Kapitel 11: Der größere Gegner
Die Nachricht auf dem Tablet blieb zwischen ihnen liegen wie ein Messer, das noch nicht benutzt worden war, aber bereits zeigte, in welche Richtung es schneiden würde.
Anna las den Namen ein zweites Mal.
Vossberg Holding.
Selbst sie kannte diesen Namen.
Nicht aus Akten.
Aus Nachrichten.
Aus Schlagzeilen.
Aus Geschichten über Übernahmen, die wie Rettungen begannen und wie Begräbnisse endeten.
Leonhard nahm das Tablet nicht zurück.
Er ließ Anna sehen.
Und genau das sagte ihr mehr als jede Erklärung.
„Sie hat schnell reagiert“, sagte Anna ruhig.
„Zu schnell.“
Leonhards Stimme war flach.
Kalt.
Nicht überrascht.
Aber aufmerksam.
Anna sah zu ihm auf.
„Du hast damit gerechnet.“
„Mit einem Versuch.“
„Aber nicht mit ihnen.“
Er schwieg kurz.
Das reichte als Antwort.
Zum ersten Mal spürte Anna, dass Leonhard die Situation nicht vollständig kontrollierte.
Nicht weil er schwach war.
Sondern weil der Gegner größer war.
Und älter.
Clara hatte nicht einfach Hilfe gesucht.
Sie hatte Schutz gekauft.
Oder Rache.
Vielleicht beides.
„Was wollen sie?“, fragte Anna.
Leonhard zog eine Mappe aus einem Stapel.
„Zugang.“
„Zu dir?“
„Zu meinem Netzwerk.“
Anna dachte an den Salon.
An Verträge.
An Abhängigkeiten.
An all die unsichtbaren Linien, die Leonhard bewegte, ohne sie auszusprechen.
„Und Clara bietet ihnen eine Tür.“
„Ja.“
Anna öffnete die Mappe.
Darin waren Namen, Beteiligungen, alte Vereinbarungen und das Foto eines Mannes mit grauen Schläfen und einem ruhigen, unangenehmen Lächeln.
„Matthias Vossberg“, sagte Leonhard.
„Er kauft keine Firmen.“
Anna sah auf.
„Was dann?“
„Schwachstellen und Zweifel.“
Der Satz traf sie stärker als erwartet.
Sie sah wieder auf das Foto.
„Dann bin ich auch eine.“
Leonhard antwortete nicht sofort.
Anna hob den Blick.
„Sag nicht, dass ich falsch liege.“
„Sie liegen nicht falsch.“
Die Ehrlichkeit war hart.
Aber besser als Trost.
Anna schloss die Mappe.
„Dann wird Clara mich benutzen.“
„Sie wird es versuchen.“
„Und Vossberg?“
Leonhards Blick wurde dunkler.
„Er wird prüfen, ob Sie brechen.“
Stille.
Anna spürte Angst.
Natürlich tat sie das.
Aber unter der Angst lag etwas Schärferes.
„Dann darf ich nicht brechen.“
Leonhard sah sie an.
„Das ist leichter gesagt.“
„Ich habe nicht gesagt, dass es leicht wird.“
Sein Telefon vibrierte.
Eine Einladung.
Morgen Abend.
Vossberg.
Clara.
Ein privates Treffen.
Anna las die Worte langsam.
Dann verstand sie den eigentlichen Angriff.
Sie wollten sie nicht nur sehen.
Sie wollten sie zerlegen.
Vor Leonhard.
„Wir gehen hin“, sagte sie.
„Nein.“
Seine Antwort kam zu schnell.
Zu hart.
Anna bemerkte es sofort.
Zum ersten Mal klang Leonhard nicht nur kontrolliert.
Er klang gefährlich.
Für sie.
Nicht gegen sie.
„Doch“, sagte Anna.
„Das ist keine Bühne für Mut.“
„Dann machen wir sie zu einer.“
Leonhard trat näher.
„Sie wissen nicht, was solche Menschen tun.“
Anna hielt seinem Blick stand.
„Dann wird es Zeit, dass ich es lerne.“
Er schwieg.
Und in diesem Schweigen begriff Anna, dass sie gerade nicht um Erlaubnis bat.
Sie entschied.
Wenn Leonhard sie jetzt mitnahm, war sie nicht länger nur das Ziel.
Sie wurde Teil der Antwort.
Und genau davor hatte Leonhard, zum ersten Mal sichtbar, echte, ungewohnte Angst.