Sie heiratete anstelle ihrer Schwester – und entdeckte seine wahre Identität

Kapitel 15: Annas Zug

Sie ließen Keller glauben, dass niemand ihn bemerkte.

Den ganzen Vormittag lang.

Anna blieb im Arbeitsraum, obwohl niemand sie darum bat, und beobachtete, wie Nachrichten kamen, Zahlen schwankten und Stimmen am Telefon vorsichtiger wurden.

Früher hätte sie nur Unruhe gesehen.

Jetzt sah sie Muster.

Keller stellte keine Forderungen.

Er stellte Fragen.

Ob Verträge sicher seien.

Ob Leonhard noch volle Kontrolle habe.

Ob Anna eine Belastung werden könne.

Jede Frage war klein.

Aber zusammen ergaben sie Richtung.

Zweifel.

Nicht laut.

Aber wirksam.

„Er arbeitet sauber“, sagte Anna.

Leonhard stand neben ihr.

„Zu sauber.“

„Dann muss er glauben, dass es funktioniert.“

Sie nahm das Tablet und verfasste eine kurze Nachricht.

Nicht an Keller.

An einen der Partner, der gezögert hatte.

Leonhard las mit.

„Das ist riskant.“

„Ja.“

„Sie geben ihm etwas gegen Sie.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Eine Pause.

„Ich gebe ihm etwas, das er benutzen will.“

Die Nachricht war höflich.

Fast unsicher.

Sie erwähnte ein Treffen.

Einen möglichen Rückzug.

Eine angebliche Sorge wegen Vossbergs Einfluss.

Perfekt genug, um echt zu wirken.

Schwach genug, um weitergeleitet zu werden.

Anna schickte sie.

Dann warteten sie.

Zehn Minuten.

Zwanzig.

Dreißig.

Dann kam die Bewegung.

Keller leitete die Information weiter.

Nicht direkt.

Über einen Kontakt.

Dann über einen zweiten.

Doch die Spur war da.

Leonhard ließ sie sichtbar werden.

Ein Dokument öffnete sich.

Zeitstempel.

Weiterleitungen.

Namen.

Keller war nicht mehr neutral.

Er war verbunden.

Anna spürte, wie ihr Atem stockte.

Nicht aus Angst.

Aus Erkenntnis.

„Wir haben ihn.“

Leonhard sah sie an.

„Sie haben ihn.“

Der Unterschied war klein.

Aber Anna hörte ihn.

Kurz darauf ging die Information an drei wichtige Partner.

Nicht laut.

Nicht öffentlich.

Nur präzise genug.

Keller verlor seine Glaubwürdigkeit innerhalb einer Stunde.

Zwei Termine wurden bestätigt.

Eine Absage zurückgezogen.

Ein dritter Partner schrieb direkt an Leonhard.

Wir sollten sprechen.

Anna las die Nachricht und wusste, was sie bedeutete.

Die Richtung kippte zurück.

Nicht vollständig.

Aber spürbar.

Dann kam eine Nachricht von Clara.

Nur ein Satz.

Du lernst schnell.

Anna starrte darauf.

Dann tippte sie zurück.

Nein.

Ich höre nur auf, langsam zu sein.

Sie schickte die Antwort, bevor sie zweifeln konnte.

Leonhard stand neben ihr.

„Das war unnötig.“

Anna sah ihn an.

„Nein.“

Eine Pause.

„Das war für mich.“

Zum ersten Mal lächelte Leonhard fast.

Nicht weich.

Nicht offen.

Aber sichtbar genug.

Am Abend war der Angriff nicht beendet.

Vossberg war nicht geschlagen.

Clara war nicht verschwunden.

Aber Keller war gefallen.

Und Anna hatte ihren ersten eigenen Zug gemacht.

Nicht als Reaktion.

Nicht als Schutzbedürftige.

Nicht als Figur in Leonhards Spiel.

Sondern als Spielerin.

Als sie allein im Flur stand, vibrierte ihr Telefon erneut.

Eine unbekannte Nummer.

Eine Nachricht.

Wenn du wirklich spielen willst, sprich mit mir ohne Leonhard.

Anna las den Satz zweimal.

Dann hob sie den Blick.

Der nächste Zug gehörte Clara.

Aber diesmal hatte Anna keine Angst vor dem Brett.

Sie hatte Angst vor dem Preis.

Vor dem, was sie verlieren konnte, wenn sie falsch zog.

Doch sie hatte endlich begriffen, dass Stillstand auch ein Zug war.

Nur einer, den andere für einen machten.

Und das würde sie nie wieder zulassen.