Kapitel 14: Der zweite Angriff
Am Morgen danach kam der zweite Angriff nicht durch einen Artikel, nicht durch eine Einladung und nicht durch Clara selbst, sondern durch eine Zahl, die plötzlich auf Leonhards Bildschirm rot aufleuchtete.
Anna stand neben ihm, als sie fiel.
Eine Beteiligung.
Dann eine zweite.
Dann eine dritte.
Keine Katastrophe.
Noch nicht.
Aber ein Signal.
Jemand bewegte Geld.
Viel Geld.
Schnell genug, um Panik zu erzeugen, aber langsam genug, um Absicht zu zeigen.
Leonhard war sofort still.
Nicht ruhig.
Still.
Anna hatte den Unterschied inzwischen gelernt.
Ruhig bedeutete Kontrolle.
Still bedeutete Gefahr.
„Vossberg“, sagte sie.
„Ja.“
„Wegen gestern.“
„Auch.“
Leonhard öffnete mehrere Fenster.
Namen erschienen.
Firmen.
Zwischenhändler.
Konten.
Anna folgte den Linien, verstand nicht alles, aber genug, um die Richtung zu erkennen.
Sie griffen nicht frontal an.
Sie drückten auf Ränder.
Auf Vertrauen.
Auf Gerüchte.
Auf Menschen, die nervös wurden, bevor sie nachdachten.
„Sie wollen, dass deine Partner zweifeln.“
Leonhard sah sie kurz an.
„Gut.“
„Was?“
„Sie sehen es.“
Anna spürte keinen Stolz.
Dafür war der Moment zu ernst.
Eine Nachricht erschien.
Dann noch eine.
Absage.
Verschiebung.
Rückfrage.
Clara musste irgendwo lächeln.
Anna sah es fast vor sich.
Doch dann fiel ihr etwas auf.
Ein Name wiederholte sich.
Nicht auffällig.
Nicht zentral.
Aber zu oft.
„Warte“, sagte sie.
Leonhard hielt inne.
Anna zeigte auf den Bildschirm.
„Dieser Mann.“
„Keller.“
„Er taucht überall auf.“
„Ein Berater.“
„Nein.“
Anna beugte sich näher vor.
„Ein Durchgang.“
Leonhards Blick veränderte sich.
„Erklären Sie.“
Anna atmete ein.
„Wenn Vossberg direkt drückt, sieht man ihn. Wenn Clara direkt spricht, glaubt ihr niemand mehr. Aber Keller kann fragen, zweifeln, verschieben, ohne wie ein Angriff zu wirken.“
Sie zeigte auf drei Einträge.
„Er ist nicht wichtig, weil er stark ist.“
Eine Pause.
„Er ist wichtig, weil alle ihn für neutral halten.“
Leonhard sah auf den Bildschirm.
Dann auf Anna.
„Sie haben recht.“
Diese drei Worte trafen sie härter als jedes Lob.
Nicht warm.
Nicht weich.
Aber echt.
Leonhard griff zum Telefon.
„Nein“, sagte Anna.
Er sah sie an.
„Noch nicht.“
„Warum?“
„Weil er dann weiß, dass wir ihn sehen.“
Stille.
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Lass ihn glauben, dass er sicher ist.“
Leonhards Blick blieb auf ihr.
„Und dann?“
Anna sah auf die roten Zahlen.
Dann auf den Namen Keller.
„Dann lassen wir ihn den nächsten Fehler machen.“
Zum ersten Mal war es nicht Leonhard, der wartete.
Es war Anna.
Und diesmal war die Falle ihre.
Dieser Gedanke erschreckte sie.
Nicht weil er falsch war.
Sondern weil er sich richtig anfühlte.
Sie begann zu verstehen, warum Leonhard selten lächelte.
Wer Fallen stellte, musste bereit sein, jemanden hineingehen zu sehen.
Auch dann, wenn er wusste, dass der Sturz weh tun würde.
Anna sah wieder auf Keller.
Dann nickte sie langsam.
Sie war bereit.
Nicht vollkommen.
Nicht ohne Zweifel.
Aber bereit genug, um nicht zurückzuweichen.
Als eine weitere rote Zahl aufleuchtete, zuckte sie nicht mehr zusammen.
Sie sah nur hin.
Und wartete auf den Fehler, der kommen musste.
Denn Menschen, die sich sicher fühlten, wurden am Ende sehr schnell unvorsichtig.