Sie heiratete anstelle ihrer Schwester – und entdeckte seine wahre Identität

Kapitel 4: Das System hinter der Tür

Leonhards Haus lag hinter einer langen Auffahrt, verborgen zwischen hohen Bäumen und einer Mauer, die nicht auffallen wollte und gerade deshalb deutlich machte, dass niemand zufällig hierherkam.

Es war keine Villa, die Reichtum zur Schau stellte.

Kein Gold.

Keine Marmortreppe.

Keine lauten Symbole.

Nur dunkler Stein, Glas und eine Stille, die fast diszipliniert wirkte.

Anna stieg aus dem Wagen und sah zur Fassade hinauf.

Ein Mitarbeiter nahm ihre Tasche, ohne zu fragen.

„Ich kann das selbst tragen“, sagte sie sofort.

Der Mann blieb stehen.

Dann sah er zu Leonhard.

Erst als Leonhard knapp nickte, gab er ihr die Tasche zurück.

Anna bemerkte es.

Natürlich bemerkte sie es.

In diesem Haus reagierten Menschen nicht auf Wünsche.

Sie reagierten auf ihn.

Eine Haushälterin führte sie in ein Zimmer im Ostflügel.

Es war hell, groß und perfekt vorbereitet.

Zu perfekt.

Im Schrank hingen Kleider in ihrer Größe.

Nicht ungefähr.

Genau.

Daneben standen Schuhe, Mäntel und sogar Schmuckstücke, als hätte jemand ein Leben für sie geplant, bevor sie selbst darin angekommen war.

Anna berührte einen Mantel und drehte sich zu Leonhard um, der an der Tür stehen geblieben war.

„Wie kennen Sie meine Größe?“

„Informationen sind leicht zu bekommen, wenn man weiß, wo man sucht.“

„Das klingt nicht beruhigend.“

„Es sollte auch nicht beruhigend klingen.“

Diese Antwort traf sie härter als eine Lüge, weil sie vollkommen ehrlich war.

Später verließ Anna ihr Zimmer und ging den Flur entlang.

Sie wollte nicht warten.

Sie wollte verstehen.

Am Ende des Korridors fand sie eine Tür ohne Schild.

Kein Griff.

Nur ein schwarzes Feld neben dem Rahmen.

Sie legte ihre Finger darauf.

Ein rotes Licht erschien.

„Diese Tür ist nicht für Sie.“

Anna drehte sich um.

Leonhard stand einige Schritte entfernt.

Ohne Jackett.

Die Ärmel hochgekrempelt.

Noch immer vollkommen kontrolliert.

„Was ist dahinter?“

„Arbeit.“

„Das ist keine Antwort.“

Er trat näher.

„Für den Moment schon.“

Anna wich nicht zurück.

„Ich bin Ihre Frau.“

„Auf dem Papier.“

Der Satz traf sie, obwohl sie es nicht zeigen wollte.

Sie hob den Kopf.

„Dann behandeln Sie mich wenigstens nicht wie eine ungebetene Besucherin.“

Leonhard schwieg kurz.

Dann legte er seine Hand auf das schwarze Feld.

Das Licht wurde grün.

Die Tür öffnete sich einen Spalt.

Anna sah Bildschirme.

Karten.

Akten.

Eine Glaswand mit einem Namen.

FALK GROUP.

Ihr Atem stockte.

Diesen Namen kannte jeder, der auch nur gelegentlich Wirtschaftsnachrichten las.

Leonhard schloss die Tür wieder, bevor sie mehr erkennen konnte.

„Sie wollten wissen, was dahinter ist“, sagte er.

Anna sah ihn an.

„Nein. Ich wollte wissen, wer Sie sind.“

Sein Blick blieb ruhig.

„Das ist nicht dieselbe Frage.“

„Für mich schon.“

Ein Moment verging.

Dann sagte Leonhard:

„Wenn Sie Antworten wollen, müssen Sie zuerst lernen, welche Fragen gefährlich sind.“

Anna hielt seinen Blick.

„Dann sollten Sie wissen, dass ich noch nie gut darin war, nur sichere Fragen zu stellen.“

Zum ersten Mal sah sie etwas in seinen Augen.

Interesse.

Und genau das machte ihn noch gefährlicher.

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