Sie heiratete anstelle ihrer Schwester – und entdeckte seine wahre Identität

Kapitel 1: Verkauft wie eine Ware

Anna Schneider hielt den Vertrag in den Händen und wusste, dass niemand in diesem Raum noch auf ihre Zustimmung wartete, sondern nur auf ihre Unterschrift.

Das Papier war schwer, glatt und teuer, doch gerade diese Perfektion machte alles schlimmer, weil es sich anfühlte, als hätte man ihr Leben sauber verpackt, bevor man es jemand anderem übergab.

„Unterschreib jetzt, Anna“, sagte ihre Mutter ruhig.

Diese Ruhe verletzte mehr als jedes Schreien, denn sie bewies, dass niemand hier auch nur eine Sekunde an ihrem Schmerz zweifelte.

Anna hob den Blick und sah ihren Vater an, der regungslos am Tisch saß.

Dann sah sie zu Clara, die am Fenster stand und so tat, als habe diese Entscheidung nichts mit ihr zu tun.

„Ich soll einen Mann heiraten, den ich nicht einmal kenne?“

„Du musst ihn heiraten“, sagte ihr Vater ohne Zögern.

Clara drehte sich langsam um, und ihr Lächeln war klein, kühl und fast gelangweilt.

„Er ist langweilig, ohne Einfluss und ohne Zukunft“, sagte sie.

„Ich verschwende mein Leben nicht an jemanden, der mir nichts bringt.“

Anna spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog, doch diesmal blieb sie stehen.

„Und ich soll das tun, was du ablehnst?“

Clara zuckte mit den Schultern.

„Du hast keine besseren Optionen.“

Ein kurzer Moment Stille entstand, schwer und demütigend.

Anna wusste, dass sie auf ihre Reaktion warteten.

Sie sollte weinen.

Sie sollte bitten.

Sie sollte nachgeben.

Stattdessen sah sie auf den Vertrag.

„Was bekomme ich dafür?“

„Sicherheit“, antwortete ihre Mutter sofort.

Anna lachte leise, aber es klang nicht nach Humor.

„Das klingt nicht nach einer Ehe.“

„Dann betrachte es als Geschäft“, sagte ihr Vater knapp.

Clara trat näher und sah Anna direkt in die Augen.

„Du bekommst mehr, als du verdienst, also hör auf, dich so wichtig zu nehmen.“

Anna senkte den Blick auf das Dokument, in dem ihr Name bereits eingetragen war.

Sauber.

Endgültig.

Als wäre ihre Zustimmung nur noch eine Formalität.

Sie las weiter, bis eine Klausel ihre Aufmerksamkeit festhielt.

Diese Ehe ist bindend und kann nur beendet werden, wenn eine Partei auf sämtliche Ansprüche verzichtet.

Ihr Atem stockte.

„Warum steht das hier?“

Clara verschränkte die Arme.

„Weil du sonst versuchen würdest, wegzulaufen.“

Anna hob langsam den Kopf.

„Und wenn ich es trotzdem tue?“

Clara lachte kurz, doch das Lachen klang weniger sicher, als sie wollte.

„Du wirst nirgendwo hingehen.“

In diesem Moment vibrierte Annas Handy.

Unbekannte Nummer.

Sie nahm ab.

„Anna Schneider.“

Eine tiefe Männerstimme antwortete, ruhig und vollkommen kontrolliert.

„Morgen um zehn Uhr heiraten Sie mich.“

Anna erstarrte.

„Wer sind Sie?“

Eine kurze Pause folgte.

„Jemand, der keine zweite Wahl trifft.“

Die Verbindung wurde beendet.

Anna sah wieder auf den Vertrag.

Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, dass sie gezwungen wurde.

Es ging darum, warum ausgerechnet sie ausgewählt worden war.

Und dieser Gedanke machte alles gefährlicher.

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