Kapitel 2 – „Die Scheidungspapiere“
Am nächsten Morgen schien die Sonne hell durch die Küchenfenster.
Lena hatte Kaffee gekocht. Wie immer. Zwei Tassen.
Genau zur richtigen Zeit.
Markus saß schon am Tisch. Kein Guten Morgen. Kein Blickkontakt.
Er schob ihr wortlos einen Umschlag hin.
„Lies das.“
Lena setzte sich. Öffnete den Umschlag.
Scheidungspapiere. Sauber ausgedruckt. Professionell formuliert.
Sie las den ersten Satz.
Netto-Auszahlung an Lena Voss: null Euro.
Sie las ihn ein zweites Mal.
Null.
„Du hast in der Ehe keinerlei wirtschaftlichen Beitrag geleistet.“
So stand es da. Schwarz auf weiß. Mit Stempel.
Markus nippte an seinem Kaffee.
„Sei ehrlich, Lena. Du hast fünf Jahre lang nichts getan.
Kein Job. Kein Einkommen. Nur gepflegt. Das zählt nicht.“
Lena legte das Dokument langsam zurück auf den Tisch.
„Ich will einen sauberen Schnitt. Du ziehst aus.
Ich behalte das Haus, das Konto, alles. Das ist mehr als fair.“
Lena sagte nichts.
Markus schaute sie an. Wartete. Irgendetwas irritierte ihn.
Vielleicht, dass sie nicht weinte. Vielleicht, dass sie keine Regung zeigte.
„Gut, dass du vernünftig bist“, sagte er schließlich.
„Andere Frauen würden jetzt schreien. Ein Drama machen.“
Er lachte kurz auf. „Du warst schon immer… praktisch.“
Lena stand auf. Nahm die Papiere. Kein Wort.
„Unterschreib einfach!“, rief er ihr nach. „Dann sind wir beide frei.“
Im Arbeitszimmer schloss sie die Tür. Setzte sich an den alten Schreibtisch.
Sie holte tief Luft. Dann noch einmal.
Ihre Hände waren ruhig.
Sie öffnete die Schublade, die immer abgeschlossen war.
Nahm den dicken Ordner heraus.
Auf dem Deckblatt stand das Logo seiner Firma.
Hahn Tech Solutions.
Und darunter, klar und unmissverständlich:
Anteilseigner: Lena Voss – 31 %.
Sie blätterte durch die Seiten. Kaufbelege. Notariell beglaubigte Urkunden.
Kontoauszüge aus Treuhandkonten. Alles datiert. Alles geprüft. Alles wasserdicht.
Alles begonnen, während er im Krankenhaus lag.
Während sie ihm den Schweiß von der Stirn wischte,
hatte sie ihr eigenes Erbe investiert. Schritt für Schritt. Ruhig und unsichtbar.
Lena schloss den Ordner. Sie lächelte nicht.
Aber in ihren Augen lag etwas Neues.
Etwas Klares. Etwas Kaltes.
Sie stand auf. Ging zurück in die Küche.
Markus schaute sie ungeduldig an. „Unterschrieben?“
Lena legte den Umschlag vor ihn. Leer. Keine Unterschrift.
„Noch nicht ganz.“
Er runzelte die Stirn.
Sie griff zur Haustür. Sagte leise, fast nur für sich selbst:
„Ich brauche nur noch einen Moment.“
Dann verließ sie das Haus.