Sie heiratete anstelle ihrer Schwester – und entdeckte seine wahre Identität

Kapitel 10: Der wahre Beginn

Am Abend stand Anna im Arbeitsraum, nicht mehr vor der Schwelle, nicht mehr als Besucherin und nicht mehr als jemand, der zufällig hineingelassen worden war, sondern mitten in dem Raum, der ihr gestern noch verweigert worden war.

Die Bildschirme leuchteten leise.

Akten lagen geöffnet auf dem Tisch.

Namen, Zahlen, Verbindungen und Entscheidungen bildeten ein Netz, das Anna noch nicht vollständig verstand, aber zum ersten Mal nicht mehr fürchtete.

Leonhard stand ihr gegenüber.

Ruhig.

Kontrolliert.

Und doch bemerkte Anna, dass auch er sie anders ansah.

Nicht vorsichtiger.

Aufmerksamer.

Als wäre sie nicht länger nur ein Teil seines Plans, sondern ein Faktor, den selbst er neu berechnen musste.

„Das war geplant“, sagte sie.

„Ja.“

„Nicht nur die Ehe.“

„Nein.“

„Alles danach.“

Leonhard schwieg einen Moment.

Dann nickte er.

„Ja.“

Anna trat näher.

Sie hatte diese Frage seit dem ersten Anruf in sich getragen.

Seit dem Vertrag.

Seit Claras Lächeln.

Seit dem Moment, in dem Leonhard gesagt hatte, er treffe keine zweite Wahl.

„Warum ich?“

Diesmal antwortete er nicht sofort.

Und gerade das machte die Antwort wichtiger.

„Weil Sie nicht versucht haben, sich anzupassen, bevor Sie verstanden haben, wo Sie sind“, sagte er schließlich.

Anna hielt seinen Blick.

„Das klingt nicht wie Liebe.“

„Das war auch keine Liebeserklärung.“

Die Ehrlichkeit hätte sie verletzen können.

Tat sie aber nicht.

Nicht mehr.

„Dann war ich eine Entscheidung.“

„Ja.“

„Keine Ersatzlösung.“

„Nein.“

Das Wort war kurz.

Aber es löste etwas in ihr.

Anna senkte den Blick auf die Akten.

Plötzlich wirkten die Namen und Zahlen nicht mehr wie fremde Zeichen, sondern wie Türen, hinter denen Antworten lagen.

Sie dachte an Clara, an ihre Eltern, an jedes Mal, in dem man ihr gesagt hatte, sie solle dankbar sein, klein sein, still sein.

Dann hob sie den Kopf.

„Dann entscheide ich auch.“

Leonhards Blick wurde schärfer.

„Was?“

„Dass ich nicht deine Figur bleibe.“

Stille.

„Wenn ich in diesem Spiel stehe, dann spiele ich nicht nur, weil du mich gesetzt hast.“

Eine Pause.

„Ich spiele, weil ich gewinnen will.“

Zum ersten Mal veränderte sich Leonhards Ausdruck deutlicher.

Nicht viel.

Aber genug.

Dann vibrierte das Tablet auf dem Tisch.

Leonhard sah darauf.

Sein Blick wurde sofort kälter.

Anna bemerkte es.

„Was ist es?“

Er drehte das Display zu ihr.

Ein Name erschien.

Ein Unternehmen, größer als alles, was Clara bisher berührt hatte.

Darunter eine Nachricht.

Clara hat nicht aufgegeben.

Sie hat jemanden gefunden, der größer ist als wir.

Für einen Moment war der Raum vollkommen still.

Anna las die Nachricht noch einmal.

Dann verstand sie.

Claras Fall war nicht das Ende gewesen.

Es war nur der Grund gewesen, warum sie gefährlichere Hilfe suchte.

Anna spürte keine Panik.

Nicht diesmal.

Sie spürte Klarheit.

Sie sah Leonhard an.

„Gut“, sagte sie ruhig.

„Dann fängt es jetzt erst richtig an.“

Leonhard hielt ihren Blick.

Und zum ersten Mal wirkte es nicht, als würde er sie prüfen.

Sondern als würde er sie ernst nehmen.

Das war gefährlicher als Schutz.

Und wertvoller als jedes Versprechen.

Denn Schutz konnte man verlieren.

Ernst genommen zu werden, konnte der Anfang von Macht sein.

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