Kapitel 3
Ich habe ein Geschenk
Der Pfarrer lächelte mild. „Wenn jemand einen Grund kennt, warum diese beiden nicht heiraten sollten, so spreche er jetzt oder schweige für immer.“
Stille.
Anna trat einen halben Schritt vor.
„Bevor ich ‚Ja‘ sage“, sagte sie, „möchte ich allen hier etwas zeigen.“
Ihr Ton war ruhig. Absolut ruhig. Nicht die Ruhe einer Nervösen. Die Ruhe von jemandem, der genau weiß, was als Nächstes passiert.
Ein Raunen lief durch die Reihen. Lukas runzelte die Stirn. Sophie wurde kreidebleich. Ihre Hand, die den Brautstrauß hielt, begann zu zittern.
Anna ging zum Projektor, der für die Hochzeitsfotos bereitstand. Sie zog den USB-Stick aus der Tasche und steckte ihn ein. Ein Klick. Der große Bildschirm hinter dem Altar erwachte zum Leben.
Keine Hochzeitsfotos. Keine lächelnden Gesichter.
Banküberweisungen. Kontonummern. Chatverläufe, Zeile für Zeile. Fotos von Lukas und Sophie in Hotelzimmern. Daten. Beträge. Alles aus dem Treuhandfonds ihres Vaters. Drei Jahre lang. Systematisch. Geplant.
Die Kirche wurde totenstill. So still, dass man das Knarzen der alten Holzbänke hören konnte.
Sophie ließ den Brautstrauß fallen. Er traf den Steinboden mit einem dumpfen Laut. Lukas streckte die Hand nach dem Mikrofon aus, aber ein Trauzeuge packte seinen Arm.
Anna drehte sich zu den Gästen. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig.
„Lukas. Sophie. Drei Jahre lang habt ihr gemeinsam geplant, mich zu betrügen und das Erbe meines Vaters zu stehlen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Heute ist das vorbei.“
Sie zog den Ehering vom Finger. Legte ihn langsam, sorgfältig, auf den Altar.
„Bewahre ihn gut auf, Lukas. Das ist die erste Anzahlung auf das, was du meinem Vater schuldest.“
Dann drehte sie sich um. Ging den Mittelgang zurück. Zweihundertsiebzig Menschen starrten ihr nach. Kein einziger sprach. Nur das Klacken ihrer Absätze hallte durch die Kirche.
Sie drückte die schwere Klinke der Eingangstür herunter. Sonnenlicht strömte herein.
In diesem Moment stand in der letzten Reihe ein einzelner Mann auf. Und begann laut, klar, ohne Zögern zu klatschen. Ganz allein.
Anna kannte diese Hände.
Sie lächelte nicht. Aber etwas in ihren Augen wurde scharf wie Glas.
Das Spiel hatte gerade erst begonnen.