Fünf Jahre pflegte sie ihren kranken Mann – nach seiner Genesung reichte er die Scheidung ein und nannte sie wertlos

Kapitel 12 – „Die Rechnung“

Das kleine Café am Rand der Stadt war fast leer.

Regentropfen liefen langsam an den großen Fensterscheiben hinab.

Lena saß an einem Tisch in der hintersten Ecke.

Vor ihr stand eine unberührte Tasse schwarzer Kaffee.

Die Tür des Cafés ging auf. Dieter und Ingrid Hahn traten ein.

Sie sahen furchtbar aus. Gealtert. Müde. Völlig verzweifelt.

Sie trugen einfache Regenmäntel. Keine teuren Kleider mehr.

Zögerlich näherten sie sich Lenas Tisch.

„Dürfen wir uns setzen?“, fragte Dieter mit brüchiger Stimme.

Lena zeigte nur mit einer kurzen Handbewegung auf die leeren Stühle.

Ingrid ließ sich auf das Holz sinken. Sie begann sofort zu weinen.

„Lena, bitte“, schluchzte sie und griff über den Tisch.

„Wir haben unser Haus verloren. Die Konten sind gesperrt.“

„Wir stehen buchstäblich auf der Straße.“

Dieter senkte den Blick auf seine zitternden Hände.

„Wir wissen, dass wir große Fehler gemacht haben.“

„Aber du warst fünf Jahre lang unsere Schwiegertochter.“

„Bitte zeig etwas Gnade. Lass uns wenigstens unsere Rente.“

Lena entzog ihre Hand dem Griff von Ingrid.

Ihre Bewegungen waren vollkommen ruhig und präzise.

Sie öffnete ihre elegante Handtasche.

Sie holte ein gefaltetes Blatt Papier heraus und legte es auf den Tisch.

„Was ist das?“, fragte Dieter verwirrt.

„Das ist eine Liste“, sagte Lena leise.

„Eine genaue Aufstellung eurer sogenannten familiären Liebe.“

Dieter nahm das Papier mit zitternden Fingern.

„Dreiundzwanzig Mal“, sagte Lena. Jedes Wort war wie aus Eis geschnitten.

„Dreiundzwanzig Mal habt ihr mich in den letzten fünf Jahren um Geld gebeten.“

„Für ein neues Auto. Für Ingrids teure Urlaube. Für Julias Schulden.“

„Ihr habt nie auch nur einen einzigen Cent davon zurückgezahlt.“

Ingrid starrte auf die erschütternde Liste. Die Zahlen waren korrekt.

„Wir… wir dachten, das wäre familiäre Hilfe“, stotterte sie.

„Nein“, korrigierte Lena sie scharf.

„Ihr dachtet, ich sei ein dummes, nützliches Werkzeug.“

„Ihr habt mich hinter meinem Rücken ausgelacht und mein Geld genommen.“

Sie stand langsam auf. Sie knöpfte ihren Mantel zu.

„Ich habe die Kredite nicht vergeben, um euch zu bestrafen.“

„Ich fordere lediglich das zurück, was mir rechtmäßig gehört.“

„Wenn ihr das Haus verliert, dann liegt das an eurer eigenen Gier.“

Dieter sah zu ihr auf. Tränen standen in seinen Augen.

„Hast du denn gar kein Mitleid mehr in dir?“

Lena sah auf die beiden gebrochenen Menschen herab.

„Mein Mitleid habe ich an einen Mann verschwendet, der mich wertlos nannte.“

„Es ist nichts mehr davon übrig.“

Sie drehte sich um und verließ das Café.

Sie ließ die Eltern ihres Ex-Mannes mit der Rechnung sitzen.

Zur gleichen Zeit saß Markus allein in einer dunklen Bar in der Innenstadt.

Das Glas vor ihm war bereits das vierte an diesem Tag.

Sein Handy lag stumm auf der klebrigen Theke.

Dann leuchtete das Display plötzlich auf.

Eine neue Nachricht von einer Nummer, die er nicht kannte.

Er blinzelte gegen das grelle Licht und las den kurzen Text.

„Schalten Sie den Fernseher ein, Herr Hahn.“

Markus hob schwerfällig den Kopf.

Über der Bar hing ein alter Bildschirm. Die Nachrichten liefen.

Was er dort sah, ließ sein Blut in den Adern gefrieren.

Nächste Seite