna, die besser ruhen bleiben. Nicht alles, was vergraben wurde, sollte ausgegraben werden. Besonders nicht, wenn man gerade so vielversprechend begonnen hat.“

Er lehnte sich zurück. Das Lächeln blieb. Die Augen dahinter: still. Kalt. Aufmerksam.

Anna ließ vier Sekunden vergehen. Vier vollständige Sekunden der Stille.

„Woher wissen Sie, dass ich in alten Akten suche?“

Victor blinzelte. Kaum sichtbar. Ein winziger Moment, in dem das Lächeln einen Bruchteil seiner Sicherheit verlor.

„Ich höre Dinge“, sagte er. Leicht verzögert.

„Von wem?“

„Von alten Bekannten.“

Anna nickte langsam. „Ich verstehe.“ Sie stand auf. Hand ausgestreckt. „Vielen Dank für Ihren Besuch, Herr Klein. Es war aufschlussreich.“

Victor erhob sich. Sein Händedruck war eine Sekunde zu lang. Ein letztes, kleines Signal.

Dann verließ er das Büro. Tür zu. Schritte auf dem Korridor. Fahrstuhl. Stille.

Anna wartete. Zehn Sekunden. Fünfzehn.

Dann öffnete sie die oberste Schublade ihres Schreibtisches. Darin lag ein flaches Aufnahmegerät. Winzig. Unauffällig. Die rote LED blinkte einmal. Aufnahme: beendet.

Sie nahm ihr Handy. Rief Marc an.

Er nahm beim ersten Klingeln ab.

„Er war hier“, sagte Anna. „Ton ist sauber. Alles drauf.“

Kurze Stille.

„Gut“, sagte Marc. „Sehr gut.“

Anna legte auf. Sah zum Fenster. Unten auf der Straße fuhr Victors schwarzer Wagen langsam davon. Sie sah ihm nach.

Dann öffnete sie die Akte mit seinem Namen.

Die Zeit lief.

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