Kapitel 11 — Vor dem Sturm
Die Einladungen wurden an einem Dienstag verschickt.
Sechzig Gäste. Kleine Zeremonie. Kein Aufwand, kein Theater. Alexander hatte das so entschieden, und Elena war einverstanden gewesen. Es ging nicht um ein Fest. Es ging um ein Signal.
Die Reaktionen kamen schnell.
Zwei Tage nach der Bekanntmachung rief ein Journalist an, der für ein bekanntes Wirtschaftsmagazin schrieb. Er wollte eine Stellungnahme. Elena lehnte höflich ab. Am selben Abend erschien ein Artikel, der die Verbindung zwischen ihr und Alexander als „taktisch motiviertes Arrangement“ bezeichnete. Keine Quelle. Keine Belege.
Victor.
Er konnte die Hochzeit nicht verhindern. Also versuchte er, sie zu beschädigen, bevor sie stattfand.
Elena saß mit Alexander an seinem Bürotisch und las den Artikel. Kein Kommentar. Nur lesen.
„Er wird nicht aufhören“, sagte sie.
„Nein“, bestätigte Alexander. „Aber wir auch nicht.“
In den nächsten Tagen arbeiteten sie intensiver als je zuvor. Elenas Rolle in Kane Industries wuchs langsam über das Symbolische hinaus. Alexander gab ihr Einblick in zwei laufende Verträge. Er ließ sie an einem internen Meeting teilnehmen. Er stellte sie einem Vorstandsmitglied als „meine Partnerin in dieser Angelegenheit“ vor — nicht als Verlobte, sondern als Kollegin.
Das fiel ihr mehr auf als jeder Ring.
Drei Tage vor der Hochzeit rief ihr Bruder wieder an.
„Elena.“ Seine Stimme klang anders. Nicht feindselig. Unsicher. „Ich wollte mich entschuldigen. Für das, was ich vor einigen Wochen gesagt habe.“
Sie schwieg einen Moment.
„Warum jetzt?“
„Ich habe Dinge gelesen. Ich habe mit jemandem gesprochen, der dich besser kennt, als ich dachte.“ Eine Pause. „Ich glaube, ich lag falsch.“
Elena atmete aus. „Das war keine leichte Aussage.“
„Nein.“ Wieder eine Pause. „Darf ich zur Hochzeit kommen?“
Sie antwortete nicht sofort. Sie dachte an die Nacht, in der sie ihn angerufen hatte. An das Klirren des Regens auf dem Bushäuschen. An den Moment, in dem er aufgelegt hatte.
„Ja“, sagte sie schließlich. „Du darfst kommen.“
Sie legte auf und blieb ruhig sitzen.
Das war keine Versöhnung. Noch nicht. Aber es war ein Anfang.
Am Abend vor der Hochzeit trafen sie einander kurz in Alexanders Büro. Keine Unterlagen auf dem Tisch. Nur zwei Stühle, zwei Gläser, eine ruhige Stadt hinter dem Fenster.
„Bereuen Sie irgendetwas?“, fragte Elena.
Alexander dachte nach. Wirklich nach — was er selten tat.
„Nein“, sagte er. „Aber ich erwarte morgen Schwierigkeiten.“
„Von Victor?“
„Ja.“
Elena sah ihn an. „Und?“
„Und wir sind vorbereitet.“ Er hob das Glas leicht. „Schlafen Sie gut.“
Sie nickte.
Aber als sie die Tür hinter sich schloss, wusste sie: Morgen würde alles auf dem Spiel stehen.