Sie wurde von ihrem Verlobten gedemütigt – und heiratete seinen größten Feind

Kapitel 2 — Die Nacht ohne Boden

Elena steckte den Schlüssel ins Schloss, bevor sie es bemerkte.

Die Tür schwang auf. Das Licht ging an.

Die Wohnung war leer.

Nicht leer wie nach einer langen Reise. Leer wie nach einer Razzia. Die Regale kahl. Die Kommode weg. Ihr Bücherregal. Die Fotos von den Wänden. Ihre Kleider, ihre Bücher, die kleinen Dinge, die den Raum zu ihrem gemacht hatten. Alles weg.

Victor hatte Leute geschickt, während sie auf der Party war. Während sie öffentlich gedemütigt wurde, hatte jemand hier jede Spur ihrer Existenz beseitigt.

Sie ging von Zimmer zu Zimmer.

In der Küche fehlte ihre Kaffeemaschine. Im Bad waren alle Produkte verschwunden. Im Schlafzimmer stand nur noch eine kahle Matratze. Selbst die Bettwäsche war mitgenommen worden.

Auf der Küchentheke lag ein Umschlag.

Sie öffnete ihn mit zitternden Händen.

Darin: ihre EC-Karte, sauber durchgeschnitten. Und ein Zettel: Der Mietvertrag läuft auf meinen Namen. Du hast bis 10 Uhr morgen früh.

Sie setzte sich auf die kahle Matratze. Sie weinte nicht. Weinen war vorbei.

Sie rief Clara an. Ihre beste Freundin seit dem Studium.

Drei Klingeltöne. Vier.

„Hey, Elena… es passt gerade wirklich nicht—“

„Clara. Ich brauche heute Nacht einen Schlafplatz. Etwas ist passiert—“

„Ich habe von der Verlobungsfeier gehört.“ Claras Stimme war vorsichtig. „Victor hat mich angerufen. Er hat mir seine Seite erklärt.“

„Er hat dich angerufen?“

„Ich kenne Victor schon lange. Und ehrlich gesagt? Vielleicht war das schon immer absehbar. Ihr zwei wart nie wirklich—“

Elena beendete das Gespräch.

Sie rief ihre Mutter an. Keine Antwort. Sie rief ihren Bruder an. Er hörte zwanzig Sekunden zu und sagte: „Ich kann mich da nicht einmischen.“ Dann legte er auf.

Sie saß in der leeren Wohnung und hörte, wie der Regen draußen begann. Zunächst langsam. Dann schwerer. Er trommelte gegen die Fenster.

Sie hatte zweiundfünfzig Euro in der Brieftasche. Ihre Kreditkarte hing an Victors Konto. Ihre EC-Karte war in Stücken.

Sie hatte nirgendwo hin.

Sie nahm ihre Tasche und ging hinaus. In den Regen. Sie stand auf dem Bürgersteig und ließ das Wasser ihr Gesicht treffen, ohne sich zu rühren.

Dann lief sie. Ohne Richtung. Ohne Plan. An erleuchteten Cafés vorbei, an Spätshops, an Paaren unter Markisen.

Niemand hielt an. Niemand sah hin.

Irgendwann setzte sie sich auf eine Bank unter einem Bushäuschen. Durchnässt. Kalt. Das Kleid ruiniert. Zweiundfünfzig Euro und keine Tür, an die sie klopfen konnte.

Ihr Handy vibrierte.

Unbekannte Nummer. Eine Textnachricht.

Brauchen Sie heute Nacht einen sicheren Ort? Ich glaube schon. Jemand, der Sie gehen gesehen hat.

Sie starrte auf den Bildschirm.

Ihr Daumen zögerte.

Wer war das?

Und warum wollte ein Teil von ihr bereits antworten?

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