Am Hochzeitstag entdeckt sie den Verrat ihres Bräutigams mit ihrer besten Freundin

Kapitel 6
Ihr erster Zug

Fünf Tage nach der Hochzeit schien die Welt vergessen zu haben, was geschehen war.

Andere Nachrichten. Andere Schlagzeilen. Der Skandal in der alten Kirche war bereits durch neue Empörungen verdrängt worden.

Sophie Lehmann postete Fotos. Frühstück mit frischen Blumen. Ein Abendessen bei Kerzenlicht. Lukas neben ihr, lächelnd. Bildunterschrift: „Endlich ehrlich. Endlich frei.“

Anna sah jedes Bild. Einmal. Dann legte sie das Handy ohne Kommentar auf den Tisch.

Sie saß in Marcs Büro. Kein Firmenlogo an der Tür. Kein Namensschild. Genau richtig.

„Der erste Zug ist gespielt.“ Marc öffnete den Laptop. Auf dem Bildschirm erschienen Beteiligungsstrukturen. Transaktionsdaten. Zahlen hinter Zahlen. „Heute Morgen hat mein Fonds die größte Gläubigerposition in Sophies Hauptunternehmen übernommen. Anonym. Drei Zwischengesellschaften. Kein Bezug zu dir. Zu niemandem.“

Anna nickte. „Und die Meldung?“

„Eingereicht. Drei Verstöße. Falsch deklarierte Rückstellungen. Fingierte Rechnungen. Schwarze Konten.“ Er klappte den Laptop zu. „Die Ermittlungen laufen automatisch an. Das braucht Zeit. Aber der erste Riss ist da.“

Anna stand auf und ging ans Fenster. Unten fuhr eine Straßenbahn vorbei. Ruhig. Leer.

„Sophie glaubt, ich weine irgendwo.“

„Ja.“ Marcs Stimme klang beinahe trocken. „Lukas hat seiner Anwältin gesagt, er rechnet nicht mit rechtlichen Schritten. Er hält dich für emotional zerstört.“

Anna schwieg. Draußen fuhr die nächste Straßenbahn.

„Wann wirkt die Gläubigerposition?“

Marc sah auf die Uhr. „Heute Nacht, schätze ich.“

Anna fuhr nach Hause. Machte sich Tee. Setzte sich ans Fenster. Die Stadt war still. Normale Lichter. Normales Leben.

Um 23:14 Uhr vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Marc. Drei Worte.

„Konten gesperrt. Erfolgreich.“

Anna trank ihren Tee aus.

Kurz nach Mitternacht klingelte Sophies Handy. Ihre Anwältin. Stimme angespannt, schnell, ohne Pause.

„Sophie. Notfall. Der neue Hauptgläubiger deiner Firma fordert sofortige Rückzahlung. Die gesamte offene Summe. 72 Stunden.“

Stille.

„Wie viel?“, fragte Sophie.

Die Anwältin nannte die Zahl.

Sophies Telefon glitt aus ihrer Hand. Traf den Boden. Der Bildschirm zersplitterte. Lukas saß ihr gegenüber, Weinglas in der Hand.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Sophie starrte auf das zerbrochene Display. Auf das zerbrochene Bild. Auf das zerbrochene Abendessen. Auf alles, was gerade begann auseinanderzufallen.

Sie öffnete den Mund. Kein Wort kam.

Am anderen Ende der Stadt stellte Anna ihr Teeglas in die Spüle. Spülte es kurz ab. Trocknete die Hände.

Sie lächelte nicht.

Aber der erste Zug hatte getroffen. Genau dort, wo er sollte.

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