Fünf Jahre pflegte sie ihren kranken Mann – nach seiner Genesung reichte er die Scheidung ein und nannte sie wertlos

Kapitel 15 – „Der Abflug“

Der private Terminal des Frankfurter Flughafens war in goldenes Morgenlicht getaucht.

Das Summen der Turbinen lag als stetiges, beruhigendes Geräusch in der Luft.

Lena Voss ging mit festen, ruhigen Schritten über das spiegelnde Parkett.

Sie trug einen sandfarbenen Mantel und eine dunkle Sonnenbrille.

Dr. Felix Brenner und zwei Assistenten gingen schweigend neben ihr.

Ihre Absätze klickten rhythmisch auf dem Boden. Ein perfekter Takt.

Die Sicherheitskontrolle öffnete die Glastüren für sie ohne Zögern.

Draußen auf dem Rollfeld wartete der weiße Privatjet der Voss Group.

Die Triebwerke liefen bereits warm für den Flug nach New York.

Dort wartete ihr neues Hauptquartier. Ihr neues Leben.

Weit entfernt, auf der öffentlichen Besucherterrasse hinter dickem Glas, stand ein Mann.

Markus Hahn drückte seine Hände gegen die kalte Scheibe.

Er trug denselben nassen, schmutzigen Anzug wie in der Nacht zuvor.

Er hatte nicht geschlafen. Er hatte nirgendwohin gehen können.

Seine Augen waren leer und tief in die Höhlen gesunken.

Er beobachtete, wie die Frau, die ihm fünf Jahre lang das Leben gerettet hatte, über das Rollfeld schritt.

Sie wurde eskortiert wie ein Staatsgast.

Jemand nahm ihr respektvoll die kleine Ledertasche ab.

Der Pilot stand an der Treppe und salutierte leicht.

Markus spürte, wie eine letzte, bittere Träne über sein Gesicht lief.

Er hatte in seiner Arroganz nach den Sternen greifen wollen.

Dabei hatte er den wertvollsten Stern bereits in seinen Händen gehalten.

Und er hatte ihn einfach fallen lassen.

Unten am Flugzeug setzte Lena ihren Fuß auf die erste Stufe der Treppe.

Der Wind spielte leicht mit ihren dunklen Haaren.

Plötzlich hielt sie für einen Bruchteil einer Sekunde inne.

Sie nahm die Sonnenbrille ab.

Sie drehte den Kopf und blickte hinauf zur fernen Besucherterrasse.

Sie konnte Markus unmöglich erkennen. Die Distanz war viel zu groß.

Aber sie wusste genau, dass er dort oben stand und zusah.

Sie spürte keinen Hass mehr. Keine Wut. Keine Rachegelüste.

Das alles war mit dem gestrigen Regen einfach weggewaschen worden.

Es gab nur noch eine vollkommene, absolute Klarheit.

Lena Voss lächelte.

Ein echtes, befreites Lächeln, das ihre Augen zum Leuchten brachte.

Sie hob nicht die Hand. Sie winkte nicht. Sie verabschiedete sich nicht.

Sie drehte sich einfach um und stieg die Treppe hinauf.

Die Kabinentür wurde leise, aber bestimmt hinter ihr geschlossen.

Wenige Minuten später rollte der elegante weiße Jet zur Startbahn.

Die Triebwerke heulten mit gewaltiger Kraft auf.

Das Flugzeug beschleunigte, hob ab und durchbrach die morgendlichen Wolken.

Markus stand noch lange an der kalten Scheibe, bis der Jet nur noch ein winziger Punkt am Himmel war.

Dann verschwand auch der Punkt in der unendlichen Weite.

Markus drehte sich langsam um und ging in das anonyme Flughafengebäude zurück.

Er hatte nichts mehr. Er war ein Niemand geworden.

Oben in der Luft lehnte sich Lena in den weichen Ledersessel zurück.

Sie schaute aus dem kleinen ovalen Fenster auf die Welt hinab.

Die Welt war riesig. Sie war hell. Und sie gehörte ihr.

Sie schloss die Augen und atmete tief ein.

Das Leben begann genau jetzt.