Kapitel 5: Die Entscheidung
Anna wartete bis zum nächsten Morgen, bevor sie ging, weil sie die Nacht gebraucht hatte, um sich einzureden, dass selbst ein Fehler besser war als völlige Hilflosigkeit.
Sie zog sich schlicht an, nahm ihre Tasche und steckte ihr altes Portemonnaie ein.
Nicht weil sie glaubte, weit zu kommen.
Sondern weil sie wissen musste, ob sie noch gehen konnte.
Das Haus war ruhig, als sie die Treppe hinunterging.
Zu ruhig.
Als hätte es längst gewusst, was sie vorhatte.
Am Eingang stand ein Fahrer neben einem schwarzen Wagen.
Als er Anna sah, öffnete er die Tür.
Nicht überrascht.
Nicht fragend.
Vorbereitet.
„Frau Falk“, sagte er höflich, „wohin möchten Sie gefahren werden?“
Anna blieb stehen.
„Ich gehe allein.“
Der Fahrer senkte den Blick, trat aber nicht zurück.
„Das ist nicht vorgesehen.“
Anna spürte, wie Wut in ihr aufstieg.
„Ich habe nicht gefragt, was vorgesehen ist.“
„Natürlich nicht“, sagte er ruhig.
„Aber ich habe Anweisungen.“
„Von meinem Mann?“
Das Wort fühlte sich seltsam an.
Falsch.
Und doch war es jetzt wahr.
Der Fahrer schwieg.
Das reichte.
Anna griff nach der Türklinke.
Bevor sie sie herunterdrücken konnte, hörte sie Leonhards Stimme von der Treppe.
„Lassen Sie sie gehen.“
Der Fahrer trat sofort zurück.
Zu schnell.
Ohne Frage.
Ohne Zögern.
Anna drehte sich langsam um.
Leonhard stand auf halber Höhe der Treppe und sah sie an, als hätte er diesen Moment erwartet.
„Sie können gehen“, sagte er ruhig.
Gerade diese Ruhe machte sie misstrauisch.
„Einfach so?“
„Einfach so.“
Sie sah zur offenen Tür.
Dahinter lagen die Auffahrt, der Morgen und eine Freiheit, die plötzlich nicht mehr frei wirkte.
„Was verschweigen Sie mir?“
Leonhard kam die letzten Stufen herunter.
„Dass Ihre Schwester schneller reagiert hat, als ich erwartet hatte.“
Anna wurde still.
„Clara?“
Er reichte ihr sein Handy.
Auf dem Bildschirm war ein Foto von ihr vor dem Haus, aufgenommen aus einem Winkel, den sie nicht bemerkt hatte.
Darunter stand:
Sie glaubt wirklich, sie sei jetzt jemand.
Anna erkannte die Nummer sofort.
Clara.
Dann sah sie ein zweites Bild.
Ein Chat.
Mehrere Namen.
Mehrere Nachrichten.
Ein Satz sprang ihr sofort ins Auge.
Wir zerstören sie, bevor sie versteht, was passiert.
Anna spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Das ist kein Zufall“, sagte sie leise.
„Nein.“
Leonhards Stimme blieb ruhig.
„Das ist ein Plan.“
Anna sah wieder zur Tür.
Draußen wartete nicht Freiheit.
Draußen wartete ein Angriff.
„Wenn ich gehe, spiele ich ihr in die Hände.“
„Wahrscheinlich.“
„Und wenn ich bleibe?“
Leonhard sah sie direkt an.
„Dann lernen Sie, wie man gewinnt.“
Anna hielt seinen Blick.
Zum ersten Mal ging es nicht darum, ob sie fliehen konnte.
Es ging darum, ob sie stark genug war, stehen zu bleiben.
Langsam ließ sie die Türklinke los.
„Dann zeigen Sie es mir.“
Leonhards Blick veränderte sich kaum merklich.
„Gut.“
Und in diesem Moment traf Anna ihre erste echte Entscheidung.