Sie heiratete anstelle ihrer Schwester – und entdeckte seine wahre Identität

Kapitel 12: Einladung zur Falle

Am nächsten Abend lag das Kleid auf dem Bett, dunkel, schlicht und vollkommen anders als alles, was Anna früher gewählt hätte, weil es nicht darum ging, schön zu wirken, sondern unangreifbar.

Sie stand davor und betrachtete den Stoff.

Keine Spitze.

Kein Glanz.

Keine Bitte um Aufmerksamkeit.

Nur Linie.

Haltung.

Kontrolle.

Leonhard wartete im Türrahmen.

„Sie müssen nicht mitkommen.“

Anna sah ihn nicht an.

„Doch.“

„Sie wissen, was dort passieren wird.“

„Sie werden mich testen.“

„Sie werden Sie provozieren.“

„Dann dürfen sie nicht merken, wann es funktioniert.“

Leonhard schwieg.

Anna nahm das Kleid.

Ihre Hände waren vollkommen ruhig.

Ruhiger, als sie sich fühlte.

Als sie später die Treppe hinunterging, standen mehrere Mitarbeiter im Flur.

Niemand sagte etwas.

Aber Anna spürte die Blicke.

Nicht mitleidig.

Nicht neugierig.

Erwartungsvoll.

Leonhard wartete unten.

Für einen Moment sah er sie nur an.

Dann sagte er:

„Gut.“

Nur ein Wort.

Doch Anna verstand, dass es mehr bedeutete.

Im Wagen war es still.

Die Stadt zog an den Fenstern vorbei, kühl und hell, während Anna versuchte, ihren Atem gleichmäßig zu halten.

„Vossberg wird freundlich sein“, sagte Leonhard schließlich.

„Das klingt nicht beruhigend.“

„Soll es auch nicht.“

Anna sah hinaus.

„Und Clara?“

„Sie wird versuchen, Sie emotional zu machen.“

„Weil sie glaubt, dass ich dort schwach bin.“

„Weil sie dort schwach ist.“

Anna drehte den Kopf zu ihm.

Leonhard sah geradeaus.

„Menschen greifen oft dort an, wo sie selbst verwundet sind.“

Dieser Satz blieb bei ihr.

Als sie ankamen, wirkte das Haus der Vossbergs nicht wie ein Zuhause.

Eher wie eine Botschaft.

Groß.

Still.

Bewacht.

Jedes Licht schien absichtlich gesetzt.

Jeder Schritt klang zu deutlich.

Clara wartete im Eingangsbereich.

Neben ihr stand Matthias Vossberg.

Er war älter als auf dem Foto, aber gefährlicher in Wirklichkeit, weil er nicht versuchte, bedrohlich zu wirken.

Er musste es nicht.

„Leonhard“, sagte er warm.

Dann sah er Anna an.

„Und Sie müssen Anna sein.“

Sein Blick blieb eine Sekunde zu lange auf ihr.

Prüfend.

Messend.

Anna lächelte ruhig.

„Ich muss gar nichts sein.“

Die Stille danach war winzig.

Aber sie war da.

Claras Lächeln zuckte.

Vossberg lachte leise.

„Interessant.“

Anna wusste sofort, dass dieses Wort keine Anerkennung war.

Es war eine Markierung.

Beim Essen sprach Vossberg kaum über Geschäfte.

Gerade deshalb war jedes Wort ein Geschäft.

Er fragte nach Annas Familie.

Nach ihrer Vergangenheit.

Nach ihrer schnellen Ehe.

Immer höflich.

Immer zu präzise.

Clara saß gegenüber und wartete auf jeden Riss.

Anna beantwortete wenig.

Aber sie wich nicht aus.

Als Vossberg schließlich sagte:

„Manche Menschen steigen zu schnell in Räume, die sie nicht gebaut haben.“

Legte Anna langsam das Besteck ab.

„Und manche Menschen verwechseln alte Türen mit Besitz.“

Vossbergs Lächeln blieb.

Doch seine Augen wurden kalt.

Clara sah es.

Leonhard auch.

Anna hatte die Falle betreten.

Aber sie war nicht hineingefallen.

Noch nicht.

Clara hob ihr Glas und sah Anna an, als hätte sie bereits den nächsten Schnitt vorbereitet.

Anna erwiderte den Blick.

Ihr Herz schlug schnell.

Aber ihr Gesicht blieb ruhig.

Sie wusste, dass dieser Abend gerade erst begonnen hatte.

Nächste Seite